Yoga und Buddhismus: Interview mit Cyndi Lee

Cyndi Lee ist Gründerin des angesehenen Om Yoga Institutes in New York. Sie war Tänzerin, Choreografin und praktiziert und lehrt seit Jahrzehnten einen Yoga, der den Buddhismus integriert. Jetzt bietet sie zum ersten Mal eine Yogalehrer-Ausbildung in Europa an. Im Juni kommt sie für Workshops nach Berlin. Wir sprachen mit ihr  über ihren Weg, die beiden achtgliedrigen Wege im Yoga und Buddhismus und das Gom.

ys: Wie definierst du Yoga?

Beziehung. Eine Praxis, die Ursache und Wirkung erkundet; mit der man gegenseitige Abhängigkeiten zu verstehen lernt; Unbeständigkeit zum Ausdruck bringen kann; die das Vertrautwerden mit sowie das Akzeptieren von Veränderung und sich immer wieder mit der grundlegenden Gutheit (im Buddhismus auch als „Buddha Natur“ bezeichnet, A.d.R.) zu verbinden, die unser Geburtstrecht ist und nicht von uns genommen werden kann.

ys: Dein Stil „Om Yoga“ verbindet Vinyasa-Flow mit Buddhismus. Wie kam es dazu und wie integrierst du die buddhistische Lehre in deine Yogastunden?

Im Jahre 1971 begann ich mit Yoga und praktizierte während meiner Tanzkarriere weiter. Ende der Achziger traf ich meinen buddhistischen Lehrer Gelek Rimpoche und war vom Buddhismus – Aufmerksamkeit und Mitgefühl – sehr inspiriert. Diese Praktiken stärkten mein Bekenntnis zu Yoga in dem Ausmaß, dass ich aufhörte zu tanzen und Yoga fulltime zu unterrichten begann. Ich bemerkte, dass ich während des Unterrichtens selbstverständlich Botschaften und Formulierungen verwendete, die ich von Gelek Rimpoche gelernt hatte. Er gab mir die Erlaubnis, weiter damit fortzufahren und so entstand Om Yoga, organisch entwickelt aus zwei Praktiken, die sich in meinem Leben begegneten. Für mich ist es ganz klar, das Yoga das perfekte Vehikel ist, um mit dem Geist und dem Herzen zu arbeiten.

Cyndi Lee in Flying Fish © OM yoga

ys: Welchen Parallelen gibt es zwischen der Yogaphilosophie von Patanjali und den Lehren des Buddhismus?

Beide Lehren sind in Indien begründet, und es gibt Überschneidungen. Eine der offensichtlichen Gemeinsamkeiten ist zwischen dem Achtgliedrigen Pfad von Patanjali und dem Achtfachen Pfad des Buddhismus.

Die „Achtgliedrige Weg“ des Yoga besteht aus:

1. Yamas (A.d.R.: Verhaltensweisen im Umgang mit der Welt)
2. Niyamas (A.d.R.: Verhaltensweisen im Umgang mit sich selbst)
3. Asana (A.d.R.: Yogahaltungen, Praxis)
4. Pranayama (A.d.R.: Atemübungen)
5. Pratyahara (A.d.R.: Zurückziehen der Sinne)
6. Dharana (A.d.R.: Konzentration)
7. Dhyana (A.d.R.: Meditation)
8. Samadhi (A.d.R.: Absorption mit dem Objekt oder Subjekt der Kontemplation; Glückseligkeit)

Der „Achtfache Pfad“ des Buddhismus dagegen gliedert sich in:

1. Rechte Ansicht
2. Rechte Absicht
3. Rechte Rede
4. Rechtes Handeln
5. Rechter Lebenserwerb
6. Rechte Anstrengung
7. Rechte Achtsamkeit
8. Rechte Meditation

Beide Systene beinhalten Weisheit, ethisches Verhalten und spezifische Praktiken.

ys: Auf deiner Homepage steht „Teaching yoga is itself a practice.“ (Yoga zu lehren, ist an sich eine Praxis, A.d.R.). Was meinst du damit?

Wenn wir „yogieren“ oder meditieren, nennen wir es Praxis. Was praktizieren wir? Mitgefühl, Bewusstheit, Klarheit, Integration, Wachsamkeit, ein offenes Herz. Wenn ich Yoga unterrichte, praktiziere ich diese nicht in der Ausführung von Asanas (Yogahaltungen, A.d.R.), sondern in dem ich meine Schüler beobachte und ihnen Aufmerksamkeit schenke. Um dabei gegenwärtig zu bleiben, gibt es sogenannte Punkte der Aufmerksamkeit: Mein Herz zu öffnen und mein Mitgefühl zu vertiefen.
Ich unterrichte aus einem Grund: Hilfsbereit zu sein und deshalb ist es für mich wichtig, eine Umgebung zu etablieren, die es den Schülern erlaubt, sich sicher und von mir beschützt und geleitet zu fühlen – als ihre Lehrerin. Während des Unterrichtens geht es nicht darum, dass ich Asanas praktiziere, sondern Gründe und Konditionen für die Asana-Praxis der Schüler zu kreieren, die sie zu mehr Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Klarheit, Wachsamkeit und einem offenen Herz führen.

Cyndi Lee in Vishnus Couch © OM yoga

ys: Mittlerweile praktizierst und lehrst du seit mehreren Jahrzehnten. Wenn du zurückblickst: Haben Yoga und Buddhismus dein Leben verändert und wenn ja, wie?

Das ist für mich schwierig zu beantworten, da ich das Gefühl habe, dass Yoga und Buddhismus mein Leben sind. Ich vermute das beide Praktiken mir einen Anker und einen Plan gegeben haben. Wo immer ich mich auch in der Welt befinde: Wenn ich auf meiner Yogamatte oder meinem Meditationskissen sitze – sogar, wenn die Yogamatte der Hotelteppich und das Meditationskissen das Kissen von meinem Hotelbett sind – ich fühle, dass ich zu Hause bin. Yoga und Buddhismus sind eine Zuflucht für mich, zu der ich immer Zugang habe. Insbesondere der Buddhismus hat mir einen Rahmen gegeben, um mich selbst und andere zu verstehen. Er schafft eine Orientierung dafür, wie man sich weniger abrackert und sich stattdessen für mehr Glück und Freude öffnet.

ys: Und wenn du deine Schüler beobachtest: Haben sich die Erwartungen an Yoga und die Menschen, die in deine Yogastunden kommen, in den letzten Jahren verändert?

Manchmal habe ich das Gefühl, das zwar mehr und sehr vielfältig Yoga angeboten wird. Aber dieser Yoga ist teilweise unvollständig – und dementsprechend auch das Verständnis der Schüler. Das führt dazu, dass Menschen zu der Erwartung tendieren, etwas zu erhalten. Dieses Etwas müssen sie stattdessen in sich selbst finden und kultivieren. Yoga und Buddhismus sind persönliche Praktiken, und so lange wir diese nicht persönlich werden lassen, machen wir die Praxis von jemand anderem. Das tibetische Wort Gom beinhaltet alles, worauf es bei der Praxis ankommt: Das Wort bedeutet „vertraut werden mit“. Mit anderen Worten: Wir müssen mit uns selbst anfangen und lernen, uns mit uns wohl zu fühlen, sich mit uns anfreunden, so wie wir im Moment sind. Von dort können wir auf den Begriff „Bhavana“, im Sinne von Absicht, schauen. Wir können uns selbst fragen: „Was kultivieren wir in unserer Praxis?“ Jeder von uns kann nur dort beginnen, wo er oder sie sich befindet. Von dort begeht man die wünderschönen Wege des Yoga und Buddhismus. So verschafft man sich Klarheit darüber, was man kultivieren möchte – für einen selbst. Für mich sind es Freiheit vom Leiden, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit. Eine große Herausforderung, ja, aber ich bin von meinen Lehrern und Schülern inspiriert, immer weiter zu praktizieren.

ys: Vielen Dank.

mho

Zum Thema

Die erste Yogalehrer Ausbildung mit Cyndi Lee in Europa startet am 3. Juni 2011 in Berlin, Deutschland.

Vom 10. bis 12. Juni unterrichtet Lee zusätzlich verschiedene Workshops in Berlin, unter anderem auch mit ihrem Mann, David Nichtern, der Senior Teacher der buddhistischen Shambala Linie ist.

Homepage von Cyndi Lee und dem Om Yoga Center

Blog von Cyndi Lee bzw. Om Yoga blog

Original-Interview in englischer Sprache