Yoga mit DJ: Die Erben der Clubculture
„Fusion-Yogini“, „Chakra-Tuning“ und „Rock-Asana“ – Ausdrücke wie diese zeichen schon die Sympathie moderner Großstadt-Yogis für Popkultur. Bemerkenswert sind auch die Experimente, Asanas in der Atmosphäre von Clubs, Chillout-Areas oder Bühnenräume zu üben. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Dass eine Messe unter einem erhabenen Kirchengewölbe mit großen bunten Fenstern, Chor und Orgel, die Musik von Bach und Händel spielen, ganz anders wirkt als das Gebet in einem nüchternen Neubau-Saal, das muss man einem erfahrenen Katholiken nicht eklären. Die richtige Inszenierung eines Gottesdienstes mit hallenden Klängen, Weihrauch, feierlichen Gewändern und stimmungsvollem Licht gehört in fast allen großen Religionen zum probaten Mittel. Rhythmus bringt einen aber auch mit Schwung durch den härtesten Workout im Fitnesscenter – man stelle sich eine Thai Bo- oder Aerobic-Klasse ohne Musik vor! Irgendwo auf der Grenze zwischen Gottesdienst und Workout experimentieren immer häufiger Yogaklassen mit DJs und ausgefallenem Lichtdesignern und schaffen damit eine ganz neue Erlebnisform.
Eine Vorreiterrolle beim Einsatz von Popmusik im Yogaunterricht nimmt zweifelsohne der Jivamukti-Yoga aus New York ein. Ihre Gründer Sharon Gannon und David Life entstammen der Künstlerszene. Unter ihren Anhängern und Freunden findet man auch viele, teils sehr berühmte Musiker. Zum Soundtrack ihrer dynamischen Asanapraxis gehören Kirtan und Folk genauso wie Rock, HipHop und Electro. Entsprechend dazu erweitert sich die Rolle des Yogalehrers vom Kenner der Asanas, Atemtechnik und Yogaphilosophie immer mehr zum Arrangeur einer geeigneten Situation, in der der Inszenierung eine tragende Rolle zukommt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe – kein Wunder, dass sich manche Yogalehrende Lichtdesigner und Musiker dazuholen.
In den USA füllen heute Yoga-Djs wie Prinzess Superstar und DJ Hyfi die Klassen der Studios im ganzen Land. Mit Veranstaltungen wie „Jivaelectro“ in Berlin und „Saturday Night Flow“ in München greift die deutsche Jivamukti-Szene das Konzept auf. Die Klassen sind gut besucht. Ein DJ kann mit seiner rhythmischen Musik die Energie der Klasse spürbar erhöhen. Und ein kreatives Lichtkonzept öffnet die Teilnehmer zusätzlich für etwas, was den Alltag außer Kraft setzt.

120 Minuten JivaElectro in Berlin © Ulrika Walmark
Es gibt verschiedene Motivationen für das, was wir hier einmal „Club-Yoga“ nennen wollen. Verständlich ist das Bedürfnis zu feiern, ohne sich dabei jedesmal bis fünf Uhr morgens mit Zigaretten, Alkohol und Drogen zu vergiften. Das jedenfalls ist der Ansatz von Anja Kühnel, Inhaberin von Jivamukti Yoga Berlin, die Prinzess Superstar befreundet ist. Sie kennen sich aus der Yogalehrer-Ausbildung. Auch Prinzess suchte das Glück der Party, ohne die ungesunden Zutaten und Widersprüche zu den Werten der Yogaphilosophie. „Außerdem wollten wir Leute ansprechen, die sonst wahrscheinlich gar nicht an Yoga denken würden“, sagt Anja Kühnel, „oder die glauben, dass Club- und Yogaszene zwei unterschiedliche Welten sind, die sich nicht verbinden lassen.“ So taten sich die Djane und Studioinhaberin zusammen und erfanden JivaElectro.
Allerdings muss man auch ein Quäntchen Humor für diese Art Veranstaltung mitbringen. Bei einem ihrer Auftritte bei Jivamukti Yoga Berlin begannen wir mit Mantragesängen zu Harmoniumklängen. Dann standen wir im Herabschauenden Hund, der Atem rauschte tief und ruhig durch rund 50 Kehlen, als plötzlich lautes Hecheln aus den Lautsprechern tönte. Wir lachten über diese Ironie, das hatte etwas befreiendes. Dann setzte ein Housebeat ein, der jede Tanzfläche gefüllt hätte. Prinzess strahlte unter ihren Kopfhörern, hüpfte im Takt und suchte nach der nächsten Platte. Bei der lauten Musik ging so manche Anweisung der zwei Lehrer trotz Mikrophone unter. Doch die meisten Teilnehmer erahnten die kommenden Asanas, dieses geteilte Wissen schuf ein schönes Wir-Gefühl. Gestört wurde der Flow nur durch eine schnöde Note: Als wir im Schulterstand standen, wiesen uns die Lehrer darauf hin, dass gerade der neueste Hit von Prinzess laufe. Wir machten alle anerkennend „Yeaah!“ Aber auf der Zunge blieb ein schaler Geschmack von Spaßkultur zurück. Trotzdem verließ ich den Raum mit einem fröhlich-schwebenden, allerdings auch leicht bedröhnten Gefühl.

Jivamukti-Lehrerin Anja Kühnel, Prinzess Superstar und Duncan Wong. © Jivamukti Yoga Berlin
Unvergessen ist der Auftritt des deutschen Jivamukti-Lehrer Patrick Broome an der Berliner Siegessäule mit dem Lächelnde Schamanen an den Plattenspielern. Der legte atmosphärische elektronische Musik auf, auch Ambient genannt. Die Kombination aus prominentem Yogalehrer und prominentem DJ verliehen der Veranstaltung natürlich einen gewissen Glamour; den brauchte sie auch – schließlich ging es auch um die Promotion eines Getränks. Rüdiger Grünwald, so der bürgerliche Name des DJs, Ehemann der bekannten deutschen Yogalehrerin Anna Trökes, ist seit Mitte der Siebzigerjahre eine feste Größe in der Clubszene und hat sich hier vor allem als Spezialist für den musikalischen Chillout eine Namen gemacht. Er nahm den Geist der heute so beliebt gewordenen Entschleunigung vorweg: „Slow Music for fast people“ hieß eines seiner Projekte in den Neunzigerjahren bezeichnend. Auf seiner Internetseite bietet er neben „Musikalischer Unterstützung für Kommunikation“ auch „Prana-Beats – Yoga – Dancefloor“ an – als einer der wenigen in Deutschland.
„Es ist nicht einfach, Djs zu finden, die da drauf springen“, bestätigt Katja Pasquini die den Night Flow für das Frankfurter „Balance Yoga Institut“ ins Leben rief. Sie bringt einschlägige Erfahrung mit, da sie selbst fünf Jahre lang einen House-Club führte. Der Night Flow fand bisher alle zwei Monate statt und dauerte zwei Stunden. Die farbige Beleuchtung gestaltete Katja Pasquini selbst, Balance-Yoga-Inhaber Timo Wahl unterrichtete mit mehreren Assistenten und die ruhige elektronische Musik mixte der Hamburger DJ Andreas Wassermann live. Die Teilnehmer standen auch auf der Gästeliste von fünf Clubs, in denen sie ihre Tour fortsetzen konnten. Dieses Konzept wird allerdings gerade überarbeitet. Der Night Flow soll 2011 noch mehr Eventcharakter erhalten und nicht im Studio, sondern an sogenannten „Off-Locations“ stattfinden, zum Beispiel auf dem Dach eines Hotels im Bankenviertel.
Auch der Kölner Yogalehrer Frank Schuler feilt weiter an seinem Nightflight. „Die Herausforderung besteht darin, dass das Thema Yoga bleibt“, sagt er. Das Konzept hat der Mitinhaber des Kölner Studios Lord Vishnus Couch aus einem spielerischen Moment heraus zusammen mit Lichtdesigner Ludwig Kukartz entwickelt. Die kunstvoll inszenierten 100 Minuten mit professionellem Bühnenlicht fragen immer mehr Yogaschulen nach. „Wir sind fast jeden Monat irgendwo in Deutschland eingeladen.“ Fast scheint es, als befürchte Frank Schuler schon das Image des Disko-Yogalehrer aufgedrückt zu bekommen.
Viel häufiger noch unterrichtet er Vinyasa-Flow-Yoga und Meditation in ruhiger Atmosphäre. Sein Yogaverständnis knüpft er an ein tiefes Eimpfinden von Körperlichkeit. Dieses Empfinden bilde die Grundlage, auf der er den Nightfligt als Work-in-Progress weiterentwickle, sagt er: Ist da noch Yoga, wenn die Musik lauter wird und man noch mehr Lichtstrahler an die Decke hängt? Schafft das Licht die Stimmmung einer Chillout-Area oder verleiht es dem Yogastudio die heilige Aura einer Theaterbühne? Musik kann das Körperbewusstsein „herauskitzeln“, wie er sagt – ein Zuviel allerdings lenkt vom Körper ab und zieht die Aufmerksamkeit nach außen. Es entsteht eine „Überdosis“ an Sinneseindrücken.

Frank Schuler führt durch den Night Flight bei der Yoga Conference 2010 in Köln. © Jörg Küster
„Die Leute genießen zwar, wenn wir anfangs während der stehenden Übungen aufputschende Beats spielen, aber dann fahren wir das immer weiter runter“, sagt Frank. Die künftigen Nightflight werden also eher noch ruhiger werden. In den Fokus bei der Weiterentwicklung dieser Veranstaltung rückt immer mehr das Konzept der Poesie. Sie macht sanft, bringt in eine beschauliche Stimmung und lädt zur Meditation ein. Durch die Praxis reagieren die Sinne der Yogaübenden offener und sensibler auf die Qualitäten der Umgebung und nehmen somit auch die Poesie einer Situation stärker war.
Frank Schuler rechnet mit der Möglichkeit, dass manche Teilnehmer seines Nightflights die Matten verlassen, sich an die Wand setzen und das Zusammenspiel aus Klang, schönem Licht und asanaübenden Yogis betrachten wollen oder in dieser besonderen Atmosphäre meditieren. Unter Umständen finden sie auch darüber eine tiefe Ruhe. Freiräume wie diese sind für den Großstädter das, was die Wälder für die heiligen Männer in Indien darstellen: Platz für seelische Weite und Entdeckungen abseits der gesellschaftlichen Zwänge. So wie die Urväter des Yoga, die Rishis in den mythischen Zeiten Indiens, durch das Beobachten der Tiere, der blühenden und verwelkenden Pflanzen und des strömenden Wassers eines Flusses die Einsichten fanden, die ihnen halfen, sich mit dem Frieden im innersten Kern ihres Selbsts zu verbinden. Diese Verbindung ist ja bekanntlich das, wofür die Metapher „Yoga“ steht.

Yogalehrer Patrick Oancia an den Turntables beim Nightflight in Köln Mai 2010. © Jörg Küster
Es bleibt die Frage, wie es zu dieser Crossculture kommt. Sie lebt von den Erinnerungen einer Generation, die ihre ganz wilden Zeiten hinter sich hat. Sie fühlt sich zwar noch jung und hip, ist inzwischen aber auch schon Mitte Dreißig. Sie hat nicht mehr so viel Lust auf Clubs, die Codes der Clubkultur wecken aber noch immer Heimatgefühle. Diese Generation blieb neugierig für bewusstseinserweiternde Erlebnisse und sympathsiert mit den Idealen, die auf den Parties und der Loveparade der Neunzigerjahre gefeiert wurden: Harmonie, Freude und eine die ganze Menschheit verbindende Liebe. Diese Werte stehen in der Tradition der Hippies, ohne deren Asientrips sich der Yoga sowieso nicht so schnell im Westen verbreitet hätte. T-Shirts mit Ganesh-Figuren, „Full-Moon-Party-Aufdruck und Om-Tatoos gehörten schon zum Stil der Raver und Goaszene.
Was zeichnet ein vollständiges Cluberlebnis aus? Fünf Elemente: die Musik, das Tanzen, die Gemeinschaft, der Freiraum und Drogen. Alles lässt sich auch mit Yoga herstellen. Das Tanzen im Club entspricht den Asanas auf der Yogamatte, sofern sie fließend und gut choreographiert aufeinander folgen. Die Übenden atmen und bewegen sich im Idealfall synchron, das kann ein schönes Gemeinschaftserlebnis schaffen. Die Übenden unterstützen sich gegenseitig mit ihrer Energie.
Drogen spielen nicht nur in der Clubculture, sondern auch in der Biographie einiger Yogis eine entscheidende Rolle. Drogen waren oft der Auslöser, sie sorgten für den ersten Blick über den Tellerrand des Alltagsbewusstseins. Aber alle Drogen sind zerstörerisch, also lassen die Klugen irgendwann einmal die Hände davon und suchen nach gesunden Alternativen. Viele finden sie im reichen Erfahrungsschatz des Yoga. Manche Raver lernten sogar schon zu Partyzeiten die Bedeutung des Atems kennen. So steht in einer handlichen „Safer-use-info“ zu Partydrogen, der schöne „Partytip“: „Die Atmung bewusst regulieren, wenn Du Dich völlig in Trance tanzen willst.“ Das Heftchen gaben Berliner Partyclubs 1994 nach dem Motte heraus: „Die Dosis macht das Gift.“ Auch gut beatmete Asana können berauschen. So entlässt Poweryoga-Gründer Bryan Kest die Teilnehmer seines Workshops „Long, Slow and Deep“ (kurz: LSD!) stets mit dem Hinweis, sie sollten es ruhig angehen lassen: Vorsichtig im Straßenverkehr, besser nicht gleich das Studio verlassen, sondern noch ein halbes Stündchen im Foyer ausruhen. „Ihr seid jetzt nämlich wie high.“ Dieses Wort beschrieb den Zustand, in dem ich mich nach Bryan Kests LSD befand, jedenfalls recht gut.
Die ungewöhnliche Rauminszenierung ist das fünfte Element der Clubkultur, sie schafft den Freiraum, den die House- und Technoparties im Untergrund fanden. Der sei in der heutigen Gesellschaft rar geworden, sagt Loveparade-Gründer Dr. Motte. „Er war der Ort, an dem alles zugelassen war. Außer Gewalt." Die Regeln: „Wir sind respektvoll. Jeder hat die Freiheit, sich zu entfalten. Und nutzt die Musik, um neue Kommunikationswege zu finden. Dann kann man darüber neue Modelle für das Zusammensein in der Gesellschaft üben oder finden.“ Dort zelebrierte die Technobewegung schon die Vision der Liebe als alles verbindende Kraft. Das erinnert an Shyamdas: Sich der Liebe offen hinzugeben, ist für ihn die Pointe des Yoga. Das setzte schon immer einen geschützten Rahmen voraus, in dem die Herzensstärke gedeihen kann, ob im Ashram, beim Tanzen in einem guten Club, bei der Yogapraxis in der Heiligkeit eines großstädtischen Bühnenraums oder an den Ufern eines Flusses weitab vom Trubel, wo die Rishis ihre Einsichten fanden.
Zum Thema
Er war ein wunderbarer Auftakt zur Yoga Conference im vergangenen Jahr, und wir können uns auch dieses Jahr wieder darauf freuen: Freitag abend, 20 Uhr, 27. Mai 2011 eröffnet die Community beim Nightflight die diesjährige Yoga Conference in Köln. Frank Schuler führt durch die 100 Minuten, das Lichtdesign stammt von Ludwig Kuckarz und an den Turntables sitzt wieder Patrick Oancia.
Einen „Nightflight“ gibt es jetzt übrigens auch beim Anusara-Yoga: City Yoga Berlin meint damit eine Level 3-Klasse mit „starken Rhythmen und lauten Beats“ jeden Samstag 17.30 bis 19 Uhr mit Yogalehrerin Tina.
Ganz neu auf dem Terminkalender: Bei Jivamukti Yoga Berlin findet der nächste JivaElectro mit DJ Gesine am 2. April 2011.
Da die Organisatoren des Saturday Night Prana bei Jivamukti München noch on Tour sind, war bei Redaktionsschluss offen, wann in München die Saison eröffnet wird. Aber ein event in Chemnitz steht schon fest, am Samstag, 19. März 2011 (19:00h).
Die Zukunft des Nightflow beim Balance Yoga Institut in Frankfurt ist ungewiss. Initiatorin Katja Pasquini verlässst am 28. Februar das Team für eine berufliche Veränderung.
Auch Yoga Vidya experimentiert seit kurzem mit Yoga-Klassen mit DJ. Die nächste „Turnstunde“ von Yogalehrerin Vaness mit DJ Cem Orlow steht im Citycenter Yoga Vidya Berlin allerdings erst wieder am 9. Oktober auf dem Programm.
Veranstaltungen
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Frankfurt, Berlin, München, Leverkusen, Stuttgart u.a.
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Köln
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München
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Lindau / Bodensee
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Erfurt, München, Frankfurt
Yogareisen
Scharmützelsee - Yoga-Retreat
im Sport & SPA Resort
A-ROSA Scharmützelsee
mit Katja Bienzeisler
15.-17.06.2012
Kärnten (A) - Yoga im Paradies
mit Silvio Fritzsche & Walter
17.06.-23.06.2012
Türkei - Jivamukti Yoga Retreat
mit A. Kühnel & D. Thurman
09.-16.07.2012
Kärnten (A) - Yoga in Farbe
mit Claudia Wiese & Elke Nolde
16.-22.07.2012
Israel - Yoga & Meditation
mit Lilla Wuttich
06.-17.09.2012
Heiligendamm - Spirit Retreat
mit Patricia Thielemann
20.-23.09.2012
Toskana (I) - OM-Yoga
mit Detlev Alexander
22.-29.09.2012
Türkei - Vinyasa-Yoga
mit Petra Schönenberg
04.11. - 11.11.2012
Rügen - Ostsee Yoga Ferien
mit Silvio Fritzsche
21.-25.11.2012
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