Mantras: Heilende Klänge des Veda von Sriram

Sanskrit gilt als heilige und heilende Sprache. Sie wird im Yoga in Form von Mantras verabreicht. Als Popsongs geträllert oder Zauberformeln gemurmelt, verlieren sie allerdings ihre Kraft, heißt es. Sie müssen korrekt rezitiert werden. Worauf es dabei ankommt, führen die Srirams in einem schönen, schmalen Bändchen mit CD anhand von 13 vedischen Mantras vor.

Ein Mantra kann sehr kurz sein, das bekannteste besteht nur aus drei klingenden und einem stillen, mitgedachten Buchstaben: das Om. Es kann sich dabei allerdings auch um ein seitenfüllendes Gedicht halten. Das knapp 100-seitige Buch „Heilende Klänge des Veda“ enthält 13 Gesänge aus dem Veda, die hier auf Sanskrit und in deutscher Übertragung zugänglich gemacht werden. Das Autorenpaar ordnete jedem Mantra ein Lebensthema zu. Eine kurze Interpretation erläutert jeweils die Bedeutung. Das kann  „Das Wünschen“, „Das Vertrauen“ oder „Der Wandel“ ebenso sein wie konkrete Elemente wie „Das Wasser“, „Der Mond“ oder „Das Feuer“.

Die Gedichte selbst sind sehr poetisch und passen zu ewig aktuellen Situationen: „Aufgehender Freund aus Licht/zum Westhimmel hochsteigend/nimm mein Herzensleid heute/und schmelze das dunkelgrün Modernde!“ – so beginnt das Mantra „Die Sonne“. Tröstende Zeilen gegen trübe Momente. Eine andere Kostprobe, das bei den rasanten Veränderungen, die wir heutzutage durchleben, Halt geben kann: „Der Wandel“ ist begrüßenswert, heißt es in der kurzen Interpretation. Er sei der Impuls für Wachstum, Fortschritt und letztlich Freiheit. Schmerzliche Erfahrungen und Enttäuschungen, die ihn begleiten, gehen vorüber und führen immer zum Guten. Mit diesem Mantra hält man sie leichter durch: „Aus Unwirklichkeit/führe mich/ins Licht/beim Sterben ins Ewige."

Das gedruckte Wort und die Übersetzungen bieten hier sicherlich eine gute Orientierung. Das Wesentliche aber findet auf der beiliegenden CD statt, auf der R. Sriram die Mantras auf Sanskrit nach allen Regeln der Kunst rezitiert. Er hat diese hohe Kunst unter anderem beim Sanskritgelehrten und Yogameister T. Krishnamacharya studiert. Seine Frau Anjali Sriram hat die Verse ins Deutsche übertragen und spricht sie auf der Aufnahme mit einer fast pathetisch vibrierenden Emotionalität, die im Begleittext als „Bhavas“ vorgestellt wird. Den Vortrag jedes Mantras untermalt manchmal eine Geige, manchmal das Perkussionsinstrument Ghatam oder die Koleraturen einer indischen Sängerin.

Bhavas bedeutet die „passende Stimmung“ oder richtige „innere Haltung“. In allen Bevölkerungsschichten Indiens gäbe es das Wissen, sich mit einfacheren Mantren für das Tageswerk in Stimmung zu bringen. Daneben existiert allerdings auch die Hochkultur des Mantras. Sriram, der selbst aus einer indischen Brahmenfamilie stammt, erläutert die Hintergründe dazu – die kleinen Gesellschaftskreise, die sich den Geboten eines streng rituellen Lebens unterwarfen und das komplexe System langer Rezitationen beherrschten. Sie hüteten dieses Wissen als Geheimnis, da es keineswegs habe missbraucht werden dürfen. Bhavas bezeichnet also auch den Respekt und gebotene innere Haltung gegenüber der Heiligkeit dieser Mantras. In unserer konsumorientierten Welt vermisst Sriram in manchen Bevölkerungsteilen den „von Kindheit an gewachsenen Respekt“, führt aber auch als positives Gegenbeispiel für Bhavas im deutschsprachigen Raum den respektvollen Umgang mit der Natur an. Weltsicht, Achtsamkeit gegenüber allen Lebewesen – auch das seien Teile der vedischen Sichtweise.

Bei diesem Buch kommt der kulturelle Hintergrund von Sriram in mehrfacher Hinsicht zum Tragen: Zum einen beherrscht er die Kunst des Rezitierens. Mit seiner vollen Stimme in der originalen Melodie vorgetragen, geht von den Mantras wirklich eine faszinierende Kraft aus. Zum anderen sind die Mantras für Sriram auch selbstverständlich schützenswertes Kulturgut. So schreibt er, ob man die Frage nach dem Nutzen der Mantras nicht ändern solle in: „Was kann ich für die zeitlose Welt des Yoga erbringen?“ schreibt er. Ein interessanter Gedanke – besonders für uns Westler, die wir immer erst wissen wollen, was uns Yoga,  Meditation und Mantra-Rezitation bringt (und in dem Buch natürlich auch ein paar Antworten darauf erhalten).

Bedeutung und Klang (sprich: die richtigen Schwingungen) der Mantras waren früher also Geheimwissen. Das ist heute durch Bücher wie diesem einer breiten Masse zugänglich. Die Verantwortung für den richtigen Gebrauch liegt nun beim Konsumenten. Falsch wäre zum Beispiel, die CD – so wie wir das mit anderen Aufnahmen gewohnt sind – einfach von vorn bis hinten durchzuhören. Dadurch macht man die Gesänge zur Folklore, die ab dem fünften, sechsten Mantra anstrengend wird. Damit täte man dem Werk unrecht. Ein Mantra ist ausdrücklich dazu gedacht, wiederholt zu werden: Die Silbe „man“ bedeute „fortwährendes Besinnen“ oder „oftmals wiederholen“, die Silbe „tra“ ist dagegen „das, was schützt“. In der Silbe klingt auch die Bedeutung von „etwas überqueren“ an.

Das richtige Mantra richtig angewandt, schenkt also die Kraft, um eine bestimmte Lebenssituation zu bewältigen. Beim wiederholten Rezitieren tritt dann der Effekt ein, den Sriram wie folgt beschreibt: „Der Klang eines Mantras allein ist wie ein Raum mit einer Tür. Geht man durch diese Tür beim Anhören, gelangt man beim wiederholten Hören in den nächsten, viel weiteren und größeren Raum, der wiederum eine Tür hat zu einem sich noch unendlich weiter ausdehnenden Raum, eines inneren Offenbarungsfeldes."

Die Kraft eines Mantra zu erfahren, erfordern also eine ähnliche Mühe und Hingabe wie die Meditation. Die Autoren empfehlen Mudras (Handgesten) beim Anhören und Rezitieren, um den Zugang etwas zu ritualisieren und damit zu forcieren. Neben den Erläuterungen schildern sie auch ihre persönlichen Erfahrungen mit Manras. Die Texte sind dabei kurz und lesbar, das Buch handlich. Im Anhang gibt es ein Glossar und eine Wort für Wort-Übersetzung jedes auftauchenden Sanskritbegriffs. Um sich dem Thema Mantra auf praktische Art zu nähern, und dazu den ältsten Wissen der Welt, dem Veda, zu begegnen, dem sei diese Zusammenstellung durchaus empfohlen.

tis

 

Preis: 
€16.95
Ausführung: 
Broschiert
Verlag: 
Kamphausen
ISBN/ASIN: 
978-3899014570

Zum Thema

Am 22. und 23. Oktober 2011 wird Sriram einen Workshop über das Yogasutra bei Spirit Yoga Berlin geben.

Zum Videointerview mit Sriram auf yogaservice.de

 

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