Yoga Journal 03 2011: Glücklich und frei sein
Das zentrale Thema der neuen Ausgabe des Yoga Journals ist zwar vegane Ernährung, aber eigentlich geht es um ein stressfreies, friedliches Miteinander – viele Artikel zeigen, wie eng das eine mit dem anderen zusammenhängt. Zudem gibt es inspirierende Interviews mit großen Yogis und einen Erfahrungsbericht zum etwas anderen, originalen Ashtanga-Stil.
Die Ausgabe lag ausgelesen auf meinem Schreibtisch. Gerade holte ich mir noch etwas zu trinken, bevor ich diesen Artikel hier schreiben wollte, da flog eine Hornisse durchs Zimmer. Mein erster instinktiver Impuls war: „Ich muss meine Familie verteidigen und die Bestie töten!“ Mit Adrenalin in den Schläfen, schaute ich wild um mich, und die einzige greifbare Waffe zum Zuschlagen – war diese Ausgabe des Yoga Journals. Ich wollte sie nehmen, zusammenrollen und – da rief eine innere Stimme: „Halt! Ist es nicht absurd, ausgerechnet mit dieser Ausgabe ein Tier zu töten? In der ein großes Inspirationsfoto eine indische Kuh zeigt, daneben das Lieblingsmantra der Jivamuktis: „Loka samasta sukhino bhavantu“ – zu deutsch: Mögen alle Lebewesen glücklich und frei sein? In die der Herausgeber Michi Kern höchstpersönlich ein leidenschaftliches Plädoyer für vegane Ernährung schrieb und dabei die Herzlosigkeit vor Augen führt, die selbst die Erzeugung von Milch und weichem Leder voraussetzt? In der es so viel um Frieden und gegen das Ausbeuten geht?
Töten und Massentierhaltung sind Gift für die Seele. Ich lege das Heft zurück, öffne das Fenster und wedele freundlich mit einem Handtuch richtung Hornisse, bis diese glücklich den Weg ins Freie findet. Dasselbe machte ich übrigens auch schon einmal mit einer Schnake; ein Lebewesen, das ich in anderen Situationen auch schon wütend mit einem Buch an die Wand gequetscht hatte (ich gebe es zu). Ein Experiment mit unvergesslichem Ergebnis: Durch den freundlichen Umgang mit diesem Plagegeist begegnete ich einem großartigen Gefühl, das Jude Boccio in seinem Artikel über die vier Brahmaviharas beleuchtet: bedingungslosen Frieden. Die vier Brahmaviharas nennt Patanjali im Yogasutra (1.33) als Voraussetzung für seelischen Frieden. Es sind die Qualitäten Freundlichkeit (Metta beziehungsweise Maitri), Mitgefühl (Karuna) Freude (Mudita) und Gelassenheit (Upeksha). „Begegnen wir fröhlichen Menschen, hilft uns eine freundliche Haltung ihnen gegenüber, Gefühle von Neid und Missgunst zu verhindern", schreibt Jude Boccio. „Treffen wir auf Menschen, die leiden, sollten wir Mitgefühl zeigen und, wenn möglich, auch helfen, das Leid zu vermindern. Uns an den Qualitäten rechtschaffener Menschen zu erfreuen und zu erbauen, inspiriert uns, selbst solche Qualitäten zu entwickeln. Und wenn wir schließiich mit Menschen (Schnaken und Hornissen, Anm. d. Red) konfrontiert sind, die wir als nicht rechtschaffen, als nicht vertrauenswürdig oder gar als kriminell verdammen, so lehrt uns die klassische Yogatradition, dass wir versuchen sollten, auch ihnen mit Gleichmut zu begegnen." Wir würden diese Menschen oft gerne „verändern“ wollen (auch die Schnake... Anm. der Red.). Aber der klassische Yoga weise darauf hin, so Boccio, dass der Yogi dafür keinesfalls Aufmerksamkeit von seiner Praxis ablenken solle. Auch Swami Satchidananda (1914 bis 2004) habe deshalb empfohlen, niemanden belehren und bekehren zu wollen, sonst verliere man seinen Frieden.
Die erwähnte yogische Praxis hält sich an die fünf Yamas, die Michi Kern in seinem Artikel noch einmal in Erinnerung ruft: „Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Respekt vor Sexualität, Ausgleich“. Aus den Beiträgen zur veganen Ernährung wird auch klar: Der Hauptgrund, auf Fleisch, Milch und Milchprodukte zu verzichten, ist vor allem moralischer Natur. Hier steht: „Veganer lehnen die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab. Sie verzichten auf Fleisch, Fisch, Gelatine, Eier, Milch, Milchprodukte und Honig. Eine strenge vegane Lebensweise bedeutet, auch bei Kleidung darauf zu achten, dass keine Tiere dafür ausgenutzt wurden (kein Leder, keine Wolle, keine Federn) sowie nur auf tierversuchsfreie Kosmetika und Medikamente zurückzugreifen. Laut der Nationalen Verzehrstudie von 2008 leben in Deutschland weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung vegan, also ungefähr 80.000 Menschen."
Abgesehen von der Moral: Zu viel Fleisch belastet und verunreinigt auch den Körper. Ginge es aber den Veganern in erster Linie um Reinigung der Energiekanäle, müssten sie auch auf Kaffee, Alkohol und Zigaretten verzichten – was bei Gott nicht alle tun. Der Yogi Reinhard Gammenthaler dagegen hat seine Drogenzeit weit hinter sich gelassen und verzichtet heute konsequent auf Alkohol, Rauch, Sex und Aspirin. Vegane Ernährung allerdings hält der am ganzen Körper tätowierte Schweizer in dem Interview, das wir für dieses Yoga Journal mit ihm machten, für „eher schädlich“ für den Yoga. Er ist Lakto-Vegatarier, Milch und Honig spielen in seiner Ernährung sogar eine besonders große Rolle.
Die Ernährung den Tieren zuliebe einfach nur auf Salat und Spaghetti mit Tomatensauce umzustellen, kann gefährlich werden. Im Interview vermittelt Ökotrophologin Gunda Backes, dass zu einer veganen Ernährung ein gewisses Know-how gehört. Man muss wissen, wie man die Tierprodukte so ersetzt, dass der Körper alles Nötige bekommt. Das Dumme ist nämlich, dass man einen Mangel erst mit einigen Jahren Verspätung bemerkt. Angehende Veganer sollten sich also von Ernährungsfachleuten eingehend beraten lassen. Erfahrungen wie die der schwangeren Alicia Silverstone ermutigen dabei, helfen aber kaum mit Fachwissen. Die Hollywood-Schauspielerin („Clueless“, „Batman Forever“) erklärt im Interview, wie gut sie sich auch nach zehn Jahren veganer Ernährung fühlt.
Vor allem um den Frieden geht es auch der „Art of Living Foundation“, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Auch wenn große Organisationen mit einem charismatischen Menschen wie Sri Sri Ravi Shankar an der Spitze immer im Verdacht stehen, eine Sekte zu sein – in diesem Fall scheint übertriebene Skepsis unbegründet zu sein. Jedenfalls zerstreut das Yoga Journal diese Sorgen. So gesehen ist eine international tätige Stiftung mit Millionen Anhängern mit dem obersten Ziel, „eine Welt ohne Stress und Gewalt“ zu schaffen, gut und unterstützenswert. Sri Sri Ravi Shankar, den das Yoga Journal trotz vollem Terminkalender interviewen konnte, reist mit seiner Mission unermüdlich um die Welt und spricht bei Großereignissen oder vor den United Nations. Er gilt angeblich als heimlicher Friedensnobelpreiskanditat. Sein Sri Sri Yoga stellt die „Kunst des Atems“ in den Vordergrund, in der sich auch Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt, Reinhold Messmer und der Dalai Lama haben unterweisen lassen. Ravi Shankar entwickelte die Atemtechnik Sudarshan Kriya.
Sehr schön zu lesen ist auch das Interview mit T.K.V. Desikachars Frau, Menaka Desikachar, die auf sehr sanfte Art eine Weisheit verkörpert, die man sich bei mehr alten Menschen heutzutage wünscht. Sie übte ihr Leben lang Yoga. Zum Yoga im Alter sagt sie: „Wenn die großen Pflichten erledigt sind, die Kinder aus dem Haus, das berufliche Ziel erreicht, dann wird es Zeit für die Meditation. Es wird Zeit, unter die Oberfläche der Dinge zu blicken, Zeit, loszulassen.“
Julia Schmetter war in Indien, um eine Ashtanga-Yogalehrerausbildung zu machen. Und während hierzulande die Ashtangis als die sportlichsten Yogis, als die Goalgetter unter den Asana-Künstlern gelten, geht es Lehrer Jaykumar deutlich ruhiger an. „Ashtanga“ (wörtlich: achtgliedrig) bezieht sich für ihn auf die acht Glieder des Yogawegs des Patanjali. Den Ashtanga á la Pattabhi Jois will er aus der Schülerin erst einmal „rauskriegen“. Von Asana zu Asana zu „hetzen“ und in den Sonnengrüßen zu springen, sei „vollkommen kontraproduktiv“.
Last not least sei auf einen unglaublichen Essay von Arzt Ulrich Bauhofer hingewiesen, der medizinische Gründe dafür nennt, warum wir uns selbst kennenlernen wollen. Unser Organismus müsse sich selbst kennen, um Abwehrkräfte entfalten zu können. Dafür muss er sich selbst von dem Anderen, vor allem den Krankheitserregern, unterscheiden können. Doch jetzt kommt die Pointe: Was ist es denn, was ein Organismus als „sich selbst“ kennt? Er ändert sich ja durch den Stoffwechsel ständig. „Etwa sieben Millionen Zellen produziert der Körper jede einzelne Sekunde neu, am Tag etwa 600 Milliarden", schreibt Bauhofer. „Fast alle 24 Stunden (entsteht) eine neue Bauchspeicheldrüse, alle drei Tage eine neue Magen-Darm-Schleimhaut, alle sechs Wochen eine neue Leber, jeden Monat eine neue Haut, alle paar Monate ein brandneues Skelettsystem.” Und wer dirigiert diese Prozesse? Die DNS – sagen die Biologen. Aber die ändert sich ja auch ständig. „Forschungen haben jedoch belegt, dass auch die Atome der DNA ununterbrochen ausgetauscht werden.“ Also: Als „Schaltzentrale“ dahinter bleibe nicht ein „materielles Substrat“, sondern eine – ja: Intelligenz. „Hier entgleitet uns das Konkrete und Fassbare.“ Diese Intelligenz nennen Yogis Geist, Selbst oder wie auch immer. Sie akzeptieren dessen Unbenennbarkeit, spüren und heiligen aber dessen Präsenz und Wirken.
Neben den genannten Artikeln gibt es natürlich weitere, auch Praxisworkshops, ein Anatomie-Artikel zum verkrampften Nacken in starken Rückbeugen wie dem Kamel, Porträts der südfranzösischen Kundalini-Kommune Domaine Le Martinet, die Karta Singh gegründet hat, und der Kölner Yogaszene. Das Heft liegt an Ostern für 4,50 Euro in den Kiosken.
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