Keine Pauschalrezepte: Yoga gegen Depression

Yoga hilft gegen Depression und „Burn-out“, was für viele Mediziner dem Prinzip nach dasselbe ist. Es handelt sich hierbei nicht nur um ein vorübergehendes Stimmungstief, sondern um eine Krankheit. Die Berliner Ärzte und Yogalehrer Imogen Dalman und Martin Soder, Gründer des Berliner Yoga Zentrum (BYZ) arbeiten seit vielen Jahren mit der Therapiemethode des indischen Yogameisters T.K.V. Desikachar. Yogaservice.de sprach mit ihnen über den Unterschied zwischen Küchenyoga und einem gegen Depression wirklich wirksamen Yoga.

ys: Depression ist erschreckend weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Welche Entwicklungen habt Ihr in den letzten zwei Jahrzehnten bei Eurer Arbeit beobachtet?

In den letzten Jahren kommen deutlich mehr Menschen als früher zu uns, die Yoga als Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Erkrankung nutzen wollen. Das hat sicher viele Gründe. Zum einen ist der Umgang mit Depression als wirkliche und behandelbare Erkrankung viel offener geworden. Das gilt natürlich besonders für jenes Klientel, das in einer Methode wie Yoga nach Hilfe sucht; wo also Verantwortung für die eigene Gesundheit und so etwas wie selbständiges und regelmäßiges Üben nicht ungewöhnlich sind. Unter vielen Arbeitskollegen und -kolleginnen ist das noch ein Tabuthema; aber der Schritt, sich als Betroffener um professionelle Hilfe zu kümmern, ist viel naheliegender geworden als früher. Zum anderen hat im Rahmen der schulmedizinischen Versorgung von Menschen, die unter Depression leiden, ein Wandel stattgefunden. Die Empfehlung, Entspannungsverfahren und eben auch Techniken wie Yoga zusätzlich zu medikamentöser Therapie und psychologischer Betreuung in Anspruch zu nehmen, ist heute allgemein üblich. Schließlich ist Depression eine Erkrankung, die in Deutschland zunimmt; entsprechend häufiger werden wir auch im Yogaunterricht damit konfrontiert.

ys: Auf Internetforen tauschen sich Yogalehrer Tipps aus, welche Asanas und Atemübungen gut gegen Depression wirken, beispielsweise Kopfstand, Kriegerpositionen und Kapalabhati-Atmung. Was haltet Ihr von solchen Empfehlungen?

Solche Empfehlungen und Vorstellungen kann man nur mit einer völligen Ahnungslosigkeit und Unerfahrenheit im Umgang mit Yoga als therapeutischen Werkzeug erklären. „Was mir selbst gut tut, muss auch anderen helfen", ist zum Beispiel ein Konzept dieses Küchenyoga. Wer ein klein wenig Erfahrung im Umgang mit depressiven Menschen mit Yoga gesammelt hat, wird eines anderen belehrt: Jeder Betroffene ist – wie sollte es auch anders sein – ein Mensch mit bestimmten körperlichen und mentalen Strukturen, die die Wirkungen von Yogaübungen in viel höherem Maße beeinflussen als zum Beispiel die Gabe eines Antidepressiva – obwohl selbst dort nicht jedes Medikament auf alle gleich wirkt. Was für den einen Patienten eine wunderbare und aufhellende Übung ist, stürzt eine andere Patientin in ein dunkles Loch und ist für den dritten nicht zu üben, weil die nötige Konzentration fehlt. Mehr als bei manch anderen gesundheitlichen Störungen brauchen depressive Menschen eine sehr genau auf sie zugeschnittene Praxis, und: Diese Praxis muss sich an ständig mögliche Veränderungen in der Befindlichkeit der Betroffenen anpassen können.

Ein zweites Rezept aus dem Küchenyoga lautet: Weil ein Asana wie der Held so sehr wie das Gegenteil einer Depression aussieht, wird er sicher helfen. Auch hier lehrt die Erfahrung etwas völlig anderes. Die Wirkungen einer Yogapraxis erschließt sich über den Impuls, den eine Praxis als Ganzes ausübt. Einzelne Übungen spielen dabei nur eine einzelne Rolle in diesem Gesamtzusammenhang. Warum das nicht so schematisch zu handhaben ist, erahnt man schon bei der näheren Betrachtung der häufigsten Symptome einer Depression. Da ist es zum Beispiel so, dass gleichzeitig mit der Antriebslosigkeit eine große innere Unruhe herrscht. Es ist nicht so, dass sich solche Menschen einfach innerlich dumpf erleben. Zu aktivieren, ohne diese innere Unruhe zu verstärken, ist deshalb oft eine wichtige Aufgabe bei der Entwicklung einer angemessenen Praxis. Dabei kann eine Übung wie der Held eine Rolle spielen, die wirkt auch nicht besser wirkt als viele andere Asanas. Das gilt übrigens auch für den Kopfstand, dem ja bisweilen wahre Wunder nachgesagt werden. Die bewahrheiten sich bei seriöser Betrachtung und der Begleitung von depressiven Menschen über längere Zeit aber einfach nicht.

ys: Also heißt das, dass je nach Konstitution andere Übungen gegen dieselbe Krankheit, Depression, wirken. Warum ist das so?

Wir würden nicht sagen „je nach Konstitution“, sondern je nach aktueller Symptomatik, aktuellen Möglichkeiten, aktuellen Bedürfnissen, je nach dem bisherigen, sehr individuellen Umgang mit der Erkrankung. Das klingt vielleicht sehr anspruchsvoll, ist es aber nicht. Natürlich müssen wir Yogalehrer unser Handwerkszeug beherrschen und brauchen entsprechende Erfahrung. Aber das Wichtigste ist, zuören zu können, sich auf einen Betroffenen wirklich einlassen zu können. Dann erfahren wir, auf welchen Möglichkeiten wir aufbauen können, an welche Vorlieben wir anknüpfen können, welcher Zeitrahmen für eine Praxis realistisch ist und so weiter. Ohne dieses Einlassen ist die Entwicklung einer wirksamen Praxis nicht möglich. Das verlangt einen Prozess. Bei der ersten Begegnung und dem ersten Praxisvorschlag bleibt immer noch vieles unklar und offen. Mit der Zeit – und das heißt vor allem auch: mit der im selbständigen Üben gemachten Erfahrung des erkrankten Menschen – wissen wir klarer, in welche Richtung wir gehen können, um eine wirklich wirksame Praxis mit nach Hause zu geben.

ys: Die Ursachen für Depression sind den gängigen Erklärungen zufolge zumindest zur Hälfte physiologischer Natur: fehlende Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Verändern Yogaübungen den Hormonhaushalt beziehungsweise die Botenstoff-Aktivität? Oder wählt die Yogatherapie einen ganz anderen anatomischen Ansatz, um ihre heilende Wirkung zu erklären?

Für Yoga gilt das Gleiche wie für andere Methoden, die auch bei Depression helfen und deren Wirkung wir teils gut, teils aber auch noch sehr unzureichend verstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Ausdauertraining wie das Joggen. Viele Menschen mit Depression machen die Erfahrung, dass es ihnen enorm gut tut, wenn sie sich intensiv und über eine längere Zeit körperlich bewegen. Wollen wir diese Wirkung erklären, müssen wir verschiedene Aspekte betrachten. Zum einen: Ja, der Gehirnstoffwechsel ändert sich durch Bewegung. Warum das so ist, darüber besteht noch viel Unklarheit. Aber weil darüber sehr intensiv geforscht wird, werden wir sicher bald mehr wissen. Zum anderen: Allein die Tatsache, dass ich durch das Joggen erfahre: "Ich selbst kann Einfluss auf meine Befindlichkeit nehmen, ich kann mir selbst helfen", hat eine positive Wirkung auf meine Stimmung und meine Erkrankung. "Selbstwirksamkeit" heißt dieser Aspekt in der medizinischen Forschung, und ihm wird eine wichtige Bedeutung in der Bewältigung jeder Krankheit zugesprochen. Auch die Beziehung zwischen Yogalehrenden (wie auch Arzt oder Psychologen) und seiner Klientin oder seinem Klienten spielt eine Rolle. All diese Einflussfaktoren lassen sich heute mit Hilfe unserer modernen Kenntnisse vom menschlichen Gehirn, dem Wissen über die so unglaublich komplexen Regulationssysteme unseres Körpers zumindest in Ansätzen erklären. Und in Anbetracht der Entwicklungen der letzten zehn Jahre ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass wir in den nächsten zehn Jahren diesbezüglich viel mehr wissen und erfahren dürfen. Die anatomischen Ansätze, die wir aus der Entstehungszeit des Yoga (und im Besonderen des Hatha-Yoga) kennen, spiegeln das damalige Wissen wider. Das entspricht in vielem den Vorstellungen von Körper, Geist, Gesundheit und Krankheit unseres abendländischen Mittelalters. Was wir dagegen heute wissen, macht deutlich, dass das Wunder des Lebens noch sehr viel komplexer, facettenreicher und mehr Ehrfurcht gebietend ist, als man sich das damals je hätte träumen lassen.

ys: Vielen Dank.

 

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