Yoga aktuell 03 2010: Denke jetzt nicht an Sex!

Ohne Tantra wäre heute vieles anders im Hatha-Yoga. Dass es bei Tantra um mehr als „nur um sexuelle Praktiken“ gehe, stellt die neue Ausgabe des Yoga aktuell mit einer Fülle interessanter Informationen dar. Einige Beiträge haben beim Lesen besonders viel Spaß gemacht. Hier die Highlights.

Beim Thema Sex verhält sich unser Kopf so ähnlich wie eine Kompassnadel in der Nähe des magnetischen Nordpols – er dreht durch. Umso cooler wirkt hier der Kapitän, der trotzdem Kurs hält. Denn natürlich ist Tantra viel mehr als Sex, es denkt halt nur jeder bei Tantra daran – auch, wenn man dazu auffordert, „nicht“ daran zu denken (das „nicht“ überhört man ja bekanntlich gern und denkt umso mehr daran...).

Die meisten Tantriker streben eine möglichst hohe Meisterschaft über ihre Körper an, denn das ist für sie der Weg der inneren Befreiung. Sie durchdringen die Materie ihres Körpers förmlich, bis sie das selbst erkennen können, wovon sie – ermutigt durch die Erfahrung ihrer Lehrer – von Anfang an ausgehen: Materie ist Energie, zu dieser Einsicht ist ja auch schon die moderne Physik gekommen. Tantra geht allerdings noch weiter: „Für Tantriker ist diese Energie weder materiell noch kinetisch, noch potenziell“, schreiben Angela Mahr und Sascha Sahaj in einem sehr lesenswerten Erfahrungsbericht. „Sie glauben, diese Energie ist absolutes Bewusstsein.“ Der Körper sei somit ein Aspekt der Seele. Die beiden Autoren suchten lange in Indien, bis sie einen Meister fanden, der linkshändischen Tantra lehrt und das nicht verheimlicht. Rechtshändischer Tantra begreift Sex als Metapher und lehnt rituellen Geschlechtsverkehr ab, während der linkshändische eben auch diese Facette des Lebens in sein umfangreiches Repertoire an Übungen und Ritualen einbezieht.

Angela Mahr und Sascha Sahaj waren fünf Wochen bei Shanmukha Anantha Natha – und übten vor allem Asanas. „Asanas werden jeweils lange gehalten, manchmal bis zu zwei Minuten, begleitet von tiefer- und intensiver Atmung. Diese Kombinantion kann ein leicht tranceartiges Gefühl erzeugen.“ Außerdem ließ der Lehrer die beiden intensiv mit ihren drei Bandhas arbeiten. Mit den tiefliegenden Muskeln in Beckenboden, unterhalb des Solarplexus und mit dem Kehlkopfverschluss übten sie, die Energie zu kanalisieren. Die sexuelle Energie hat im menschlichen Körper nun mal die größte Wucht. Sie zu lenken, führt zu großer innerer Freiheit.

Der Tantrameister erwähnte übrigens erstaunt, dass viele Westler mit psychologischen Fragen zu ihm kämen. „Im Westen werde Tantra oft als Psychologie betrachtet", schreiben die Autoren, "verbunden mit tantrischer und heilender Sexualität.“ Für den Inder ist das befremdlich: „Eine gesunde psychologische Ausgangssituation betrachtet er als Grundlage für den tantrischen Weg – nicht als Ziel.“

Die beiden Autoren hatten offenbar Glück, dass sie einen echten Tantriker getroffen hatten. „99 Prozent der Leute, die im Westen Tantra unterrichten, haben gar keine Ahnung, worum es bei Tantra im ursprünglichen Sinne geht“, sagt Daniel Odier, ein dem Lesepublikum von Yoga aktuell gut bekannter, erfahrener tantrischer Meister, in einem Interview. In seiner Tantratradition geht es vor allem um das Loslassen; das Loslassen von gewohnten Konzepten und Verhaltensmustern. Asanas spielen bei ihm keine Rolle. Er praktiziert Tandava, einen mystischen Tanz, „weil wir der Ansicht sind, dass alle Asanas in diesem Tanz enthalten sind.“ Einen guten Lehrer zu finden, ist schwierig. Daniel gibt hierzu einen lustigen Tipp zum Abschluss: „Sie sollten an ihm riechen. Wenn Sie an einem Menschen riechen, erkennen Sie viel über die Neurosen der Leute.“

In einem informativen Aufsatz trug Nina Haisken den historischen und theoretischen Hintergrund zu dem vielseitigen Thema Tantra zusammen und ergänzt damit bestens die Darstellungen der Praktiker. Aus dem Tantra flossen die ganzen anatomischen Konzepte der Kundalini und der Chakren ins Hatha-Yoga. Außerdem liegt hier der Schlüssel für die Kunst, Yoga und Alltag miteinander zu verbinden. „Seine Vorkämpfer kamen aus den unteren Kasten der gesellschaftlichen Pyramide Indiens – es waren Fischer, Weber, Jäger, Straßenverkäufer, Waschfrauen. Sie reagierten auf ein weithin empfundenes Bedürfnis nach einer praktisch-konkreten Orientierung, die die luftigen metaphysischen Ideale des Nondualismus mit einer erdverbundenen Art verband.“ Ich denke, das triff auch hier und heute auf viele großstädtische Hatha-Yogis und Yoginis zu.

Passend zum Thema schrieb auch Nicole Bongartz von der Kölner Vishnus Couch einen schönen Workshop zum zweiten Chakra, dem Svadishthana-Chakra, auf. In dem Chakra im unteren Bauch wird Verlangen, Lust und Sexualität verortet. „Die Lust lädt uns ein, uns auszudehnen, zu spüren und zu genießen.“ Auch das ist eigentlich buchstäblich Tantra, von „tan“ für „ausdehnen.“

Eine Übersicht über die andren Themen steht auf der Internetseite von Yoga aktuell. Das Magazin liegt seit vergangenem Wochenende für 6,50 Euro in den Kiosken zum Verkauf aus.

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Preis: 
€6.50
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Magazin
Verlag: 
Yogaverlag