Yoga Journal 05 2010: Hunger nach Gemeinschaft

Es gibt immer mehr „Yoga-und-Surf-Camps“, steht im neuen Yoga Journal. Kein Wunder: Surfen und Yoga sind eine wunderbare Verbindung. Um Verbindung zwischen Menschen geht es dagegen in einigen Artikeln über Heimat und Gemeinschaft; Ashram als Familienersatz? Auf der Suche nach dem Wir zwischen Osho und Facebook.

Das Fließen entspricht dem wahren Leben, das Feste dagegen brauchen wir, um uns zu halten: Irgendwo auf dem schmalen Grad dazwischen, in der Balance zwischen Fließen, Loslassen, Stabilität und Halten, fließend mit den Wellen und fest auf dem Board, liegt der Reiz der Lebensschulen Yoga und Surfen. Dieses Spiel prägte auch die Aufbruchsstimmung der Hippies, eine Reaktion auf den Zusammenbruch einer dogmatisch erstarrten Welt. „Du kannst die Wellen nicht aufhalten. Aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen", zitiert Yogalehrerin und Surfretreat-Veranstalterin Katja Thomsen Swami Satchidananda. Dieses Zitat ist ein Klassiker; es hängt seit Jahrzehnten auf Zettel gekritzelt an vielen Kühlschränken, Wohungstüren und Pinnwänden. Auch Satchidananda kennt man: Das war der Yogameister, der 1969 mit seiner kurzen Ansprache das Woodstock-Festival eröffnete. Meer, Strand, Nähe zur Natur – diese Verbindung suchen viele Yogis. Die aktuelle Ausgabe des Yoga Journal bekennt sich fettgedruckt zu Outdoor-Yoga und veröffentlicht eine Fotostrecke mit Yogalehrer Petros Haffenrichter, der Asanas in schöner, mediterraner Landschaft vorführt.

Das Meer ist eine alte Metapher für das Leben, bei seinem Anblick fühlen wir unsere Seele. Kein Wunder: Ozeane bewegen sich ständig, die Wellen sind wie Gelegenheiten im Alltag, die man nutzt oder vorüberrollen lässt. Für Yogalehrerin und Surferin Shiva Rea stellen die Wellen die „Essenz des Lebens“ dar. In einem kurzen Interview argumentiert sie, der Körper sei zum Großteil aus Wasser; Bewusstsein bewege sich wie das Meer auch in Wellen und Menschen, die lange auf dem Meer gewesen seien, hätten ganz wackelige Knie, wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen hätten.

Den festen Boden unter den Füßen verlieren viele Menschen heute auch im übertragenen Sinne, wenn ihnen das Leben einen Streich spielt und sie feststellen müssen, dass ihnen bestimmte Dinge wie Job, Heimat oder Familie nicht den erhofften Halt geben. Viele sagen, Familie und Freundschaften seien für sie „Heimat“. Doch ohne die gebotene Aufmerksamkeit sind diese Beziehungen zerbrechliche Gebilde. Beziehung muss aktiv gestaltet werden. Heimat „ist eine Haltung da drinnen“, sagt der Heimatfilmregisseur Marcus H. Rosenmüller im Yoga Journal. „Verwurzelung in bestimmten Ritualen, und Sinn für Gemeinschaft." Gemeinschaft, ein familiäres Gefüge, kann auch ein Ashram bieten. Rosenmüller, der Regisseur von „Wer früher stirbt ist länger tot", hat gerade seine Doku „Orange“ über ein Ashram von Bhagwan-Anhängern in Oberbayern abgedreht. Unter den Sannyasins sind auch die Eltern des achtjährigen Mädchens, dessen wahre Geschichte erzählt wird. Sie sucht Freunde unter den traditionell gerpägten Dorfkindern – mit reichlich Schwierigkeiten. Sie wünscht sich „spießige“ Eltern. Christina Raftery besuchte für das Yoga Journal das Filmset und sprach mit Regisseur, der Autorin und Zeitzeugen über Bhagwan, Wahlfamilien und Heimat. Übrigens: Christina verabschiedet sich mit diesem Artikel von ihrer Aufgabe als Chefredakteurin, als Autorin wird sie dem Fachblatt erhalten bleiben. Sie ist zurecht stolz, das deutsche Yoga Journal so toll auf den Weg gebracht zu haben. Wir wünschen Ihr von Herzen alles Gute!

Wo Bhagwan (ab 1989 Osho) und oberbayerisches Idyll schon in einem Heimatfilm zusammengebracht werden, nutzt die Redakteurin Verena Hertlein auch gleich die Gelegenheit für eine diffenzierte Bewertung von Osho. Schließlich hat seine Wirkung auch zur Popularität von Yoga hierzulande beigetragen. Schön auch, dass das Osho-Urgestein Jörg Andrees Elten zu Wort kommt. Leider war ja keiner von uns Jüngeren damals dabei. Der heute über achtzigjährige, ehemalige Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und Stern-Reporter gab in den Siebzigerjahren sein Leben auf, als er durch einen Reportageauftrag Bhagwan in Poona kennenlernte. Sein Erfahrungsbericht „Ganz entspannt im Hier & Jetzt“ gehört zu den wichtigsten (und unterhaltsam zu lesenden) Zeitzeugnissen. Heute hält der Bhagwan-Veteran so etwas wie die Aufbruchsstimmung unter den Sannyasins damals für unmöglich. Die Leute seien jetzt ganz anders. „Viele träumen von modernen Landkommunen, die über das Internet mit der ganzen Welt verbunden sind.“ Elten selbst unterhält seit 1998 ein Meditationszentrum in Mecklenburg-Vorpommern.

Als ob sie diese Aussage überprüfen wollte, besuchte Monique Opetz vier Yoga-Ashrams in Deutschland. Ihre Porträts zeichnen das Bild wohl organisierter Gemeinschaften mit festen Regeln, die dem Einzelnen helfen, in der Gemeinschaft sich selbst zu finden. Wie bei einer WG sucht die Gemeinschaft Mitglieder aus, die da „reinpassen“ und lässt andere – zum Beispiel die ohne astreines, polizeilches Führungszeugnis – draußen.

Neben den genannten Artikeln bietet das Heft wie immer viel zur Asanapraxis, Anatomie und Ernährung mit Kochrezepten. Außerdem steht auch diesmal wieder unser yogawiki-Beitrag darin; diesmal erklären wir den Begriff Samskara

Die Ausgabe liegt seit gestern in den Kiosken.

tis

 

Zum Thema

Webseite von Jörg Andrees Elten und dem „Institut für Kreativität & Meditation“

Inhalte der vorherigen Ausgaben des Yoga Journal

Das Yoga-Lexikon: Yogawiki 

Weitere Yoga-Themen

 

Die Abgründe im Ashram von Osho: Die schweizer Doku „Guru – Bhagwan, His Secretary and His Bodyguard“ erzählt die Geschichte
er umstrittenen Ma Ananda Sheela, der Managerin des Guru. Der Film kommt am 23. September in die deutschen Kinos.

Preis: 
€4.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Piranha Verlag