Standardwerk: Befreiung durch Jivamukti-Yoga

Dieses Buch steht aus zwei Gründen bei vielen westlichen, modernen Yogaübenden im Buchregal: Erstens ist es gut. Es erklärt Theorie und Praxis eines Yoga, das sich auf die Lebenskultur einer Industriegesellschaft anwenden lässt. Zweitens hat Sting das Vorwort dazu geschrieben. Das liest sich harmlos, gehört aber zum Lektürekanon in manchen Yogalehrerausbildungen.

In einer DC-10 in rund 10.000 Meter Höhe. Alle schlafen, nur einer wacht. Im Kopfstand zwischen den leeren Sitzreihen der Economyclass: Sting. Er und seine Crew seien seit Monaten auf Tour und total erschöpft, wie der Musiker schreibt. Es sei also selbstverständlich, auf Tour jede Gelegenheit für Schlaf zu nutzen. Oder für eine Erfrischung bei einer Stunde Yogapraxis. Sting praktizierte seit etwa zehn Jahren Yoga, als er diese Zeilen schrieb. Inzwischen ist das Buch seiner Yogalehrer Sharon Gannon und David Life selbst schon wieder fast zehn Jahre alt. Die Autoren haben mit dem von ihnen begründeten Jivamukti-Yoga die westlichen Yogastile wie wenig andere Schulen geprägt. 2002 kam ihr Buch auf den Markt; es gehört heute noch bei Amazon zu den am meisten gekauften Büchern über Yoga.

Nicht die ausführliche Beschreibung einzelner Körperhaltungen bildet den Schwerpunkt des Buches. Die Autoren präsentieren hier Yoga als Lebenshaltung; mehr noch als Philosophie, die lehrt, wie man in diesem Leben dauerhaft glücklich und wirklich zufrieden sein kann – unabhängig von äußeren Umständen. Entsprechend widmen sich die ersten Kapitel großen Themen wie Karma: „What you Think, Say, and Do“, Ahimsa und der Suche nach dem Guru.

Ahimsa, die yogische Tugend der Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit, wird beim Jivamukti-Yoga nicht einfach mitgeliefert, sondern besonders betont. Die Stilgründer machen keinen Hehl daraus, dass sie Ahmisa als Motivation für einen umweltbewussten Lebensstil und die Ablehnung von Tierversuchen und Massentierhaltung verstanden wissen wollen. Das Kapitel ist entsprechend mit Fotos von Tierquälerei bebildet. Gewaltlosigkeit verstehen die beiden allerdings weniger als Gebot, sondern als Ausdruck eines geübten Charakters. Sie entsteht aus einem entwickelten Mitgefühl, englisch: „compassion“. Compassion erwirbt sich ein Yogi, sie entsteht durch Übung. "Um dein Mitgefühl zu entwickeln, untersuche die Motive deiner Handlungen", heißt es im Ahimsa-Kapitel. "Sind sie selbstsüchtig oder selbstlos?"

Nach dem einführenden ersten Teil unter der Überschrift „Was ist Yoga?“, erläutern die Autoren im zweiten Teil die „äußere“ Praxis: Lebensfluß (Prana), Asanas, die Abfolge der Übungen und den Kriya auf der Grundlage von Patanjalis Sutra – Kriya-Yoga basiert auf Disziplin, Selbststudium und Hingabe. Der dritte Teil schließlich widmet sich vollständig der „inneren“ Yogapraxis, in Kapiteln über Meditation, als Methode den Geist zu beruhigen, Nada, dem bewussten Umgang mit Klang, Zuhören und Mantrasingen sowie Bhakti, dem Yoga des liebenden Gebens.

Die fünf zentralen Pfeiler des Jivamukti-Weges sind das Studium der traditionellen Texte, Bhakti, Ahimsa, Nada und Meditation. Sharon Gannon und David Life paaren herausfordernde Übungen mit der intensiven Auseinandersetzung der mentalen Aspekte des Yoga, inspiriert von ihren Lehrern Krishna Pattabhi Jois, Bramananda Saraswati und Swami Nirmalananda. Die Jivamukti-Yogis (Jiva: sanskr. für Seel und Mukta: sankr. für Befreiung) glauben, dass die Befreiung der Seele, wie sie in den ursprünglichen Texten als Ziel des Yoga genannt wird, möglich ist – und das, ohne dass wir unseren Körper dafür verlassen müssen. Erleuchtung ist das Ziel – und Jivamukti-Yoga führe zu dieser Befreiung (der Seele) und zwar im Hier und im Jetzt. Damit sei Jivamukti-Yoga ein Weg der spirituellen Entwicklung, ein Pfad zu Selbsterkenntnis und Freiheit. Mentale Stärke und körperliche Flexibilität sollen zu geistigem Glück und andauernder Zufriedenheit führen.

All dies erörtert das Buch in einer leicht verständlichen, lebensnahen Sprache. Die theoretischen Passagen lockern Randnotizen, Illustrationen der Autoren und Fotostrecken von zwei Anfänger-  und drei fortgeschrittenen Yogaklassen auf. Noch ist das Buch nur auf Englisch zu haben. Der Vianova-Verlag arbeitet aber derzeit an einer deutschen Übersetzung. Sie ist für April angekündigt. Da die Übersetzung allerdings noch einmal komplett überarbeitet werden musste, könnte es auch Mai werden, wie der Verlag yogaservice mitteilte.

Petra Schönenberg 

 

Preis: 
€13.95
Ausführung: 
Taschenbuch
Verlag: 
Ballentine Books
ISBN/ASIN: 
978-0345442086

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