Spüren statt Wissen: Stimmungsbild von der Yoga Conference

Rund 600 Yogis und Yoginis laut Veranstalter sind dieses Jahr zur siebten Yoga Conference Germany nach Köln gekommen. Das Treffen mit den großen Namen bietet für uns auch eine Gelegenheit, Stimmungen und Trends wahrzunehmen. So gab es dieses Jahr zwar ein offizielles Motto, das inoffizielle aber lautete ganz anders. Hier der Versuch eines Stimmungsbildes.

Die Szene wird reifer. Es geht um das Spüren, nicht um das Wissen. Um Achtsamkeit statt Dynamik, weniger streben, mehr sein. Nicht immer weiter, höher, biegsamer. So wie es ist, ist es gut. Sei dankbar dafür! Du bist perfekt, so wie du jetzt bist. Dieser Gedanke gehört zu Mark Whitwells Kernbotschaften. Aber diesmal schien seine Präsenz dazu zu führen, dass diese Botschaft von vielen anderen Gastlehrern aufgegrifffen wurde. Als hätten sie sich vorher abgesprochen. Haben sie aber nicht, das offizielle Motto war: „The Power of Love“. Wobei: Bekanntlich führt sich selbst so anzunehmen, wie man ist, direkt zur power of love


Der inoffizielle feierliche Check-In: der Nightflight von Frank Schuler am Freitag. Lichtkünstler Ludwig Kukartz
installierte dafür drei Leinwände, um darauf Fantasie- oder Naturmotive zu projizieren. @ yogaservice.de


Voll waren die Säle bei fast allen Klassen, nicht nur wie hier bei Bryan Kest. © yogaservice.de

Die zentralen Lehren des Yoga sind eigentlich einfach und übersichtlich. Deshalb wiederholen sich öfter einmal – ohne dadurch unwahr zu werden. Und durch die Wiederholung merkt man: Die Lehren zu kennen, ist keine Kunst. Sie konsequent anzuwenden dagegen schon. Dabei hilft es, an diese zentralen Lehren immer wieder erinnert und zum Anwendung motiviert zu werden.

Die Szene der Yogis und Yoginis, die jedes Jahr zur Conference zusammenfindet, ist routinierter und nüchterner geworden. „Das merkt man schon am Check-In“, sagt Frank Schuler vom Veranstalterteam der Lord Vishnus Couch. „Die meisten wissen, wo sie sich anstellen müssen.“ Sie sind auch schon an den Prominentenstatus der Lehrer gewöhnt. Sah man 2010 noch nach jeder Stunde von Bryan Kest oder Gurmukh die Teilnehmer in Schlangen für ein Foto mit dem Lieblingslehrer anstehen, so wurden dieses Jahr höchstens noch ein paar offene Fragen geklärt. Bryan brachte seinen berühmten Rülpser am ganzen Wochenende nur einmal – und schwieg danach. Er rülpste sozusagen in Andeutungen, und die Gemeinde dachte sich still schmunzelnd den üblichen Lehrsatz dazu, den er sonst immer an dieser Stelle sagt („Ich liebe es zu rülpsen. Wer darüber lacht, zeigt, dass er mit seiner Aufmerksamkeit nicht voll und ganz bei seiner Praxis ist.“). Schön auch der Satz von Tom Beyer in seiner „Rücken-und-Gelenke-Klasse: „Diese Übung ist wie Gomukhasana, die muss ich ja nicht erklären...“ Damit hatte er auch vollkommen recht. Trotzdem ist es eigentlich bemerkenswert, dass die Lehrer heutzutage auf solch einer Veranstaltung (bei der theoretisch auch Anfänger zugelassen sind) niemandem mehr Gomukhasana erklären muss. Das gleiche gilt für das Durchschnittskönnen. „Die Handstände sind schon deutlich solider als in den vergangenen Jahren“, sagten die Acro-Yogis Adam Rinser und Jason Nemer. Nicht dass jeder Teilnehmer jetzt den Handstand kann. Aber die, denen dieses Asana wichtig ist, sind heute weiter.

Hielt einen schönen, gut besuchten Vortrag mit vielen Übungen über die Entwicklung vom klassischen
Pranayama zur modernen Atemtherapie: Richard Hackenberg © yogaservice.de


Der Berliner Sportwissenschaftler, Yogalehrer und Studiobesitzer Tom Beyer bei seinem
Workshop für Rücken und Gelenke. © yogaservice.de


Ashtanga-Koriphäe Ronald Arjuna Steiner als Teilnehmer in der Anusara-Klasse von Desiree Rumbaugh. © yogaservice.de

Das hat einen interessanten Effekt: Die Hype um Acrobatik und dynamische Vinyasa-Flow-Erlebnisse scheint etwas abzukühlen. Hatte man vergangenes Jahr noch den Eindruck, die Teilnehmer würden morgens bei Bryan Kest anfangen, dann zu Acro-Yoga, dann Gurmukh, um sich schließlich bei Rusty Wells den Rest  zu geben und anschließend auf allen Vieren ins Bett zu krabbeln, so erhielt dieses Jahr Kirtan und die Talks mehr Raum. Natürlich wurde Bewegungsfreaks bei Duncan Wong noch einiges geboten, auch Young Ho Kim führte seine Schüler an die Grenzen ihrer Körperbeherrschung. Aber insgesamt begünstigte die diesjährige Stimmung Angebote, die über das Körperliche deutlich hinausgingen. Bryan Kest schloss seine Klassen – im Unterschied zu vergangenem Jahr – mit einer Meditation, in der sich die Teilnehmer in erster Linie Dankbarkeit für das, was sie haben, bewusst machen sollten. Richard Hackenbergs Klasse zu Pranayama und Atemtherapie war voll bis auf den letzten Platz im großen Saal. Und wie man hört, gibt es die eine oder den anderen Yogalehrer beziehungsweise Yogalehrerin, die sich derzeit in seriösen Ausbildungen zu Atemtherapeuten befinden. Schade nur, dass es in Deutschland so wenig wirklich erfahrene Pranayama-Lehrer gibt.


„Die Quelle des Göttlichen und dessen Manifestation müssen ein und dasselbe sein. Deshalb seid ihr
göttlich. Ihr seid perfekt so wie Ihr seid.“ Mark Whitwell gab mit seiner Kernbotschaft und Präsenz
der diesjährigen Yoga Conference einen wesentlichen Impuls. © yogaservice.de


Die Jivas sorgten mit ihren Klassen, viel Musik und ihrem bekanntesten deutschen Lehrer,
Patrick Broome für eine schöne Stimmung. © yogaservice.de


Die Klassen wurden gleichzeitig in fünf verschiedenen Sälen angeboten. Oft war die Entscheidung
schwer – am liebsten hätte man alle erlebt. © yogaservice.de

Meidet eigentlich Konferenzen und Festivals. Bei der Conference in Köln macht er seit Jahren eine Ausnahme:
Power-Yoga-Gründer Bryan Kest. © yogaservice.de

Auch die zusätzliche Vortragsreihe im ersten Stock war gut besucht. Shubhraji fand hier eine ebenso dankbare Zuhörerschaft zur geistigen Technik des Balancing Mind, Body and Spirit wie Dechen Thurman oder David Lurey mit ihren philosophischen Themen. Young- Ho Kim sprach über Yoga-Business – und an der regen Teilnahme war klar zu erkennen, dass viele Teilnehmer aus beruflichen Beweggründe nach Köln gekommen waren. Die Euphorie für Yoga musste die Veranstaltung nicht mehr alleine tragen. Es wächst eine sachlich-nüchterne Beziehung zu den Inhalten dieser Wissenschaft und Kulturtechnik heran.

 

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Schwätzchen unter Gleichgesinntem beim Warten vor der Klasse. © yogaservice.de

 


Yogalehrer, mehrfacher Dan-Träger im Tae-Kwon-Do und begnadetes Bewegungstalent aus Frankfurt am Main:
der gebürtige Koreaner Young-Ho Kim. © yogaservice.de


Mit den entsprechenden Schuhen Dress braucht man nicht einmal eine Matte für Yoga: Savasana
nach zwei Stunden Power-Yoga. yogaservice.de

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Fotostrecke der Yoga Conference Germany 2010