Worum geht´s eigentlich? Stimmungsbild von der Yoga Conference

In der internationalen Yogaszene gab es ein paar Erschütterungen in letzter Zeit. Vielleicht trug das dazu bei, warum bei der achten Yoga Conference Germany dem Talk vor der Praxis eine besondere Bedeutung zukam. Bei aller Stilvielfalt stand die Frage im Raum: Worum geht es eigentlch? Das große Treffen der Yogaprofis richtete den Fokus auf die Essentials. Ein Stimmungsbild.

2011 schrieb sich die „Conference“ in Köln mit „The Power of Love“ die Liebe auf die Fahnen, in diesem Jahr suchte sie dagegen mit „Finding Freedom“ Erdung und Freiheit. Es wurde eine Befreiung von Zwängen – und von in der Yogaszene populär gewordenen Irrtümern; eine Rückbesinnung auf die ewige Kernfrage, worum es im Yoga eigentlich geht. Rund 600 Teilnehmer trafen sich dafür im Hotel Pullman Cologne bei Workshops, Vorträgen und Konzerten, so viel wie 2011. Gefühlte zwei Drittel gehörten zum Stammpublikum der Conference. Sie waren schon zur Eröffnung am Freitagabend beim beliebten, alljährlichen „Nightflight“ – Yoga mit Musik vom DJ und Lichtdesign – des Mitveranstalters und Yogalehrers Frank Schuler von Anfang in bester Stimmung. Eine Zeremonie, ohne das es nicht mehr geht.

Die Teilnehmerzahlen zeigen auch: Die Conference wächst eher substanziell, weniger quantitativ. Die einzig sichtbare Erweiterung bestand im Yoga Garden im benachbarten Renaissance Hotel: eine Mischung aus Fachmesse und zusätzlichen Vorträgen. Der wurde auch gut angenommen, vor allem als Pause – weil „drei, vier Klassen an einem Tag sowieso verrückt sind", wie Stammgast Bryan Kest sagte. Die Größe der Conference wollen die Veranstalter nach eigenen Auskünften erstmal beibehalten, jeder weiteres Wachstum würde einen Umzug in eine neue Location und damit einen (atmosphärischen) Neuanfang mit sich bringen. Frei nach dem Motto: Be thankful for what you got!


Bryan Kest beim Talk vor seiner „Power Yoga Old School“-Klasse. © yogaservice.de


Gastgeberin Nicole Bongartz und „ihre“ Lehrerin Dana Flynn in der Klasse von Katchie Ananda. © yogaservice.de


Seit 2012 neu im Programm der Yoga Conference Germany: der Yoga Garden Cologne. © yogaservice.de

Bryan Kest brachte die Grundstimmung im großen Saal mit seinen Worten auf den Punkt – auch wenn er schon seit Jahren diese Haltung vertritt: "Asanas sind dumm, so dumm wie ein Messer!“ Diesen Vergleich benutzt er so oft; doch jedesmal wirkt er so, als sage er ihn zum ersten Mal (wie macht er das bloß?). „Mit einem Messer kann man jemanden furchtbar verletzen oder operieren, um ihn zu heilen." Diesmal war dieser Satz aktuell, denn die meisten im Saal war das Aufsehen bewusst, das der Artikel der New York Times erregte. Überschrift: „How Yoga can wrack your body.“ Die deutsche Presse berichtete darüber. Der Gründer des Power-Yoga erklärt die „Power“ in seinem Yoga mit spürbarer Reife: Power bedeutet, sanft, ruhig und respektvoll zu bleiben, wenn es hart wird. Mit sich selbst und den anderen.


Moritz Ullrich und Begleitung beobachten die Klasse von Katchie Ananda © yogaservice.de

Er spielte die falschen Entwicklungen am Beispiel Trikonasa durch: Asthanga halte die Hand am Knöchel, Vinyasa an der Innenseite, Hatha-Yoga außen, Anusara dreht das Bein wie eine Spirale und Iyengar stützt sich auf einem „fucking block“. „Fucking sagt nicht der Inder B.K.S. Iyengar, sondern sagen die Amerikaner!" Zwischen den Stilrichtung herrsche Streit über solche Dinge. Hier rechthaben zu wollen, sei schon im Ansatz falsch. Wer kann von sich behaupten zu wissen, was für andere richtig ist? „Du musst es selbst herausfinden! Was fühlt sich für dich gut an? Yoga ist keine Religion, die dir sagt, was du tun sollst." So kennt man Bryan, so war sein Talk auch diesmal wieder. Wunderbar erfrischend, mit denselben Worten wie jedes Jahr. Nur diesmal klangen sie fast wie eine Standpauke.


Rod Stryker arbeitet gerne auch mit Flipcharts in seinem Yogaworkshops. © yogaservice.de

Auch Rod Stryker machte eine Randbemerkung „zu diesem Artikel in der New York Times und so ein paar andere Dingen“. (Hier dachte vermutlich jeder an John Friend). Selbst für Fortgeschrittene eröffnete sein tantrischer Yoga neue Erfahrungen. Die einfachsten Haltungen werden mit dem achtsamen Einsatz von Bandhas und der Kontrolle jedes Atemzugs zu einem Abenteuer. Hier geht es weniger um Körperkraft und Dehnung, selbst die Beruhigung des Geistes ist „nur“ Mittel zum Zweck: Tantrisches Hatha-Yoga sammelt und lenkt Energie. Eine umfangreiche Wissenschaft, in die auch Ayurveda einfließt. „Es braucht 33 Leben, um dieses Wissen vollständig zu beherrschen", sagt Rod. „Vermutlich wird Tantra deshalb nie populär werden.“ Sein „Para-Yoga“ wendet das Wissen auf den Übungsstil an. Yogapraxis kanalisiert Energie, richtet sie auf einen Fokusi und verstärkt damit den Zustand, in dem wir uns befinden, als würden wir den Lautstärke-Regler aufdrehen. Ist unser Zustand neurotisch, erhöht sich die Neurose. Es sei also wichtig, parallel an einem klaren, gesunden Geist zu arbeiten. Außerdem erzeuge die Hatha-Yogapraxis nicht Energie, sie sammle sie nur. Heißt: Yogapraxis ersetzt nicht ausreichend Schlaf und gesundes Essen. Wer das nicht beherzige, würde ausdörren wie eine getrocknete Pflaume.


Govinda Kai nach seinem Vortrag „Sex: A Deeper Perspective.“ © yogaservice.de

Eine der stärksten Energien, die wir kennen, spüren wir beim Sex. Entsprechend gut besucht war der Vortrag von Govinda Kai zu diesem Thema. Er sensibilisierte sein Publikum (nicht nur mit Worten, sondern auch mit beeindruckender Präsenz) für eine Realität, die mit den normalen fünf Sinnen nicht wahrnehmbar ist. Sie ist der Ort der Dinge, bevor sie ihre Form annehmen. Er nennt sie die „spirituelle Dimension“ der Realität. Sie wird durch  Praxis erfahrbar. Da wir dem physischen Teil der Welt so viel Aufmerksamkeit geschenkt hätten, seien wir für die nicht messbare Seite der Welt „blind“ geworden. Allerdings ändere sich das gerade, immer mehr Menschen würden diese andere Seite erkennen und wichtiger nehmen.

Govinda sprach von einem epochalen „shift of mind“. Der aktuelle Zustand der Welt – Stichwort: Finanzkrise – zeige ja auch, dass wir mit den bisherigen intellektuellen Mitteln an unsere Grenzen kommen. Auch unbefriedigender, mechanischer Sex entstehe daraus, den physischen Teil der Realität zu wichtig zu nehmen. Viel Schmerz und Streit entstehe durch den naiven, ungeschickten Umgang mit dieser gewaltigen Energie, die dabei frei wird. Spirituell gesehen finde Sex im Übrigen ständig statt, im Tanz zwischen gebenden und empfangenden Energien, „auch zwischen zwei Körperzellen.“ Es sei ein Grundprinzip des Lebens. Das zu erkennen und darin zu leben, verheißt „dauernde Extase“. Den physischen Liebesakt selbst auszuführen, sei so betrachtet, gar nicht das Entscheidende. „Das passiert einfach.“


Dave Stringer und Spring für einen kurzen Kirtan bei Twee Merrigan. © yogaservice.de

Nicht für die Schule, sondern für das Leben üben wir Yoga – das lag wohl auch als Grundeinstellung dem Workshop von Twee Merrigan zu Grunde. Sie gestaltete ihre Klasse als eine Mischung aus psychologischen Spielen und klassischen Yogaübungen. Es ging darum, seine Ängste kennenzulernen und zu entwaffnen. Zu einer Reihe kleiner Mutproben gehörte beispielsweise, aus sich heraus zugehen. Dave Stringer und Spring halfen hier beim Singen und spontanen Tanzen. Eine andere Übung war, einem Partner drei Ängste zu verraten. Daran schloss sich eine Asanaklasse im fließenden Vinyasa-Stil ihrer Lehrerin Shiva Rea an, mit dem Fokus auf Armbalancen. Es war durchaus einleuchtend, psychologische Blockaden so beherzt zu überwinden wie steife Nackenmuskeln und verkürzte Hamstrings. Das setzt allerdings voraus, dass das Thema der Klasse auch das Thema ist, an dem ein Teilnehmer gerade selbst arbeitet – was nicht für alle der Fall war, wie wir aus den Stimmen nach der Klasse beim fachsimpelnden Schwatz im Foyer entnahmen.


Asana-Praxis bei Twee Merrigan. © yogaservice.de

Die Yoga Conference Germany ist wie ein Druidentreffen, ein wichtiger Austausch zwischen Yogalehrern. Zu den Perlen gehören deshalb auch Erfahrungen „großer“ Lehrer mit ihrem eigenen Beruf. Zum Beispiel von Katchie Ananda: Sie hat ihre Yoga-Base in San Francisco (USA) und kann mehrere Yogalehrer-Ausbildungen vorweisen, darunter in Jivamukti-, Anusara-Yoga und Ashtanga-Yoga. In ihrem Workshop erzählte sie, dass sie allerdings erst nach zehn Jahren Unterrichten richtig zu sich gefunden habe, und zwar als sie kurz vor dem Burnout stand. Bis dahin war sie mehr damit beschäftigt, als Yogalehrerin ein Ideal darzustellen als sie selbst zu sein. Seit dieser Erfahrung aber bindet sie in ihre Yogastunden das „Geschichten erzählen“ stärker ein. Sie lässt ihre Schüler an ihren Sorgen und Ängsten teilhaben. So auch am vergangenen Samstag in Köln. Ihrer Erfahrung nach neigten Menschen dazu, immer dann schneller zu werden, wenn sie sich nicht mehr mit sich selbst verbunden fühlen. Katchie empfiehlt für diese Momente: „Keine Panik!“. Erst einmal: „Sich hinsetzen und über den Atem wieder Kontakt aufzunehmen, zu den eigenen Stärken, zur eigenen Weisheit. Alles ist bereits da, was wir brauchen.“  Der Workshop bestand aus viel Dharma-Talk mit einer Stunde physischer Praxis. Die Technik blieb im Hintergrund; statt um Sequenzing oder Ausrichtung in den Yogahaltungen ging es ihr um die Geschichte. Und die hat sie leidenschaftlich und mit Freude geteilt.


Ruhe bewahren. © yogaservice.de

Last not least soll noch ein Stammgast erwähnt werden: Patrick Broome hat es sich – zwischen den Trainingscamps in Sardinien und Südfrankreich, wo er die deutsche Fußball-Nationalelf unterrichtete und der Europameisterschaft ab nächstem Wochenende – nicht nehmen lassen, auf der Conference wie jedes Jahr Workshops zu geben. So eröffnete er schon den Hauptteil der Conference kurz nach sieben Uhr morgens mit einer wunderbaren Meditation, darunter eine dynamische Übung von Osho, ein paar wohltuende Dehnübungen und ein Kopftstand. „Das mache ich zur Zeit jeden Morgen an Orten, die so ganz anders sind als hier", sagte er dabei. Seinen Yogaworkshop unterrichtete er in einem Stil, den ein langjähriger Begleiter von Patrick treffend mit dem Wort „lieblich“ beschrieb. Sein Herz-Essenz-Workshop gehörte zu den Höhepunkten der Conference. Die Sprache charmant und weise, die Yogapraxis wie ein guter Wein: mild, abgerundet, von angenehmer Süße, seine Botschaft: jetzt nicht denken, sondern danken.


Wirksamer Hüftöffner: Vorbeuge mit gekreuztem Bein. © yogaservice.de

Yoga wahrlich zu praktizieren, das gilt vor allem im Alltag: „Geduldig und nachsichtig zu sein, wenn es am schwierigsten ist, zum Beispiel bei einer Person, die einen schnell auf die Palme bringt. Auch ruhig mal hingebungsvoll hinwegsehen über Entscheidungen oder Situationen, die einem vielleicht nicht gefallen!“ Begleitet wurde Patrick von mehreren Musikern, die die Klasse begleiteten. Nur einmal spielte er Musik aus der Konserve: Bei den Umkehrhaltungen lief der Song „Großer schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch (der seinerzeit aufgrund des morbid-sakastischen Tenors nicht mehr vor 22 Uhr im österreicherischen Radio gespielt wurde): „Ich werd' glücklich sein, ich werd' singen, ich werd' lachen, ich werd endlich glücklich sein.“


Die Initiatoren der Yoga Conference Germany 2012: Frank Schuler und Nicole Bongartz. © yogaservice.de

In diesen Streiflichtern entsteht das Bild einer vitalen Yogakultur, die sich ständig weiter entwickelt. Fernöstliche Traditionen und westliche Geisteskultur befruchten sich bei zu etwas, was zu 2012 passt; einem Jahr der Umbrüche und des Neuanfangs, der Befreiuung von überholtem Denken und Handeln. Unsere Tour durch das große Angebot entließ uns erfüllt, inspiriert und wohltuend erschöpft für die Heimreise. Bleibt ein herzliches Dankeschön an die Organisatoren Frank Schuler, Nicole Bongartz und ihr bezauberndes Team von der Lord Vishnus Couch. Bis im nächsten Jahr.

mho, tis

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