Standardwerk: Yogasutra für Denker

Das Yogasutra von Patanjali besteht aus 195 Sätzen, die auf drei, vier Seiten passen. Aber ohne den Kommentar eines Meisters verstehen wir sie nicht. Deshalb sind die meisten Ausgaben des Yogasutra gerne über 200 Seiten dick, wie beispielsweise die Einführung von P. Y. Deshpande. Hier ein Abstract des Buches, das einen Ehrenplatz auf den Lektürelisten vieler Yogalehrlinge einnimmt.

„Die Wurzeln des Yoga: Die klassischen Lehrsprüche des Patanjali – die Grundlage aller Yoga-Systeme“ – so lautet der lange, volle Titel des Kommentars von P.Y. Deshpande. Der Schriftsteller der indischen 40er Jahre bezeichnet sich selbst nicht als Yogi; er erklärt als Zaungast die philosophische Seite yogischer Erfahrungen: „Was  der Yogi aufgrund dieser Verwandlung sowohl in seinem Bewusstsein wie in seinem Körper-Sinne-Komplex, und durch sie in der Welt, wahrnimmt, unterscheidet sich radikal von dem, was wir Nicht-Yogis wahrnehmen und verstehen“, schreibt er. Übersetzt und herausgegeben hat den Kommentar die Indologin Bettina Bäumer. Der akademische Hintergrund des Buches sollte allerdings nicht abschrecken. Es ist verständlich und klar geschrieben, und bietet damit eine verlässliche Grundlage für das philosophische Verständnis des 2000 Jahre alten, zentralen Textes.

Yoga stellt Deshpande als eines der sechs philosophischen Systeme Indiens vor, den so genannten Darshans. Darshana bedeutet wörtlich „Schau“.  Der echte Yogi ruht in der „Kraft des reinen Sehens“, er ist „sehende Energie“, so Deshpande. „Asana“ ist für ihn eine innere Haltung. Ebenso wenig versteht Deshpande Pranayama als Übung. Der ruhige Atem entstehe vielmehr aufgrund der tiefen Erkenntnisse. Dieses Yoga-Verständnis unterscheidet sich also deutlich vom Ansatz der Hatha-Yoga-Praxis, die den Körper zum Instrument der tiefen Erkenntnis macht. Deshpandes ermutigt aber dazu, die Ursachen der inneren Unruhe zu verstehen. Denn durch das Verstehen verlören diese Ursachen an Kraft.

Der Wille, die innere Unruhe zu erforschen, wird meist durch ein schockartiges Erlebnis ausgelöst, vielleicht durch einen Schicksalsschlag, eine intensive Begegnung oder eine Vision, eine „Ent-Täuschung.“ Daraus entsteht plötzlich eine klare Sicht auf den Unterschied zwischen Wahrheit und falschem Wissen. Dieses Bewusstsein mache sensibel für die Bedrohung, die vom Nicht-Wissen für das Überleben der Menschheit ausgehe. „Die bloße Wahrnehmung dieses Schreckens verleiht Viveka-khyati; die Eigenschaft, Spannungen zu beseitigen und nicht mehr ins Schwanken zu kommen.“ Viveka ist die Unterscheidungsfähigkeit. Sie verstärkt den Wunsch nach einer yogischen Lebensweise, die Patanjali laut Deshpande in „acht Aspekten des Lebens als einheitliches Ganzes“ zusammenfasst. Diese acht Aspekte, Ashtanga genannt, sind für viele Yogis ein Weg zur Selbstbefreiung.

Der Denker Deshpande geht allerdings etwas anders vor: Der Mensch müsse laut Patanjali vor allem die Natur seines Geistes durchschauen.  Die Wurzeln des seelischen Leidensdrucks sind dieselben, aus denen sich die Wirklichkeit dem Geist verzerrt darstellt: Sie sind falsches Wissen (Avidya) und der angeborene Reflex, das „Sehende“ und „Gesehene“ für dasselbe zu halten. Fragt sich nur, wie man diesen ständigen Hang zur falschen Sicht abschüttelt. Asana und Pranayama zu üben kommen für Deshpande ja nicht in Frage. Auch Bücher würden nur bedingt weiterhelfen: „Bücher und was man von anderen hört, mögen einem ein gewisses Wissen und Information über Dinge vermitteln. Aber das konditionierte Bewusstsein zwingt uns immer auszuwählen, was uns gefällt, und wegzulassen, was uns nicht gefällt an Büchern oder von den Worten anderer Menschen.“

Wir müssen also die Wurzeln des Leidens in den Blick nehmen. Dafür aber muss der Blick klar sein – ist er aber nicht, er wird durch unsere innere Unruhe getrübt. Yoga ist die nötige Ruhe für den klaren Blick. Die Ursache der Unruhe liegt im Stress, ständig zu wählen (zwischen Gut und Schlecht oder Habenwollen und Nichthabenwollen etwa). Das Wählen leitet Deshpande wortgeschichtlich aus dem Sanskritwort Vritti ab. Citta-Vritti-Nirodha lautet Patanjalis wohl berühmtestes Sutra, seine Definition des Yoga gleich zu Beginn des ersten Kapitels. Im Sinne von Deshpande übersetzt, bedeutet es, sich in einen Zustand des Nicht-Wählens zu bringen und damit innere Ruhe herzustellen. Der Übungsweg dorthin liest der Kommentator aus dem ersten Sutra das zweiten Kapitels: der Weg des Kriya-Yoga, der Dreiklang aus Tapa, Svadhyaya und Ishvara-Pranidhana. „Kriya heißt Tat”, schreibt er. “Und Yoga ist Citta-Vritti-Nirodha. Daher ist eine Handlung, die aus Citta-Vritti-Nirodha entsteht, Kriya-Yoga. Wenn man das versteht, strebt man von selbst danach, ein Leben zu führen, das von dem Bewusstsein des Yoga erfüllt ist.“


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Der Geist beruhigt sich nicht nur in einer Yoga-Klasse, sondern auch bei Gartenarbeiten, Joggen oder Denken. Zu Yoga werden all diese Tätigkeiten, wenn sie die drei Kriterien des Kriya-Yoga erfüllen. Alle drei Kriterien spielen mit der Vorstellung einer reinigenden Wirkung. Deshpande beschreibt die drei Begriffe wie folgt: „Tapas“ ist die „Intensität des Seins“; eine starke Energie, die frei wird, wenn man aufhört, sich durch die Identifikation mit den falschen Dingen beunruhigen zu lassen. „Svadhaya“ ist „über sein eigenes Selbst zu lernen“, und zwar nicht aus Büchern, sondern durch Beobachtung der Vrittis in einem Zustand des Nicht-Wählens. Und „Ishvara Pranidana“ bezeichnet die Verbindung zum Nirodha des Yoga, zum Zustand der inneren Ruhe, der „Großen Leere, .... in der Gott wohnt“. Diese Leere entspricht Deshpandes Vorstellung absoluter Reinheit.

Der Autor erklärt Gott als ein „geheimnisvolles, furchteinflößendes Etwas“ tief im Innern des Menschen, verdeckt durch „dicke Schichten der Konditioniertheit“. Der Mensch sehne sich danach, dieses Etwas zu Bestaunen und Anzubeten. Staunen und Anbetung seien seelische Grundbedürfnisse wie Fortpflanzung und Essen auf körperlicher Ebene. Diese interessanten Feststellungen stammen von Deshpande, und nicht von Patanjali. Die Beziehung zum „großen Unbekannten“ gründe sich auf ein religiöses Gefühl, so Deshpande. Interessant ist dabei allerdings die häufige Benennung Gottes nicht als Ebenbild des Menschen, sondern als Stelle in uns. „Nidhana“ bedeutet Ort, an dem etwas niedergelegt sei, und „pra“ heiße „intensiv“. Deshpandes Erklärung dieses Gottesbegriffs ist also etwas, wo wir hingehen können: „der Raum – die Leere – voll von der Intensität des Seins, in dem Gott west.“ Ishvara Pranidhana ist also der feste Glaube daran, dass es diesen Ort in uns gibt.

Dieser Ansatz ist sehr philosophisch, fast psychologisch – und baut damit nichtreligiösen, modernen Menschen eine Brücke zu den mystischen Aspekten der Yogapraxis. Das funktioniert auch dann, wenn man im Gegensatz zu Deshpande trotzdem Körper- und Atemübungen leidenschaftlich gerne praktiziert. Denn findet man im Savasana nach einer wunderbar fordernden Asanapraxis nicht ganz leicht diesen Raum in uns „voll von der Intensität des Seins“?

tis

Preis: 
€22.50
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
O.W.Barth
ISBN/ASIN: 
978-3502611165