Interview: Yogalehrer trainiert Freitaucher für WM

Apnoe steht für Tauchen ohne Atemgerät. Im September findet an der Côte d' Azur die Weltmeisterschaft statt. Das deutsche Kader wird von einem Yogalehrer trainiert, Andreas Falkenroth. Wir haben mit ihm über die Parallelen zwischen Apnoe und Yoga, Atemtechniken und die Spiritualität des Meeres gesprochen.

ys: Der französische Freitaucher Guillaume Nery sagte einmal in einem Interview, er lächle beim Tauchen. Das hätte eine mentale Wirkung, die ihm zusätzliche Kraft verleihe. Machst Du das auch?
Das Lächeln hat tatsächlich eine Wirkung auf die innere Einstellung. Es entspannt, vermittelt uns Frieden und Zuversicht, was vor allem in diesen großen Tiefen eines Nery wichtig ist. Ich selbst schließe die Augen und möchte ganz in meinem Inneren sein.

ys: Ein Yogalehrer trainiert das deutsche Team der Freitaucher-Weltmeisterschaften! Wie kam es dazu und welche Rolle spielt Yoga beim Freitauchen?
AIDA Deutschland (Verband der Freitaucher, Anm. d. Red.) wollte explizit einen Coach haben, der sich vor Ort um die persönlichen und organisatorischen Belange der Athleten kümmert. Sich selbst darum kümmern zu müssen, ist absolut störend in der direkten Vorbereitung für die Trainings und natürlich für die eigentlichen Tauchgänge. Nach einigen Anfragen kam die Vizepräsidentin auf mich zu. Sie hatte mich letztes Jahr als psychologischen Coach kennengelernt. Yoga ist nicht unabdingbar für das Freitauchen. Jedoch sind Atemtechniken, Muskelentspannungen und die richtige innere Einstellung sich selbst und dem Apnoesport gegenüber essenziell. Die Yogapraxis bietet ausreichend Potenzial für diese Eigenschaften.  


Freitaucher und Yogalehrer Andreas Falkenroth übt Uddiyana Bandha. © Jörg Eybe

ys: Wie kamst du zum Yoga?
Als ich das Freitauchen entdeckte, begann ich wieder mehr Sport zu treiben und lernte im selben Jahr auch zwei Yogalehrer kennen, in deren Kurse ich die ersten Einblicke gewann. Ich erfuhr bald, dass es Apnoetaucher gibt, die Yoga als Vorbereitung zu ihren Tauchgängen praktizierten. Das übernahm ich vorbehaltlos, da ich sofort davon überzeugt war.

ys: Für Sportarten wie Joggen, Radfahren oder Fußball haben bekannte Yogalehrer wie Patrick Broome spezielle Asana-Sequenzen entwickelt. Gibt es Körperübungen (Asanas), die zur Vorbereitung auf das Tauchen besonders geeignet sind?
Ja! Zum Einen sind es alle Haltungen, die unsere Atemmuskulatur, also: Intercostal-, Zwerchfell-, Treppen-,  - Bauch - und Rückenmuskeln, beanspruchen. Dazu gehören zum Beispiel die Dehnungen der Flanken, Vor - und Rückbeugen. Natürlich profitieren wir auch von den Umkehrhaltungen. Für unsere Vitalität und Beweglichkeit sind die Varianten des Sonnengrußes ein Gewinn.

ys: Beim Kampf um jeden Meter Tiefe zählt auch geistige Ruhe, sagen Apnoetaucher wie Jacques Mayol, Guillaume Néry oder der Italiener Umberto Pelizzari. Welche Mentaltechniken haben sich unter Freitauchern besonders bewährt, um vor dem Wettkampf diese Ruhe herzustellen?
Autogenes Training und Meditation. Und vor allem NLP. Rekordtaucher gehen ihre Tauchgänge regelmäßig innerlich durch und speichern jede Bewegung, jede Aktion (zum Beispiel Druckausgleich), samt der dazu gehörenden Gefühle, die durch die veränderte Umgebung entstehen.
 
ys: Hilft Yogaphilosophie beim Tauchen?
Die Lebensweise eines Yogis ist nicht erforderlich. Jedoch kommen die Topathleten fast unwillkürlich in diese Richtung; bedenkt man, dass sie viel Ruhe, Disziplin und eine gesunde Ernährung brauchen. Ebenso die innere Einstellung zum Leben, die zwar nicht unbedingt religiös, wohl aber spirituell ist. Zumindest nehme ich das für mich in Anspruch. Alle Topathleten leben die meiste Zeit am Meer, und das ist es, was unsere Spiritualität ausmacht: Die Liebe zu jenem Element, aus welchem das ganze Leben auf diesem Planeten entstanden ist. 

Einem breiten Publikum wurde Apnoetauchen durch den Film „The Big Blue – Im Rausch der Tiefe“ (1988) von Luc Besson bekannt. In diesem Filmausschnitt sieht man die Figur Jacques (wie ihr historisches Vorbild Jacques Mayol) vor dem Wettkampf Wechselatmung üben.

ys: Apnoe bedeutet wörtlich Atemanhalten. Welche Atemtechniken übernehmen die Freitaucher aus dem Pranayama?
Über die Atmung können wir Einfluss auf unsere Befindlichkeit nehmen. Dazu brauchen wir unser Nervensystem. Um auf unser vegetatives Nervensystem zugreifen zu können, müssen wir die innerrhythmischen Regelkreisläufe verstehen. Ein- und Ausatmung haben eine physiologische Bedeutung. Einatmung heißt: Das Herzkreislaufsystem (der Puls) wird angeregt. Ausatmung heißt: Herzkreislaufsystem wird beruhigt. Letzteres geschieht überwiegend über den zehnten Hirnnerv „Vagus“, der für parasympathische (enspannende) Zustände bestimmend ist. Da wir Freitaucher unseren Sauerstoffverbrauch so deutlich wie irgend möglich reduzieren müssen, trainieren wir die Ausatmung, und die überwiegend in Ujjayi und anschließendem Bahya Kumbhaka für einige Sekunden. Die Ausatmung muss immer deutlich länger andauern als die Einatmung. Zur Verfeinerung des Atemluftstroms und der Reinigung verwenden wir auch gerne die Techniken des Fingerpranayama, also Anuloma Pranayama und Nadi Sodhana Pranayama. Auch Kapalabhati eignet sich gut in der Vorbereitung. Für besonders tiefe Tauchgänge trainieren wir die Bandhas. Uddiyana Bandha hilft uns, das Zwerchfell so zu trainieren, dass wir in großen Tiefen Luft aus unserer Lunge in den Mund ziehen können, selbst wenn die Lunge aufgrund des Umgebungsdruckes schon längst über ihr Residualvolumen zusammengequetscht ist. Um einen möglichst flexiblen und weichen Bauch zu bekommen, nehmen wir gerne Nauli dazu, wohl wissend, dass unsere Organe im Hinblick auf das endokrine System optimal arbeiten. Man sieht also: Erst die stoffliche Ebene begreifen! Und dann – und das ist den Yogis unter den Freitauchern vorbehalten – die feinstoffliche, energetische Ebene.       

ys: Atemanhalten beruhigt. Hat Apnoe – umgekehrt gesehen – eine ähnliche Wirkung wie Yoga und Pranayama für dich?
Deutlich mehr. Durch den Wasserkontakt und den Umgebungsdruck reagiert der Körper mit einem Tauchreflex, der aus unserer Zeit als Meeressäuger übrig geblieben ist. Über Chemorezeptoren der Haut sendet der Körper Signale aus, die uns in einen Energiesparmodus bringen. Das verstärkt den Beruhigungseffekt von Pranayama, das als Vorbereitung stattfand, und dem Luftanhalten während des Tauchganges.

Das Youtube-Video mit dem Sprung in das „Blue Hole“ machte vor zwei Jahren den damaligen französischen Weltmeister Guillaume Nery weltberühmt. Für den Film waren allerdings mehrere Tauchgänge nötig, um die Einstellungen aneinanderzuschneiden. Der Tauchstil ahmt das Skydiving der Fallschirmspringer nach.

 

Artikelfoto: Andreas Falkenroth lebt und arbeitet am Bodensee bei Lindau. © Tobias Francomano

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Andreas Falkenroth ist Diplom-Pädagoge arbeitet am Bodensee als Therapeut, Yogalehrer und Coach. Demnächst eröffnet er eine Yogaschule.

Von 9. bis 16. September 2012 finden in Nizza die Weltmeisterschaften im Freitauchen statt. Mehr dazu hier

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