Yoga der Nazis: Interview mit Mathias Tietke

Frieden, Sanftmut, Mitgefühl: Viele verbinden Yoga mit diesen Werten. Der „Yoga“ lässt sich aber auch ganz anders auslegen. Die Recherchen des Berliner Fachjournalisten Mathias Tietke zum nahezu unerforschten Verhältnis der Nazis zum Yoga bringen immer mehr Haarsträubendes ans Licht. Sein Buch „Yoga im Nationalsozialismus“ ist jetzt erscheinen. Wir haben vorab mit dem Autoren über seine Entdeckungen und die richtigen Lehren daraus gesprochen.

ys: Mathias, Yoga in der Nazizeit – ein dunkles Kapitel! Was hat dich an diesem Thema gereizt?

In der öffentlichen Wahrnehmung und Auseinandersetzung existiert diese historische Etappe des Yoga bislang nicht. Thematisiert hat es bislang lediglich der Stuttgarter Religionswissenschaftler und Yogalehrer Christian Fuchs, der in seiner 1990 publizierten Dissertation „Yoga in Deutschland“ immerhin drei Seiten zu dieser Phase geschrieben hat. Von ihm kam auch die Anregung, dass sich mal jemand intensiver mit dieser Thematik befassen müsste. Diesen Impuls habe ich aufgegriffen. Yoga-Ratgeber gibt es inzwischen mehr als genug und auch die Nischen sind mittlerweile doppelt und dreifach besetzt. Mich faszinieren eher jene Bereiche, die noch nicht erschlossen und bearbeitet sind. Nach den ersten Recherchen im Bundesarchiv und in der Staatsbibliothek konnte ich schnell feststellen, dass es immens viele Belege und Unterlagen zu Yoga im Nationalsozialismus und der Zeit unmittelbar davor gibt, wo bereits rassistische Perspektiven mit der Vermittlung des Yoga verknüpft wurden. Erstaunlich war und ist, wie viele Berührungspunkte es gab und gibt.


Das Cover des Buches zeigt Hellseher Max Moecke, in der Hochschule der Okkultisten
seine Fähigkeiten vorführte, die er auf die Yogapraxis zurückführte.
Veranstalter war der 1933 gegründete Verein der Okkultisten.
© Ludwig Verlag

ys: Berührungspunkte zwischen Nazis und Yogis? Die einen stehen für furchtbare Gewalt und Zerstörung, die anderen für Friedfertigkeit. Wie geht das zusammen?

Es gab Yogapraktiker und Yoga-Autoren, die aus dem Raja-Yoga, der damals ganz überwiegend vermittelt wurde, einen speziell „arischen“ Yoga entwickelt haben. Der geistige Yoga galt als der „höchste“ Yoga. Dieser „höchste“ Yoga wurde mit dem Ideal der indo-arischen Rasse verknüpft, der minderwertige Rassen gegenüber gestellt wurden. Das wurde sowohl von indophilen Philosophen wie Schopenhauer und Houston Chamberlain formuliert als auch von den Theosophen vertreten. Helena Blavatzky schreibt in ihrer monumentalen „Geheimlehre“ mehrfach von den „Söhnen des Yoga“, die zur dritten Rasse zu zählen wären. Der Chirologe Ernst Issberner-Haldane propagierte ab Ende der 20er Jahre die Yogalehre der geistigen Aristokratie der weißen Rasse, die den Unwürdigen nicht anvertraut werden sollte. Solche Ausführungen finden sich auch noch in der 6. Auflage seines Buches „Yogha-Schulung für westliche Verhältnisse“, das 1988 unter dem Titel „Kosmische Religion. Yoga-Schulung“ erschien. Der Tübinger Indologe und Yoga-Experte Jakob Wilhelm Hauer, der bis zum SS-Hauptscharführer aufstieg und innerhalb des Sicherheitsdienstes (SD) Veröffentlichungen kontrollierte und sich beispielsweise vehement gegen Rudolf Steiner einsetzte, befasste sich jahrzehntelang mit den wesentlichen Schriften des Yoga und passte Yoga an die nationalsozialistische Ideologie an. Bei ihm wurde Yoga zum „Heilweg“ und zur indo-arischen Metaphysik des Kampfes und der Tat.

ys: Wo sind die Berührungspunkte, wie muss man sich den arischen Yoga vorstellen?

Zum „arischen“ Yoga wurde etwa ein Abschnitt aus dem vierten Kapitel der Bhagavad Gita, in dem es um den Yoga der Erkenntnis (Jnana-Yoga) geht. Heinrich Himmler war fasziniert davon und trug die Gita ab 1941 ständig bei sich. Er gab einzelne Passagen aus dem vierten Kapitel explizit an höhere SS-Offiziere weiter, zum Beispiel in seiner Geheimrede in Posen 1943. Dazu gehörte etwa der Gedanke aus der Bhagavad Gita, dass man seine Pflicht zu erfüllen hat, ganz im Sinne des Dharma, und das man sich von seiner Tat abkoppeln soll. Angesichts des Genozids und des Krieges war es für einen Massenmörder wie Himmler eine Wohltat, in einem „heiligen“ Buch, das die Ethik der Kshatriya-Kaste propagiert, zu lesen, dass es eine erstrebenswerte Lebensaufgabe ist, aus seiner Pflichterfüllung heraus zu kämpfen und zu töten, aber sich dafür nicht verantwortlich zu fühlen, weil es um etwas Höheres, um eine höhere Ordnung geht. Himmler äußerte sich sogar dahingehend, dass es nach dem Krieg Meditationszentren geben sollte, wo die Führungskräfte des Nazireichs sich zum Retreat einzufinden hätten, um bei Schwarzbrot und Buttermilch sich meditierend selbst zu finden. Die SS sollte nicht nur eine eiskalt kämpfende und mordende Sturmstaffel sein, sondern auch ein spiritueller Orden.


Heinrich Himmler ließ in der Wewelsburg in Padersborn eine „Gruft“ mit ewigem Feuer bauen. In die Decke
darüber ist diese Swastika eingelassen. © Mathias Tietke

ys: Und wie muss man sich die Praxis des Yoga vorstellen?

Da der von den Theosophen, später auch von der Neugeistbewegung geschätzte und vermittelte Raja-Yoga dominierte, gab es kaum Körperübungen wie im Hatha-Yoga. Es ging um Konzentrationsübungen und das Visualisieren von Fähigkeiten, es wurde Mantratönen praktiziert und eine gesunde und bewusste Lebensweise empfohlen. Hatha-Yoga-Übungen, die im Westen vor allem aus dem Praktizieren von Asanas bestehen, vermittelte in den 30er und 40er Jahren lediglich der Exilrusse Boris Sacharow, zum einen in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg, zum anderen durch Lehrbriefe, die er in fünfzig Städte Deutschland verschickte. 

ys: Hat neben der Bhagavad Gita auch das Yogasutra von Patanjali eine Rolle gespielt?

Das Yogasutra spielte bei den Theosophen und auch in der Neugeistbewegung durchaus eine Rolle, aber man befasste sich kaum oder gar nicht mit den ersten vier Stufen, also weder mit der Ethik des Yoga noch mit Asana und Pranayama. Dort, wo die Ideologie des Nationalsozialismus direkt mit Yoga in Berührung kam, wie bei Issberner-Haldane, bei Hauer und bei Heinrich Himmler, dort ging es nicht um das Yoga-Sutra oder die Hatha-Pradipika, sondern es gab entweder keinerlei Bezugnahme auf Quellschriften des Yoga, wie bei Issberner-Haldane, oder die Zitate stammten aus der Bhagavad Gita, wie bei Hauer und Himmler.

ys: Die Arier tauchen etwa ab dem 3. vorchristlichen Jahrtausend in Indiens Geschichte auf. Ist diese Kultur auch eine Schnittmenge zu den „Ariern“ der Nazi-Ideologie?

Einige führende Nationalsozialisten haben nach der Ur-Heimat der Arier gesucht, deshalb gab es auch die von der SS finanzierte Expedition von Ernst Schäfer nach Tibet. Und der indische Politiker Tilak nannte als Heimat der Arier das eisfreie Polargebiet, was er aus den Veden herauslas und durch Astrologie. Gemeinsamkeiten beziehungsweise eine Schnittmenge zwischen den historischen arischen Kriegern und dem Arier-Ideal der Nazis, von dem die NS-Führungsriege selbst weit entfernt war, gibt es durchaus. Im Rigveda kommt die vermeintliche Überlegenheit gegenüber den dunkelhäutigen Ureinwohnern deutlich zur Sprache. Nach der Selbstdarstellung in den Veden sind die analphabetischen Reiternomaden eine sich mit Soma berauschende, kriegerische Herrenrasse. Entsprechend und folgerichtig bedeutet der Sanskritbegriff ârya: „edel geboren, ehrenhaft, Herr!“

 


Filmaufnahmen im Internet wie diese zeigen Eva Braun bei Übungen, die heute auch im Hatha-Yoga
praktiziert werden. Ob sie sie selbst als „Yoga“ bezeichnet hat, lässt sich nicht nachweisen.

 

ys: Haben die Autoren der Nationalsozialisten, die sich mit Yoga auseinandersetzt haben, deiner Meinung nach Yoga verstanden?

Es kommt ganz darauf an, was die oder der Einzelne unter Yoga versteht, welche Präferenzen sie oder er hat. Unter Yoga kann man durchaus auch eine Mischung aus Hinduismus und rein geistigem Yoga verstehen. Yoga der kriegerischen Tat oder strengste Askese und Weltflucht, auch dies kann Yoga sein. So wird es in den alten Schriften  vermittelt. Yoga war zudem eine Geheimlehre, die den gehorsamen Söhnen der Brahmanenkaste vorbehalten blieb. Über den indischen Yogalehrer Swami Ramdev ist seit einigen Jahren zu lesen und zu hören, mit seinem Yoga sowohl Krebs als auch Aids und Homosexualität zu „heilen“. Außerdem behauptet er, dass den Indern die Weltherrschaft zustehe. Er hat Millionen Anhänger und ist täglich im indischen Fernsehen präsent. Auch dies gehört zum Spektrum des Yoga.

ys: Du setzt dich ja auch mit der heutigen Yogaszene intensiv auseinander. Kann man aus den historischen Studien Lehren ziehen, siehst du vielleicht sogar Parallelen?

Bemerkenswert ist, dass mit den gleichen Argumenten wie in den 20er, 30er und 40er Jahren heute vertreten wird, dass es im Sinne des Yoga ist, seinen Dharma zu erfüllen und sich einer spirituellen Autorität ganz hinzugeben. Während meiner Yogalehrerausbildung (Mathias Tietke ist BDY-zertifizierter Yogalehrer, Anm. d. Red) wurde in einem Seminar zur Bhagavad Gita seitens der Referentin vertreten, es wäre das Karma der Juden gewesen, vernichtet zu werden und es stünde uns nicht zu, dies positiv oder negativ zu bewerten. Als ich widersprach, wurde mir nahe gelegt, nicht alles mit dem Kopf zu bewältigen, sondern zu meditieren und dadurch die Weisheit der Bhagavad Gita zu erkennen. Diese Art der Indoktrination, der ich auch nach der Yogalehrer-Ausbildung in Yogaworkshops und -seminaren begegnet bin, war durchaus mit eine Motivation, dieses Buch zu schreiben. Diese Erfahrungen, wie auch die Auseinandersetzung mit dem Thema „Yoga im Nationalsozialismus“, machen deutlich, dass es Momente gibt, wo man die Augen öffnen sollte, wo nicht Hingabe, sondern Widerspruch notwendig wird.  Das Sanskritwort „viveka“ drückt sehr gut aus, was auch im Kontext des Yoga weiter zu kultivieren ist: die Fähigkeit, zwischen Mythen, Konditionierungen und Wahrheitsgehalt zu unterscheiden.

ys: Bietet die körperorientierte Einstellung des Hatha-Yoga eine Art Sicherheit gegen ideologischem Missbrauch?

Aus meiner Sicht schützen auch die im Westen überwiegend verbreiteten Spielarten des Hatha-Yoga nicht davor, dass sich jemand mit einer bestimmten Person, einer Idee oder dem „Wissen“ vollständig identifiziert oder indoktriniert wird. Der Vernunft und der eigenen Erfahrung und Perspektive zu vertrauen, ist ebenso wichtig wie die persönliche Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit.

ys: Vielen Dank für das Gespräch.


Ein Foto aus der Zeitschrift „Weiße Fahne“ zeigt den Yogaexperten Jakob Wilhelm Hauer auf einer Parteiveranstaltung der Nationalsozialisten.

 

Artikelfoto: Mathias Tietke ist Buchautor, Kritiker und Yogalehrer (BDY). © Mathias Tietke

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Über den „Stammbaum des Yoga“ von Mathias Tietke

Das Buch „Yoga in seiner Vielfalt“ (Interviews mit Yogalehrenden)

Über Mathias Tietke als Autor

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