Standardwerk: Yogasutra – übertragen von Sriram

Das Yogasutra inspiriert uns, „das meinende, denkende Selbst zu erforschen“, ihm „auf die Schliche zu kommen, um einen klaren Weg aus Schwierigkeiten zu finden“, schreibt Sriram im Vorwort seiner Übertragung. Er ist einer der besten Kenner dieses Textes, nächstes Wochenende hält er darüber einen Workshop in Berlin ab. 

Den Beginn der Traditionslinie des philosophischen Yoga setzt man gemeinhin mit den 195 Leitsätzen („Sutren"“) gleich, die Patanjali vor rund 2000 Jahren im Yogasutra niederschrieb. Eng geschrieben, passt das Destillat des Yogawissens jener Zeit auf eine Seite. Das Schöne an diesem Text ist: Ob der Leser und Anwender dabei an Gott glaubt oder nicht, spielt keine Rolle. Auch als Dogmen sind die Sutren schwer zu missbrauchen – dafür lassen sie einen viel zu großen Interpretationsspielraum. Mehr noch: Ohne eigene, tiefe Erfahrung ist keiner der 195 Sätze wirklich zu verstehen. Salopp ausgedrückt ist das Yogasutra ein Lebensratgeber auf sehr, sehr hohem Niveau; eine auf Anwendung aufgebaute Philosophie.

Pantanjali stellt sachlich fest, dass es in der Natur des Menschen liegt zu leiden. Die Ursache liegt in den natürlichen Bewegungen des Citta, des Geistes oder in der Übersetzung von Sriram: „meinenden Selbsts“. Patanjali erklärt, wie Bewegung und Leiden entstehen – und liefert im folgenden das System, durch das der Mensch sein Inneres befrieden kann. Das zweite Sutra „Yogah cittavritti-nirodhah" ist zugleich das berühmteste, es definiert Yoga. Anhand dieses Sutras lassen sich Übersetzungen auch gut vergleichen. Srirams Variante: „Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des meinenden Selbst in eine dynamische Stille übergehen.“ In diesem Zustand, so heißt es im darauf folgenden Sutra, ruht „Drasta“, das „sehende Selbst“, in der „eigenen Form (und kann folglich erkannt werden).“ Im Yoga geht es also um die Vermittlung des meinenden Selbst und dessen “tiefsten sehenden Kern“ (eben Drasta).

Dem Yogasutra liegt damit, weit vor dem offiziellen Beginn der philosophischen Moderne, eine zutiefst moderne Haltung zugrunde: Das Individuum kann sich selbst aus seiner geistigen Unmündigkeit befreien – und damit auch selbst glücklich machen. Diese Grundhaltung entwickelte im Abendland erst ab der Aufklärung vor gut 200 Jahren Breitenwirkung. Heutzutage genießt das Yoga Sutra ein hohes Vertrauen. Und die Übertragung durch Sriram gehört zu den Beststellern unter den vielen deutschen Sutra-Kommentaren, die wir in lockerer Folge auf yogaservice.de vorstellen.

„Ich kenne niemanden in Deutschland, der mehr über die Yoga Sutren weiß als Sriram", sagt Patrick Broome, der selbst als ausgewiesener Kenner der Sutren gelten darf. R. Sriram stammt aus Chennai, Indien, wo er seit den 70er Jahren bei T.K.V. Desikachar lernte. Der ist wiederum der Sohn und langjährige Schüler von T. Krishnamacharya, auf den viele der heute prominenten Yogastile zurückgehen. Auch Sriram nahm am Philosophieunterricht von Krishnamacharya teil. Später lehrte er selbst an Desikachars Yogazentrum, dem Krishnamacharya Yoga Mandiram. In den späten Achzigerjahren zog Sriram mit seiner Frau und seinem Sohn nach Deutschland, wo er sein Wissen in Einzelstunden und Workshops weitergibt.

Nachdem Sriram das Yogasutra vom Sanskrit ins Deutsche übersetzt hatte, bat er Desikachar darum, eine Einführung zu schreiben. Der hatte eine bessere Idee: eine Art mündliche Prüfung mit dem Autor, das Protokoll davon steht anstelle einer Einführung. Erste Frage: „Was ist der Unterschied zwischen Sraddha und Ishvarapranidhana?" Hättest du es gewusst? Sriram antwortet in kurzen, kristallklaren Sätzen. Das bleibt auch der Stil des Buches: Ist jedes Wort wohl überlegt, dann braucht es nicht viele davon.

Die erste Ausgabe kam schon 2003 heraus, vergangenes Jahr erschien dann eine vollständig überarbeitete, zweite Auflage. Sriram tritt in seiner Übertragung des klassischen Textes bescheiden hinter die Worte Patanjalis zurück. Zu Beginn jedes der vier Kapitel fast er deren Hauptaussagen auf vier bis fünf Seiten verständlich und ohne ausschweifende Reflektionen zusammen. Jedes Sutra steht auf einer eigenen Seite. Darauf steht es in Sanskrit und in der deutschen Übersetzung. Dazu stellte Sriram für jedes vorkommende Sanskritwort zusätzliche Wortbedeutungen, so dass der Leser ein eigenes Gefühl für die Bedeutungsnuancen des Originals entwickeln kann. Wo nötig, wird die Übersetzung mit ein, zwei Sätzen erläutert. Das Buch kann man von vorn bis hinten wie ein Lehrbuch durchlesen – muss man aber nicht. Als Nachschlagewerk ist diese Ausgabe des Yogasutra neben jener von Desikachar das bestgeeignete Werkzeug, um sich regelmäßig mit dem klassischen Text zu beschäftigen. Kein Wunder also, dass es wohl jeder Yogalehrende in seinem Bücherschrank stehen hat.

tis

Preis: 
€24.95
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Theseus
ISBN/ASIN: 
978-3899012415

Zum Thema

Besprechungen weiterer Ausgaben des Yogasutra auf yogaservice.de

Der Workshop von R. Sriram in Berlin findet bei Spirit Yoga vom 29. bis 31. Oktober statt. Details hier.