Yoga Journal 06 2010: „Beinahe schon Klum’esque Züge“

Die neue Ausgabe des Yoga Journal richtet den „Spot auf die Yogaszene“ und stellt eine „gewisse Ernüchterung“ fest, so Herausgeber Michi Kern im Editorial. Durch die Beiträge zieht sich ein roter Faden der Jetzt-mal-ehrlich!-Bestandsaufnahme, die hohle Versprechungen, starre Übungssysteme und die Dominanz der köperlichen Praxis vor Philosophie und sozialem Engagement hinterfragt. Das Heft liegt seit gestern in den Kiosken.

Möglich, dass Kristin Rübesamen mit ihrem lesenswerten Buch Alle sind erleuchtet eine überfällige Diskussion entfacht hat – vielleicht hat sie aber auch nur das Buch zur richtigen Zeit veröffentlicht. Zur Zeit rumort es nämlich ein bisschen in der Szene, bestimmte Versprechungen und Sätze mag man nicht mehr hören. Zum Beispiel, wenn man von einer schmerzhaften Veränderung im Leben spreche, so höre man in den Umkleidekabinen der Yogastudios gerne: „Das zahlt sich irgendwann einmal aus, es ist eine Phase, die dich weiterbringt“, schreibt die Berlinerin Diana Krebs im neuen Yoga Journal, die diesen Satz „zu oft, zu schnell und zu häufig“ gehört hat. Ihre These: „Gerade in der westlichen Yogawelt herrscht die Tendenz, sich auf die freundlichen, guten und schönen Seiten des Lebenes zu konzentrieren und diese zu stärken.” Wir wollten mit allen und allem um uns herum im Einklang sein – und dabei auch noch gut aussehen, mit den richtigen Yogaklamotten, -matte und -getränken. Da stimmt etwas nicht. Yoga könne viel, aber nicht alles, findet auch Kristin Rübesamen. Michi Kern, der Herausgeber des Journals, stellt sich im Editorial demonstrativ hinter sie und gibt ihr in einem Interview die Möglichkeit, sich zu Kritik an ihrer Kritik zu äußern.

Eigentlich ist diese neue Debatte ein gutes Zeichen. Denn sie zeigt, dass sich viele junge deutsche Yogis gerade emanzipieren; sie haben viel eigene Erfahrung beim Üben gesammelt, die sie kritisch und kreativ macht. Damit schwingt das Pendel offenbar gerade weg vom akribischen Nachturnen des klassischen Asanakatalogs hin zu einer Suche nach einem eigenen spontanen Ausdruck. (Und wie die Erfahrung aus anderen Kulturbereichen wie Musik, Kunst oder Literatur zeigt, wird das Pendel auch irgendwann wieder zum Klassischen zurückschwingen). Ein Meister, der für präzise beschriebene Übungsvorgaben steht wie kein anderer, ist B.K.S. Iyengar. Als zwei seiner beliebtesten Schüler 1984 öffentlich das System der Zertifizierung und die Institutionalisierung der Asanas durch den Meister kritisierten, flogen sie raus. „Das war das Beste, was uns je passieren konnte“, sagt Angela Farmer (72) im Nachhinein im Interview. “Unser Neuanfang begann im Kleinen“, erinnert sich ihr Mann und Partner Victor van Kooten (70). “Wir fragten uns, woher die frühen Yogis ihre Inspiration bezogen. Sie hatten keine Bücher, nur sich und ihre Umwelt. Sie beobachteten Tiere, Bäume, Wolken, Wasser und fühlten das Leben in ihren Körpern.“

Angela erinnert sich an einen ältern, „sehr steifen Studiendirektor“ in ihren ersten Yogastunden. „Aber seine Praxis kam direkt aus der Seele und war damit wunderschön.“ Für diese Aussage kann auch der Beitrag über Yoga mit Behinderten gelten, Silvia Schaub berichtet über Yoga für Schüler mit Beinprotesen. Soziales Engagement und die Fähigkeit zu Geben gehören zum System des Yoga – und zur Weihnachtszeit, auf die ein Beitrag schon einstimmt, an dem verschiedene deutsche Yogalehrer wie Patricia Thielemann, Tom Beyer und Swami Durgananda mitgeschrieben haben.

Sehr schön auch das Interview mit dem kernigen Neuseeländer Lance Schuler, der weltweit unterrichtet und Lehrerausbildungen leitet. Er führe nur durch ein bestimmtes System, den wahren Lehrer hätten wir alle in uns, sagt er. Er passt sein Unterrichtssystem der Geschichte und Kultur jedes Landes an, in dem er gerade gastiert. Chinesen bräuchten ein anderes Yoga als Deutsche oder Amerikaner. Trotzdem stellt Lance sich gegen Beliebigkeit: „Wir sollten die Traditionen nicht ergessen, sonst haben wir irgendwann zahllose Stile beliegen Disco-Yogas. Letzlich zählt, die Praxis in den Alltag zu bringen. Das Leben ist einfach eine größere Matte.”

Genaue Anleitung und klassische Körperpraxis hat das Yoga Journal aber nicht aus den Augen verloren. Unter den Workshops widmet sich einer dem Handstand, ein anderer der Drehung im Kopfstand. Das Yogawiki stammt wie immer von uns und erklärt diesmal den Begriff „Prana“. Die Ausgabe für November und Dezember liegt seit gestern in den Kiosken und kostet 4,50 Euro.

tis

 

Preis: 
€4.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Piranha Verlag

Zum Thema

Besprechung des Buches „Alles ist erleuchtet“

Inhalte vorherigen Ausgaben des Yoga Journal

Das Yoga-Lexikon: Yogawiki

 

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