Jivamukti: Fließen ist Fokus des Monats
Der Februar-Fokus im Jivamukti-Yoga richtet das Augenmerk auf ein Geheimnis der Meditation. „Richtet sich ein Mensch in der Meditation auf den Augenblick und die Aufeinanderfolge von Augenblicken aus, so wird er die höchste Schau der Unterscheidung erfahren“, schreibt Patanjali. Wir würden viel Zeit und Energie damit verschwenden, Dinge besitzen zu wollen umd Verfall aufhalten zu wollen, so Sharon Gannon. Ein anderes Zeitverständnis befreit uns von diesem Irrtum.
Das Sutra 52 steht im dritten Kapitel von Patanjalis Yoga Sutra, wo es um die höchste Errungenschaft der Befreiung durch Yoga geht. Unsere Übersetzung stammt aus Standardwerk „Über Freiheit und Meditation" von T.K.V. Desikachar (herausgegeben von Imogen Dalman und Martin Soder). Den Aphorismus erklärt Sharon Gannon mit der klassischen philosophischen Einsicht, dass Leben ein ewiger Prozess sei. Es verändere sich ständig alles. Das würden wir aber meist nicht wahrhaben wollen. Begännen wir aber, die wahre Natur von allem bewusst wahrzunehmen, erführen wir sowohl Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in diesem Moment. Nähmen wir eine Intention hinzu, könnten wir die Welt zum Wohlergehen aller Lebewesen verändern. Die Yoga-Praxis, die uns dazu verhelfe, heißt Vinyasa Krama.
Unter Vinyasa Krama, gewöhnlich kurz Vinyasa genannt, verstehen wir die fließende Abfolge von Asanas (Yogahaltungen) verbunden durch Atem und Intention. Jede Bewegung in oder aus einer Haltung wird durch Ein- und Ausatmen miteinander verbunden. Als Grundlage von allem treibt die Intention die Praxis immer weiter voran.
Sharon nennt drei weitere wichtige Punkte der Vinyasa-Praxis: Ein- und Ausatem sollten gleich lang und gross sein und unablässig, ohne Pause, ineinanderfließen. Ujjayi-Pranayama lässt den Atem hörbar werden und macht ihn regulierbar. So führt der Atem zu einer Aufmerksamkeits-Bewusstheit und wird zum Spiegel des Geistes. Fliesst der Atem frei von Anhaftung an Freude und frei von Ablehnung gegenüber Schmerz oder Unbehagen, nimmt der Geist die gleiche Qualität an.
So wie beim Atem, so sollte auch keine Pause zwischen den Bewegungen stattfinden. Der Übergang von einer Asana in die nächste dauert im Idealfall genau so lange die Ein- oder Ausatmung, die dafür nötig ist.
Während der gesamten Praxis soll Mula Bandha (der energetische Wurzelverschluss) gehalten werden, um so das weltliche mit dem spirituellen Bewusstsein zu verbinden und die Intention ständig zu erinnern.
Eine so ausgeführte Yoga-Praxis bringt uns in Einklang mit dem Universum und der Natur von allem. Wir „machen“ keine Vorbeuge, wir lassen sie sich entfalten; wir erfahren sie, lassen sie zu Ende gehen und fliessen in die nächste Form. Die Praxis wird wie der unablässige Fluss des Lebens, mit seinem Entstehen, Verweilen und Vergehen.
Foto: Sharon Gannon beim Konzert bei der Einweihung des Jivamukti Yoga Berlin im Dezember 2009. @ Philip Bögle
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