Yogalehrer werden

Yoga surft auf der Fitnesswelle. Allerdings führen Yogalehrer in Fitnessstudios nicht nur durch Leibesübungen wie ihre Kollegen in den Tae Bo-, Pilates- und Aerobic-Kursen. Sie müssen ein gewisses philosophisches Mehr bieten, damit sich das Versprechen des Yoga einlöst: innere Ruhe. Arbeitsmarkt und Ausbildungsangebote für Yogalehrer blühen.

Eine gute Figur allein genügt heute vielen Menschen nicht mehr. Immer mehr besuchen Yogakurse, um bei Kraft-, Dehn- und Atemübungen auch Stress abzubauen. Sie schütteln mit der alten indischen Technik ihre Rückenschmerzen ab, verbessern ihre Nervenstärke und Konzentrationsfähigkeit. Mit 41,1 Prozent derjenigen, die sich für Yoga und Meditation interessieren, tun das wegen des positiven Effekts beim Stressabbau, gefolgt von gesundheitlichen Aspekten wie Rückenprobleme (40,8 Prozent) und mentalen Wirkungen wie „geistige Ruhe, innere Kraft oder gesteigerte Konzentrationsfähigkeit" (39,5 Prozent). Das zumindest behauptet eine Studie von TNS Infratest im Auftrag der Firma Innervest, derzufolge übrigens jeder fünfte Deutschen Yoga und Meditation macht oder machen will; das wären rund 13 Millionen. Die Zahl der tatsächlich Praktizierenden liegt laut Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) bei 3 Millionen. Genaue Zahlen gibt es nicht, dafür aber euphorische Erwartungen an einen boomenden Markt für Yogastudios, Ausstatter und Sachbücher – und die Hoffnungen auf einen großen Arbeitsmarkt für Studiomanager und die geschätzten 10.000 bis 20.000 Yogalehrer.

„Die deutsche Yogaszene erinnert mich an Kalifornien vor fünf Jahren“, sagt Bryan Kest. Der Erfinder der dynamischen Stilrichtung Power-Yoga repräsentiert den neuen Typus eines Yogalehrers, der für manche seiner Schüler fast schon den Status eines Rockmusikers genießt und offenbar ein gutes Auskommen hat. Er lebt von zwei Studios, Workshops, Lehrerausbildungen, Büchern und DVDs. Der 45-jährige Yogalehrer eröffnete vor gut zehn Jahren eines der ersten modernen Yogastudios in Los Angeles, „heute siehst du hier an jeder Straßenecke ein Studio“, sagt er. Wenn sich Deutschland also weiter wie die amerikanischen Yogahochburgen Los Angeles, San Francisco und New York entwickelt, hat der hiesige Yogamarkt die goldenen Zeiten noch vor sich. 

Entsprechend wächst das Ausbildungsangebot, doch nicht alle eignen sich für ein Berufsleben als Yogalehrer. „Häufig sind auch die Erwartungen der Schüler falsch“, sagt Mathias Tietke vom Berufsverband der deutschen Yogalehrenden (BDY). „Vier Wochen Ausbildung und danach 3000 Euro im Monat verdienen, das geht an der Realität vorbei.“ Für solch einen Verdienst müssen selbst erfahrene, gut vernetzte Yogalehrer hart arbeiten. Festanstellungen sind selten in der Branche, die meisten arbeiten als Freiberufler in Fitness- und Yogastudios, haben Klassen zuhause und Schülern im Einzelunterricht. Oder sie stellen sich als Inhaber eines Studios neben der Lehre auch den Herausforderungen eines Unternehmers.

Mathias Tietke hat sein Yogalehrer- Zertifikat vom BDY. Die berufsbegleitenden Ausbildungen hierfür dauern in der Regel drei bis vier Jahre. Dafür können die Absolventen aber auch Schüler als Kassenpatienten abrechnen – sofern sie über die Zulassung in einem heilenden Grundberuf wie Arzt, Physiotherapeut, Psychologe oder Hebamme verfügen. Yoga gilt hier als Zusatzqualifikation, um Schwangerschafts-Yoga zu unterrichten, Rückenschmerzen zu heilen oder ausgebrannte Manager von ihrer Depression zu befreien.

Tietke hat sich hauptberuflich für die Arbeit als Autor von Artikeln und Büchern über Yoga entschieden. „Man sollte sich vor der Entscheidung für Unterrichten klar machen, was es heißt, drei, vier Yogaklassen am Tag zu unterrichten und dabei immer das Gleiche zu vermitteln.“ Yogaschüler erwarten die volle und schenkende Aufmerksamkeit des Lehrers. „Sensibilität für die Dinge, die um uns herum oder in uns geschehen“ – das nennt Tietke nach all den Interviews, die er mit vielen, ganz unterschiedlichen Yogalehrer-Persönlichkeiten führte, als gemeinsamen Nenner. Diese Qualität zeichnet zwar auch Künstler, Schriftsteller und Journalisten aus; Yogalehrer aber entschleunigen das Leben einen Moment lang und vermitteln dem hektischen Westler – körperliche Anstrengung hin oder her – während der meditativen Momente einer Yogaklasse so exotische Erfahrungen wie Innehalten und aktiv „nichts“ zu tun.

Diese Kunst zu vertiefen und „hinter das Geheimnis des Lehrers zu kommen“, kann auch eine Motivation zur Yogalehrer-Ausbildung sein. So jedenfalls erklärt sich Yogalehrerin Patricia Thielemann die Nachfrage nach ihren zweijährigen „Teacher Trainings“ zum Zertifikat der amerikanischen Yoga Alliance. Die Inhaberin des Berliner Studios Spirit Yoga bildet seit einigen Jahren aus, der laufende Lehrgang war seit Juli ausgebucht. „Vielen ist der erste Beruf nach zehn, fünfzehn Jahren alltäglich und glanzlos geworden, so dass sie eine Veränderung suchen“, beobachtet sie. Nach der Ausbildung sieht es allerdings oft etwas anders aus. „Die Trainees sehen ihren eigenen Beruf mit anderen Augen und bleiben mit einer neuen Einstellung dabei.“ Und machen das Yogaunterrichten zu einem erfüllenden Nebenberuf.

Artikelfoto: T. Krishnamacharya beim Unterricht in den Dreißigerjahren (Fotograf unbekannt).

Zum Thema

Der Yogalehrer ist kein staatlich anerkannter Beruf. Die IHK Saarland entwickelte eine Rechtsvorschrift, nach der sie seit 2008 als erste öffentlich-rechtliche Einrichtung Yogalehrer zertifizieren kann. Prüfungen wurden bisher noch keine angemeldet.

Die Krankenkassen erstatten die Kursgebühren, wenn die Qualifikation des Yogalehrers den Vorgaben des Leitfadens der Spitzenverbände der Krankenkasse entspricht. Dazu gehört ein heilender Grundberuf wie Arzt, Physiotherapeut oder Hebamme. Leitfaden als Download

Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY)