Yogamatten im Test: Bitte nicht dran nuckeln!

Öko-Test hat 15 Yogamatten getestet. Endlich!, denkt man. Doch das Ergebnis ist verheerend. Vor allem die zwei beliebten Marken „Jade“ und „Yogistar“ fallen durch. Die Messlatte liegt hoch: Die Matten enthalten Substanzen, die bei Babyschnullern unzulässig wären. Die Reaktionen reichen von Kopfschütteln bis Panik. Und jetzt?

„Bis auf eine Ausnahme haben die klassischen Kunststoffmatten in unserem Test bestenfalls mit „befriedigend“ abgeschnitten", so lautet das Fazit im aktuellen Januarheft. Und weiter: „Reine Kautschukmatten sind leider auch keine Alternative: Sie enthalten allesamt krebserregende Nitrosamine. Richtig empfehlenswert sind nur Matten aus Baum- und Schafschurwolle.“ Die eine „Ausnahme“ unter den „klassischen“ Matten ist auch noch ausgerechnet von Nike, drei Milimeter dick, rosa, laut Hersteller aus dem Kunststoff TPE und Polyester und hergestellt in Taiwan (31,95 Euro). Sie gilt als „sehr gut“, weil sie angeblich weder Nitrosamine noch PVC, PVDC oder cholorierte Verbindungen enthält. Und von „Polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) enthält sie nur „Spuren“. Man sieht: Hier führen die Chemiker das Wort. So praktische Dinge wie Rutschfestigkeit, Haltbarkeit und Abrieb, Schweißaufnahme und ob man sie in der Waschmaschine waschen kann, oder Reisegewicht und Maße kommen in dem Test leider nicht zur Sprache.

Die anderen beiden Matten, die mit „sehr gut“ bewertet wurden, heißen „Kansho Yoga-Matte Klatschmohn mit Schafsschurwoll-Filz“ und „Prolana Yogamatte Baumwolle Lammflor“ für jeweils deutlich über 100 Euro. Allerdings stellt nicht nur der Preis ein gewisses Kaufhemmnis dar. Matten mit textilen Oberflächen sieht man auch aus gutem Grund weder in Ashtanga-, Vinyasa-, Power- oder Iyengar-Yoga und schon gar nicht in Bikram-Yoga-Klassen. Sie eignen sich eher für Richtungen mit statischen, entspannenden Übungen und eventuell Kundalini-Yoga, was teilweise ja auch auf Schaffellen geübt wird. Öko-Test reicht Ratsuchende weiter: „Beim Kauf einer Matte lässt man sich am besten vom Yoga- oder Pilateslehrer beraten. Wer üble Inhaltsstoffe befürchtet und nicht allzu viel Hautkontakt mit seiner Matte haben möchte, kann ein Handtuch unterlegen – wenn es bei den einzelnen Übungen stört, zumindest bei der Schlussentspannung oder Meditation.“ Sehr viele Lehrer im Umfeld der modernen Stile benutzten und empfahlen bisher allerdings „Jade“ oder eine Matte von „Yogistar“. Diese polstern mit sechs Milimeter ganz gut, bieten auch dann einen rutschfesten Halt, wenn viel Schweiß fließt, und genossen bis jetzt ein vertrauenswürdig wirkendes Öko-Image. Drei Milimeter dagegen werden in bestimmten Positionen spartanisch bis schmerzhaft unter dem Knie. Außerdem sehen die dünnen Matten bei sehr aktiven Yogis nach kurzer Zeit recht mitgenommen aus. Und vielleicht liegt deren Nitrosamin-Anteil unterhalb des Messbaren, weil sie nur halb so dick sind. Jedenfalls bewertet Öko-Test „Jade“ und drei „Yogistar“ Matten („Yogimat Plus“, „Yogimat Natur“ und „Yogimat Eco Deluxe“) mit „ungenügend“. Die „Yogimat Kork“ kommt mit einem „befriedigend“ davon. Auch die Yogamatte der riesigen Yoga Vidya-Gemeinde bekommt mit „mangelhaft“ ihr Fett weg.

Was aber machen jetzt die Jade-, Yogistar- und Vidya-Nutzer mit diesem Öko-Test-Ergebnis? Manche versuchen einen Moment lang das Ergebnis zu verstehen – und bleiben, wie beispielsweise Diana Rick in ihrem Blog erklärt, bei ihren bewährten Matten. Andere dagegen reagieren sensibel bis hysterisch. „Manche Kunden wollten uns nach dem Test sogar ihre Meditationskissen, die mit Dinkelspelz gefüllt sind, zurückgeben", sagt Ulrike Vogt-Metschl von Yogistar. Sie erklärt, das Nitrosamine auch in Spinat, Kondomen und Blattspinat vorkomme. Sobald man Obst, Käse und Salz zusammenkoche, entstünden Nitrosamine.

Nitrosamine gelten als krebserregend und werden durch Körperflüssigkeit und Abrieb frei. Allerdings spielt hierbei auch die Dosis eine gewisse Rolle. Gesetzliche Grenzwerte für Nitrosamine gibt es in Deutschland nach Auskunft von Vogt-Metschl nur für Babyschnuller. Auf Anfrage habe man ihr bei Öko-Test erklärt, dass man sich beim Test der Yogamatten an diese Vorschriften gehalten habe. „Aber auf Yogamatten wird ja auch nicht stundenlang herumgelutscht und gekaut wie bei Schnullern“, sagt sie. Im Klassiker des Hauses, der „Yogimat Plus“, die gefühlt in jedem zweiten Studio der Republik in den Regalen liegt, stellten die Tester dazu „optische Aufheller“ fest. Was sie aber nicht dazu schrieben: Die Aufheller sind laut Vogt-Metschl nur in dem kleinen Textillabel, nicht in der Matte selbst. Ihr Entsetzen ist nachvollziehbar. Bei den  betroffenen Mattenhersteller herrscht Alarmstimmung.

Natürlich forsche man weiter. Nach aktuellem Kenntnisstand gebe es zu den geringen Nitrosamin-Mengen aber nur eine Alternative, die auch nicht in Frage kommt: Schwefelkohlenstoff – ein Nervengift. Ähnlich reagierte „Jade“ auf die Anfrage von yogaservice.de: Man entwickle das Naturprodukt ständig weiter. Vor allem aber will „Jade“ die Ergebnisse durch eigene Test überprüfen, schrieb uns Dean Jerrehian aus Conshohocken in Pennsylvenia (USA). Schließlich war man sehr überrascht, da der Hersteller davon ausging, überhaupt keine der beanstandeten Substanzen in seinen Naturkautschuk-Matten zu haben: „Our products are in compliance with Directive 2002 / 95 / EC of the European Parliament and of the council of 27 January 2003 on the restriction of the use of certain hazardous substances in electrical and electronic equipment RoHS and all the ingredients in our mats are approved by the US Food and Drug Administration for use in rubber in continuous contact with food and drugs“, schrieb er uns. Zudem gebe es neun verschiedene Nitrosamine, nicht alle seien gesundheitsschädlich. Und wenn, dann nur bei Einnahme (also nicht an der Matte knabbern oder intensiv schnuppern!). Außerdem betrügen die gemessenen Werte ein Vierzigstel der in Deutschland in Schnullern zulässigen Menge, habe Öko-Test gegenüber „Jade“ gesagt. Das steht leider auch nicht im Test.

Falls die Aussagen der Hersteller stimmen, wirft das ein seltsames Licht auf „unser“ geschätztes und angesehenes Öko-Test-Institut. Dean Jerrehian, ein ehemaliger Anwalt der US-Umweltschutzbehörde, jedenfalls nimmt den Fall sehr ernst. Man wolle eigene Tests durchführen und in „ein paar Wochen“ die Ergebnisse vorlegen. Wir sind gespannt und freuen uns auf aussagekräftigere Tests. Schließlich sind Yogis sehr sensibel bei solchen Themen.

tis

Zum Thema

Alle Details der Testergebnisse gibt es auf der Internetseite von Öko-Test für 2 Euro

Viele interessante Yogathemen in unserem Lexikon

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