„Dein Leben ist das Produkt deiner Gedanken“

Das ist der wohl berühmteste Satz des „Philosophenkaisers“ Marc Aurel. Man liest seine Zitate in Yogabüchern ebenso oft wie auf Internetseiten, auf denen es um Positive Thinking geht – Grund genug, das Reclambändchen „Selbstbetrachtungen“ einmal zur Hand zu nehmen. Vieles klingt für Yogis bemerkenswert vertraut. Hier ein Porträt und die wichtigsten Äußerungen des alten Römers.

Marcus, geboren 121 nach unserer Zeitrechnung, war wohl der Traum aller Eltern. „Schon seit früher Jugend zeigte er eine unbeugsame Liebe zur Wahrheit und einen beständigen Hang zum Nachdenken", schreibt der Übersetzer im Vorwort der „Selbstbetrachtungen“, Albert Wittstock. „Seine Lernbegierde wurde durch die sorgfältige Erziehung seiner Mutter und den Unterricht tüchtiger Lehrer unterstützt.“ Die lebten damals in Griechenland: die Stoiker. Deren Strategie der inneren – „stoischen“ – Ruhe steht der fernöstliche Weisheit durchaus nah. Ohnehin war der Einfluss der buddhistischen Gelehrten wie Nagarjuna wohl größer als man bisher annahm, aber das ist eine andere Geschichte.

Marcus Aurelius kleidete sich als Teenager im schlichten Leinen die Stoiker und schlief auf der bloßen Erde. Mit Engelszungen überredete ihn seine Mutter, wenigstens ein paar Felle unterzulegen, damit er nicht krank wird. Seine Sportarten waren Fechten, Ringen, Wettlaufen und Reiten. Und selbstverständlich sprach und schrieb der Römer griechisch. Deshalb hat er auch seine „Selbstbetrachtungen“, das sind zwölf schmale Tagebücher, auf griechisch geschrieben.

Sie ergeben zusammen nicht mehr als 190 Seiten. Zu mehr blieb Marc keine Zeit. Seine Amtszeit als römischer Kaiser (161 bis 180) hatte er sich schon anders vorgestellt. Er hoffte, trotz der Führungsaufgabe für ein Riesenreich, das damals von Ägypten bis in den nebligen Norden reichte, genügend Zeit zum Lesen und Schreiben haben. Aber kaum war er Kaiser, überfielen an verschiedenen Enden feindliche Stämme das römische Reich. Er musste als Feldherr in die Schlacht reiten und als Krisenmanager bei Überschwemmungskatastrophen, Pestepidemien und Wirtschaftsrezessionen funktionieren. Das Leben forderte die Praxis der inneren Ruhe von ihm, nicht die Theorie. Und dabei machte er offenbar eine so gute Figur, dass ihn seine Gelassenheit bis heute zum legendären Vorbild vieler Führungsleute macht. Altkanzler Helmut Schmidt beispielsweise trug Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ jahrelang bei sich. Dem breiten Publikum ist Marc auch als der gute Kaiser in Ridley Scotts Film „Gladiator“ bekannt, für den ein Rusell Crowe alias Maximus weit weg von seiner Familie gegen wilde Germanen kämpft.

In den kurzen Verschnaufspausen zwischen Schlacht und Krise erinnerte sich der Kaiser mit kurzen Eintragungen in seinen Tagebüchern immer wieder an die philosophischen Prinzipien, an die er sich trotz seines schwierigen Amts unbedingt halten wollte. Er hielt sich in diesen „Selbstbetrachtungen“ die Einsicht wach, dass es im Innern etwas gibt, was durch das Außen nie berührt werden kann. Am schönsten kommt das in folgender Passage zum Ausdruck, die übrigens mit dem berühmten “Dein-Leben-ist-das-Produkt-deiner-Gedanken“-Gedanken, allerdings in einer völlig anderen Übersetzung. Die Übertragung vom Griechischen ins Deutsche lässt einen großen Interpretationsspielraum:

„Unter den gebräuchlichsten Wahrheiten aber richte vorzüglich auf folgende zwei dein Augenmerk: erstens, dass die Außendinge mit unserer Seele nicht in Berührung, sondern unbeweglich außerhalb derselben stehen, mithin Störungen deines Seelenfriedens nur aus deiner Einbildung entstehen, und zweitens, dass alles, was du siehst, gar schnell sich verändert und nicht mehr sein wird. Und von wie vielen Veränderungen bist du selbst schon Augenzeuge gewesen! Erwäge ohne Unterlass: die Welt ist Verwandlung, das Leben Einbildung." (3.7)


Die leicht zu lesenden Gedanken des Philosophenkaisers
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bändchen.

"3.7" heißt: Der berühmte Leben-ist-das-Produkt-deiner-Gedanken-Gedanken steht in der dritten Eintragung im siebten Tagebuch. Auch Kristin Rübesamen stellt ihrer Yoga-Erzählung „Alle sind erleuchtet“ ein Zitat von Marc Aurel voran: „Denn ein Leben nur, ein einziges, hat jeder.“ Man sucht diesen Satz in dem handlichen Reclambändchen ziemlich lang, kein Wunder. Hier lautet er ja auch: „Unser Leben ist flüchtig, das deinige ist fast schon am Ziele." (2.6) Es ist eine der Kernbotschaften der stoischen Philosophie – und Eckart Tolle-Fans dürfen begeistert sein: Ruhe findest Du nur im Augenblick. Gehe mit der Macht des Jetzt! Denn, um es mit der pragmatischen Art des Kaisers zu sagen: „All dein Tun und Denken sei so beschaffen, als solltest du möglicherweise im Augenblick aus diesem Leben scheiden." (2.11)

Der Schlüssel zum Glück liegt in der Seele, sagt Marcus Aurelius Antonius, nicht im Außen. Manche bräuchten zwar den Anblick des Meeres oder des Gebirges, um sich zu erholen. Doch die wahre Idylle sollten wir in uns herstellen und bewahren: „Es gibt für Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele, zumal wenn er in sich selbst solche Eigenschaften hat, bei deren Betrachtung er sogleich vollkommene Ruhe genießt, und diese Ruhe ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein gutes Gewissen.“ (4.3)

Dieses reine Gewissen erhält man sich, indem man seine Grundwerte über den Erhalt seines Lebens stellt und den Tod nicht scheut. Diese Haltung erfordert laut Marc viel Kraft, Disziplin und Enthaltsamkeit – Tugenden, die schon immer eher unpopulär waren. Allerdings kommt man zu ihnen durch Einsicht, und die erhält man durch  Selbststudium, was der Yoga-Gelehrte Patanjali „Svadhaya“ nannte. Marc empfiehlt es mit diesen Worten: „Es ist noch nie jemand unglücklich geworden, weil er sich nicht um das, was in der Seele eines anderen vorgeht, gekümmert hat; aber diejenigen, die nicht mit Aufmerksamkeit den Bewegungen ihrer eigenen Seele folgen, geraten notwendig ins Unglück.“ (2.8)

Für den Philosophenkaiser sind alle und alles eins – auch das ein Gedanke, dem man im Yoga und Buddhismus oft begegnet. Nur das Denken schaffe die Illusion des Getrenntseins. Hier Marcs Originalworte: „Die denkenden Wesen sind es nämlich jetzt allein, die dieses Zueinanderstreben und Zusammenhalten vergessen, und bei ihnen allein ist jenes Zusammenfließen nicht ersichtlich." (9.9)

Patanjali empfiehlt das Selbststudium, nicht das Studium der Bücher – wie der Stoiker Marc Aurel auch. Dessen Gedanken erinnern an Prinzipien des Patanjali, die hier in Klammern stehen: Der Genius des Weisen ruhe „im Innern der Brust“ (Purusha). Er umfasst „mit Liebe“, was ihm durch die Verkettung der Geschickte begegnet. Der gesunden Menschenverstand bewahrt davor, diesen Genius durch das „Gewirre von Einbildungen (Avidya) zu beunruhigen“. Er bewahrt das, was ihn heiter erhält, „anspruchslos der Gottheit unterworfen“ (Ishvara Pranidhana). Er sage weder etwas, was der Wahrheit noch der Gerechtigkeit widerstreitet. (Satya). Im Ideal bewegt man sich auf einem „Pfade, der zu einem Lebensziele führt, bei dem man rein, ruhig, bereit und mit williger Ergebung in sein Schicksal (Santosha) anlangen muss.“ (3.15)

Marc Aurel hätte wohl gerne auf Gewalt verzichtet: „Die beste Art, sich an jemand zu rächen, ist die, nicht Böses mit Bösem zu vergelten.“ (6.6). Als Kaiser konnte er aber Schlachten und Intriegen nicht aus dem Wege gehen; als Feldherr hat er seine Feinde getötet. Außerdem empfiehlt er immer wieder, im Frieden mit seinem Schicksal seine Pflicht zu erfüllen. Dieser Gedanke lässt sich ähnlich missbrauchen, wie es die Nazis mit der Bhagavad Gita getan haben. Arjunas Konflikt, Krishnas Lösung: Pflichtgehorsam wird hier über bedingungslose Gewaltlosigkeit (Ahimsa) gestellt, was für viele heutige Yogis inakzeptabel ist.


Die berühmteste Darstellung Marc Aurels ist das Reiterstandbild auf dem
Kapitol in Rom. Hier kurz nach der Renovierung. © Mathias Kabel

Marc Aurel hat hart an sich gearbeitet. Seine Mittel waren die Wirkungen seiner Taten und die Bahnen, in denen er seine Gedanken lenkte. Er wusste um die Wirkung fehlgeleiteter Gedanken. Die führten nicht nur einfach zum Irrtum, sondern auch zu einer unglücklichen Seele. Deshalb sei er zum Schluss nochmal als Vordenker des Positive Thinking zitiert: „Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, die du dir am häufigsten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an.“(5.16)

Denken dient nicht nur dazu, komplizierte Dinge zu verstehen. Wir müssen die Choreographie und Inhalte unserer Gedanken auch kultivieren, sonst machen sie uns krank. Deshalb besser ab und zu den Fernseher ausschalten, Augen schließen und an etwas Schönes denken! Deine Seele wird es dir danken.

tis

 

 

Zum Thema

Die „Selbstbetrachtungen“ sind in zwölf „Bücher“ aufgeteilt, die wiederum nummerierte Abschnitte enthalten. Die Zahlen in den Klammern hinter den Zitaten bezeichnen also Buch und Kapitel. 

Zur Lektüre „Selbstbetrachtungen“ empfiehlt sich die Ausgabe bei Reclam. Es gibt sie kostenlos im Internet.