Buddhismus to go: Robert Thurman in Berlin

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Als ihn Anja Kühnel, die Hausherrin von Jivamukti Yoga Berlin, fragte, ob sie ihn mit einem kleinen Intro vorstellen soll, wiegelte er ab: Es wüssten doch alle, wer Robert Thurman sei. Das galt zumindest für die vielen, die zu dem achtstündigen Workshop am vergangenen Samstag kamen. Friedericke Meissner berichtet für yogaservice.de von dem hohen Besuch in Berlin.

Für die buddhistisch Interessierten ist er einer der wichtigsten Wegbereiter des Buddhismus im Westen. Für die Yogaszene ist er eine Kapazität für fernöstliche Weisheit und der Vater des beliebten Yogalehrers Dechen Thurman. Und wer den Glamour liebt, der wollte ihn vielleicht einfach nur einmal live erleben. Denn schließlich ist er auch der Vater von Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman, der Freund des Dalai Lama und einer der einflussreichsten Intellektuellen der USA. 

Robert Thurman ist ein Professor mit sehr bewegter Lebensgeschichte, gebürtiger New Yorker, Jahrgang 41. Ein humorvoller, älterer Herr, der statt Lotussitz auf dem Boden lieber im gemütlichen Sessel vor dem Publikum Platz nimmt und – sehr unterhaltsam – referierte. Sein Jacket hing über der Lehne, lila Blusenhemd, Jeans mit Indianergürtel, um den Hals eine Indianerkette. Im Publikum saß auch seine Frau; eine energische Person, die ihn lebhaft unterstützte.

Am Vormittag widmete er sich dem Thema „Transzendenz“, am Nachmittag dem Mitgefühl und der Weisheit. Wie jeder große Lehrer kann er beides, die kurze und die lange Version. Die kurze lautet: „Buddhismus ist Realität. Realität ist Glückseligkeit.“ Doch wir bekamen natürlich auch die etwas längere, tagesfüllende Erläuterung. Das Seminar begann mit einem historischen Überblick über den tibetischen Buddhismus samt Geschichte. Später machte er sogar einen Ausflug in die Evolution, ein lustiger Ritt von der Jäger-und-Sammler-Zeit bis heute, um menschliche Schwächen wie Gier, Neid und Hass aber auch wunderbare Fähigkeiten wie Empathie und Mitgefühl zu erklären. in solchen Momenten wurde er mitreißend lebendig, eine One-Man-Show, ein David Letterman des tibetischen Buddhismus. Daher haben seine Kinder also diese darstellende Gabe.

Natürlich ist sein Wissen gewaltig.  Vieles davon kann man in Büchern nachlesen, von den „Vier ewigen Weisheiten“, „dem achtgliedrigen Pfad“ über Buddha, Dharma und Sangha bis zu den wichtigsten Grundsätzen der Weisheit. Wirklich spannend machten den Tag aber seine persönlichen Erfahrungen, beispielsweise seine Meinung zu de Frage, die viele Übende bewegt: Wie findet man „seinen“ richtigen Lehrer?. Er empfiehlt keine bestimmte Schule. „Finde es selbst heraus, finde für dich deinen Weg.“ Einen guten Lehrer erkenne man daran, dass er Freude am Weitergeben seines Wissens habe. „Achte drauf, dass der Lehrer selbstlos bleibt und nicht versucht, dich an ihn zu binden. Und der Lehrer solle den Schüler auch ermutigen, bei anderen Lehrer zu lernen. Einen Guru anzubeten, lehnt Robert Thurman ab. Der beste Guru, so ein Witz unter tibetischen Mönchen, lebe drei Täler weit weg. Heißt: So kann man seinen Guru besser idealisieren und die Makel ausblenden. Der richtige Lehrer aber sei wie ein spiritueller Freund, der in der Praxis ein paar Schritte voraus sei, dich inspiriert und dir eine positive Orientierung gibt.

Vor allem gelte Buddhas Satz: „Akzeptiere nicht alles, teste es.“ Er jedenfalls, Robert, habe alles hinterfragt, sagt er glucksend. Wenn du die Realität wirklich verstanden hast, hast du dich vom Leid befreit, so die Lehre. „Wenn du realistisch bist, wirst du die Welt erforschen, in dir und um dich herum und Nirvana entdecken. (Er selbst habe Nirvana allerdings noch nicht entdeckt).

Zur Weisheit führt nach buddhistischer Auffassung die Erkenntnis, dass hinter jeder Form das Nichts ist. Namen und Konzepte sind leer. Dazu gehört auch, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu befassen. „Der Tod bringt dich zurück zum Nichts.“ Das beschleunigt die Einsicht, dass eine Weltanschauung, Konzepte, Familie, Beruf und – selbst der schönste Downward facing dog – „Nichts“ sind. Schließlich könnten wir sie nicht mit in den Tod nehmen. Je mehr einem dies bewusst werde, desto mehr merkt man, wie kostbar jeder Moment des Lebens sei. „Nichts“ bedeutet also nicht wertlos. Buddha habe das Leben als „Juwel“, „kostbare Sache“ bezeichnet. Auch das Leiden gehört zwar zum Leben. Allerdings kann man sich davon befreien – am besten, in dem man andere von deren Leid zu befreien hilft.

Eine positive Einstellung ist essentiell und ständige Übung. Im Buddhismus herrscht die Auffassung: „Wie du deinen Geist („mind") gestaltest, so erschaffst du dir dein Leben. „Leider kann es durch eine bestimmte Geisteshaltung geschehen, dass du dich mies fühlst, auch wenn die besten Voraussetzungen herrschen.“ Dazu gab es eine Anekdote mit dem Dalai Lama. Mönche filmten seinen Alltag. Nach dem Aufstehen fragten sie Ihre Heiligkeit: „Was machen Sie?“ Der Dalai Lama antwortete: „Ich schaue Sie an...nein, Scherz beiseite: Ich sammle meinen Geist (mind). Ich forme meine Motivation, um nach meinen Idealen zu leben. Abends dann, nach Gesprächen mit Gläubigen, Verhandlungen und so weiter, halte ich Rückschau, ob ich nach meinen Idealen gehandelt habe.“ Die Pointe an der Geschichte für Robert: „Sogar seine Heiligkeit muss sich immer wieder ausrichten und motivieren.“ Mensch kann sich darin trainieren, positiv zu denken. Der Geist ist mächtig genug, negative, destruktive, depressive Gedanken in positive zu wandeln. Man könne, als höchst Übung, auch glücklich sterben. Im tibetischen Totenbuch stehe: Wenn dein Geist (mind) glücklich ist, kann dir nichts passieren. Dann bis du mit deinem inneren Wesenskern verbunden. Den findet der Übende in seinem Unterbewusstsein. Im Gegensatz zur westlichen Psychologie kennt der Buddhismus kein unterdrücktes, „schlechtes“ Unterbewusstsein. Übrigens hatte Roberts Vortrag zwar Buddhismus zum Thema. Er stellte aber immer wieder den Bezug zu Yoga her (schließlich waren wir ja in einem Yogastudio). So formulierte er im Zusammenhang mit der Anekdote vom Dalai Lama sogar eine Art Definition von Yoga: „Yoga bedeutet, das eigene Leben an die eigene Weltanschauung anzubinden“ („Yoking your life to your life view“). 

Nach der Mittagspause standen Mitgefühl und Weisheit auf dem Programm. Mitgefühl sei der Schlüssel zu einem glücklichen Geist. „Sobald du es schaffst, Mitgefühl für deine Situation zu entwickeln, spürst du auch Mitgefühl für andere. Nach einem theoretischen Diskurs („die sieben Schritte des Mitgefühls“, „drei Arten des Gebens“) leitete Robert eine Meditation mit uns. Die Übung lautete: „Denke an andere Lebewesen!“ Wir sollten vor dem inneren Auge erst Menschen sehen, die wir mochten. Wir nahmen eine zärtliche, wohlwollende Haltung ein. Dann versuchten wir das Gleiche mit Menschen, die wir nicht mochten. Kleine Hilfestellung: Man solle sie sich als gütige Mutter vorstellen. Mit Dick Cheney oder George W. Bush sei ihm das noch nicht gelungen, gesteht uns Robert hinterher. Sicher hätten wir auch Probleme, uns bei der Übung Adolf Hitler als gütige Mutter vorzustellen.

Auch das Thema Weisheit war natürlich ein weites Feld, und uns rauchten bereits die Köpfe. Um es abzukürzen, lautete die Hauptbotschaft: Weisheit ist, die Realität zu kennen. Diese Kenntnis befreit dich von Leid. Robert leitete eine weitere Meditation dazu an. Die Übungen lauteten zum Beispiel: „Du bist unschuldig und jemand beschuldigt dich. Dein unschuldiges Selbst aber ist anderer Meinung. Meditiere darüber!“ Oder: Vergegenwärtige die „fünf Ebenen der Architektur deines Körpers“. Oder: „Meditiere über das Ich in deinem Körper, suche es irgendwo zwischen Organen, Nervensystem und Gehirn!“ Verschiedene andere Selbstbetrachtungen folgten, die von Illusionen befreien können.


Robert Thurman bei Jivamukti Yoga Berlin © Jivamukti Yoga Berlin

Was blieb von dem Tag: Die Begegnung mit einem Experten, redegewand und voller Mutterwitz, der die immense Weisheit Buddhas alltagstauglich vermitteln konnte und jede noch so kniffelige, fortgeschrittene Frage als Insider des tibetischen Buddhismus beantwortete. Mit seinem Charme fesselte er uns so, dass wir beinahe glaubten, die ganze Weisheit Buddhas in einem Tag erfassen zu können. Aber das ist natürlich eine Illusion. Wir lernten ja: Das ist ein lebenslanger Prozess. Es war ein Seminar im Schnelltempo. Buddha to Go! Amerikanisch positiv zubereitet, ohne oberflächlich zu sein. Trotz der Informationsfülle hatten wir das Gefühl, Gedankenpingpong mit ihm zu spielen, zum Beispiel bei den unterhaltsamen Einlagen buddhistisch angehauchter US-Politiksatire. Das hielt den Geist frisch und aufmerksam. Yes, think positive! Be here now! Man wird dankbar für sein Leben, die Eltern, die einem das Leben schenkten und geht mit einem aufgemunterten Gemüt aus dem Seminar.

Friederike Meissner

 

 

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Das Seminar fand im zweiten, Kreuzberger Studio von Jivamukti Yoga Berlin statt.

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