Yoga Journal 02 2011: Yoga als Lifestyle

Die Gemüter der Yogis erhitzen sich gerne bei der Frage, ob Yoga ein „Lifestyle“ sei. Das Wort allein ist schon etwas gemein. Ein richtiger Yogi geht tief und lebt nach Werten wie, ja: welche eigentlich? Darüber gebe es nur eine „diffus-genaue Vorstellung", wie Herausgeber Michi Kern schreibt. Diese Ausgabe enthält viele Beiträge von amerikanischen Größen wie Richard Freeman und Shiva Rea. Sie liegt seit kurzem in den Kiosken, wir haben darin geblättert.

Ende März kommt der Dokumentarfilm „Im Kopfstand zum Glück“ in die Kinos. Die Filmemacherin Irene Graef verfolgte 2007 das Teacher-Training bei Spirit Yoga in Berlin und stellte dabei die Frage nach der Möglichkeit, durch Yoga seine Persönlichkeit und Standing zu bilden. Redakteurin Monique Opetz hat mit der Filmemacherin ein schönes Interview geführt. Sie verließ danach übrigens die Redaktion, einfach weil Zeit für eine Veränderung war, und nahm eine neue berufliche Herausforderung an. Wir wünschen Ihr viel Glück. Und ja, der Till, der in Irenes Film auftritt, bin ich. Deshalb freue ich mich natürlich persönlich über das Interview.

In dieser Yoga Journal-Aufgabe kommen auffällig viele amerikanische Yogagrößen zu Wort. So erklärt Shyamdas, der Hingabe in den Mittelpunkt seines Yogaweges stellt, die Bhagavad Gita zur Hauptschrift des Yoga. Der erfahrene Bhakti-Yogi singt, beschäftigt sich mit den heiligen Texten und sucht die Nähe von Meistern, wie auch auf yogaservice.de schon einmal berichteten. Trotzdem verurteilt er nicht moderne, westliche Yogarichtungen wie Jivamukti als oberflächlich. „Diese Stile sind Teil einer Entwicklung. Sie drücken aus, dass die Menschen heute alte und bewährte Techniken nutzen, um sich in ihrem Leben dahingehend zu entwickeln, in einer sehr modernen Gesellschaft Klarheit zu erlangen." Und hier sei die goldene, oft gehörte Regel diesmal aus dem Mund von Shyamdas zitiert: „Problematisch wird es nur, wenn die Menschen plötzlich Asanas nur noch dafür benutzen, körperlich fit zu werden.“ Entscheidend sei die Hingabe, mit der praktiziert werde, damit daraus Yoga werde.

Wo Yoga draufsteht, ist nicht unbedingt Yoga drin – und umgekehrt findet man Yoga manchmal unverhofft dort, wo Yoga gar nicht drauf steht. Zum Beispiel in den Regeln eines arfroamerikanisch-hebräischen Kibbuz in Israel, deren Bewohner streng vegan leben und Werte wie liebende Hingabe (Bhakti), Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und Mitgefühl (Daya) hochhalten. Sie beziehen sich dabei auf die Bibel. Marlene Halser hat die Gemeinschaft besucht. Dafür spricht einer der prominentesten Yogalehrer von Stars wie Sting, Madonna, Paul Simon, Eddie Vedder, Edie Brickaell und Luciano Pavarotti im Interview weniger über Yoga als über Schamanismus: Danny Paradise aus Hawai bezog auf seinem Weg nicht nur verschiedene Yogarichtungen, sondern auch Kampfkünste wie Karate, Thai Chi und Kung Fu mit ein.

Interviewerin (und Yogalehrerin) Gabriele Bozic interessierte sich auch am meisten für seine schamanische Seite. Die Parallelen liegen für Danny Paradise auf der Hand: „Yoga ist eine schamanische Praxis!“ Er spricht über Evolution, Wahrheit und die Ausdehnung unserer Sichtweise: „alles im Leben ist heilig.“ Das Wort „Schamanismus“ komme sogar aus dem Sankrit und bedeute so viel wie „Hitze entfachen“ und „Enthaltsamkeit“. Enthaltsam sind Schamanen allerdings nicht bei der Einnahme berauschender Mittel, allenfalls sehr diszipliniert, wissend und pragmatisch. Paradise erzählt das etwas skurile Beispiel der „frog medicine“, mit der sich Schamanen durch das Gift bestimmter Frösche in Trance versetzen und dann den Jägern ihres Stammes vorhersagen können, wo in den nächsten Tagen Wildschweine vorbeikommen werden. Im Beistellkasten wird erklärt, dass es in Deutschland auch Ausbildungen zum Schamanen gibt und was es mit der Schamanendroge Ayahuasca auf sich hat.

Um den Reigen prominenter amerikanischer Lehrer abzuschließen: Das Heft enthält auch Beiträge von den Ausnahmelehrern Richard Freeman und Shiva Rea. Thematisch passend zur Jahreszeit sind die Tipps von Hillari Dowdle, wie man über das erste Motivationsloch hinweg kommt und wieder regelmäßig Yoga übt. Ralf Sturm schrieb nicht nur seine Kolumne über indische Gottheiten, sondern auch einen ganz interessanten Beitrag über die positive Glaubenssätze beim Praktizieren. Positive Thinking ist fester Bestandteil der Yogapraxis nach Swami Sivananda, in dessen Tradition Ralf Sturm als Yoga-Vidya-Lehrer letztlich steht. Er schrieb zu einigen der gängigsten Asanas die zugehörigen Affirmationen auf. Zum Beispiel sagt er sich im Kopfstand: „Auch wenn die Welt Kopf steht, ich ruhe in mir“, in der Heuschrecke „Mein Wille ist stark.“, was sicherlich auch hilft, die Anstrengung durchzuhalten. Und im Savasana: „Ich verarbeite alles Erfahrene“, um nur einige Beispiele zu nennen. 

Den Vogel schießt jedoch wieder die Berliner Autorin Diana Krebs ab, deren Beiträge ich immer gerne lese. Sie schreibt diesmal über den „Wahnsinn Indien“. Man erwartet einen Reisebericht, liest dann aber schon zu Beginn, dass die Autorin nie dort war. Aber sie würde gerne. Sie hat das „Will-auch-Gefühl“. Und dunkle Vorahnungen: „Westliche Yogis, die nach Indien fahren, sind meiner Meinung nach stark gefährdet, ihren Verstand zu verlieren. Als kleine Beigabe zum unvermeidlichen Durchfall.“ Pilger und Kulturreisende setzen sich der Gefahr einer Reizüberflutung aus, das fängt schon bei so harmlosen Sehnsuchtsorten für Kulturpilger wie Italien an. Die Autorin erzählt die Anekdote vom großen Psychoanalytiker C.G. Jung, der unbedingt nach Rom fahren wollte, aber jedes Mal beim Versuch, sich ein Zugticket zu kaufen, in Ohnmacht fiel. „Er erklärte sich die Schwächeanfälle damit, dass er wohl befürchtete, die Symbolgewalt Roms könnte sich nicht mit seinen Erkenntnissen über Archetypen vertragen.“ In anderen Worten: Wir haben unsere schönen Vorstellungen von einem fernen Ort. Eine Reise dorthin aber könnte diese Vorstellungen enttäuschen und zerstören. Das Bild Indiens sei schon im 19. Jahrhundert durch den Orientalismus verklärt worden. Heute noch reagierten wir irritiert auf Berichte über den Umgang mit Menschenrechten in Indien, Kindersterblichkeit, atomares Wettrüsten mit Pakistan und dergleichen, die nicht zu unserem Bild einer „solchen spirituellen Tradition“ passten, schreibt die Autorin. Ein guter Denkanstoss zur eingangs erwähnten Diskussion über Yoga als Lifestyle. Die Religionswissenschaftlerin und yogabegeisterte Diana Krebs jedenfalls kann die Faszination Indien „nicht rational erklären“ und schließt mit dem Satz: „Ich geh dann mal buchen.“

Das Yoga Journal liegt seit kurzem für 4,50 Euro in den Kiosken.

tis

Preis: 
€4.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Piranha Verlag

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