Hatha-Yoga pur: Interview mit Reinhard Gammenthaler

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Guter Yoga ist einer, dessen Wirkung stimmt. Der Schweizer Reinhard Gammenthaler jedenfalls suchte lange, bis er etwas Gutes fühlte. Er fand das in einem sehr ursprünglichen Hatha-Yoga, auf den er sich vor gut 30 Jahren einließ – und zwar bemerkenswert kompromislos. Wir sprachen mit ihm über seine Praxis, Afrika und Sexualität.

Reinhard Gammenthaler sträubte sich schon als Schüler gegen jedes bürgerliche Schema, büchste aus, reiste in den Sechziger- und Siebzigerjahren entlang der Hippyrouten zu den beliebten Hangouts in Asien und Südamerika, erlebte Drogenexzesse, sah dem Tod mehrmals in die Augen, entdeckte Yoga und seinen Guru Dhirendra Brahmachari für sich. Ab dann hielt er sich mit Hilfsjobs über Wasser, um mehr Zeit zum Üben in seiner Dachkammer in Bern zu haben. Auf Rat seines Guru blieb er Jahrzehnte lang Yogi und wollte kein Yogalehrer sein, bis ihn immer mehr Freunde und Bekannte 2001 zum Unterrichten ermutigten. Jetzt hat er die Lehren von Dhirendra und seine Erfahrungen in dem dicken Buch „Kundalini Yoga Parampara“ detailliert dargestellt – gottseidank, denn die beiden Bücher „Yoga hilft heilen“ und „Yoga progressiv“, die Dhirendra selbst schrieb, gibt es inzwischen nur noch antiquarisch – zu dreistelligen Liebhaberpreisen.

War es schwierig, das Buch zu schreiben?

Nein, gar nicht. Diese Bücher, wie auch die Hatha Yoga Pradipika, sind ja einfach aufgebaut, nach dem Schema: Wenn du das machst, erreichst du das. Das Buch enthält die ganze Shastra (Das Lehrgebäude des Yoga, Anm. d. Red), detaillierte Erklärungen von der richtigen Ernährung, Reinigungsübungen bis Pranayama, so wie ich sie von meinem Guru gelernt habe.


Reinhard Gammenthaler 2009 in St. Petersburg (Russland). © Kira San

Die Hatha Yoga Pradipika aus dem indischen Mittelalter erläutert einen Übungsstil mit teils drastischen Techniken. Die halten manche Experten für nicht mehr zeitgemäß. Wie siehst du das?

Yoga bleibt sich immer gleich. Natürlich übt man nicht mehr einsam in einer Höhle in den Bergen. Aber man kann sich ja eine Höhle in einem Hochhaus in New York mieten und dort üben. Außerdem beginnt man langsam. Die Hatha-Yoga-Pradipika ist die Grundlage des Ashtanga, des achtgliedrigen Pfades also. Der beginnt bei den Yamas und Niyamas, den Prinzipien für eine bestimmte Lebensführung, die für den Anfänger eigentlich den ersten Schritt bedeuten. Das machen heute aber die wenigsten Leute. Zu den Prinzipien gehört auch Shauca, die  Reinlichkeit und die Übungen zur Reinigung. Damit ist nicht nur Baden und Sichwaschen gemeint, sondern auch zum Beispiel die Reinigung der Gedärme und die Reinigung der Gedanken, um ein besserer Mensch zu werden. Das wichtigste aber ist die Umstellung der Ernährung.

Vegan essen, zum Beispiel?

Nein, laktro-vegetarisch. Vegan und Yoga passen nicht zusammen, das ist sogar schädlich. Ich trinke, so wie es viele zentrale Texte des Hatha-Yoga empfehlen, viel Milch. Butter und Ghee sind geeignet, Zucker und Honig, was Veganer auch ablehnen. Gemüse ist gut, aber nur das, was nicht treibt. Zwiebeln und Knoblauch sollte man im Yoga nicht verwenden. Außerdem keine Zigaretten, Alkohol, Drogen, möglichst auch keine Medikamente. Wenn einer mit Yoga beginnt, all die Reinigungspraktiken lernt und einen guten Weg geht, dann benötigt er sowieso bald keine Medikamente mehr.

Du warst demnach auch schon länger nicht mehr beim Arzt?

Das letzte Mal vor drei Jahren. Ich musste mich gegen Gelbfieber impfen lassen, weil ich sonst kein Visum für Nigeria bekommen hätte.

Nigeria? Was hast du in Afrika gemacht?

Ja, also das ist eine lange Geschichte. Mein Yogaweg hat 1978 begonnen, es war eine Umkehr. Ich war damals 25 oder 26 Jahre alt und habe viel gekifft und psychedelische Drogen genommen, zwar schon mit dieser schamanischen Suche nach dem Wissen, das sich bei einem erweiterten Bewusstsein einstellt. Aber vor allem das Kiffen verunreinigt den Körper, es hat meinen Geist enorm in Unordnung gebracht. Ängste kamen hoch, bei den Kiffern haben die meist paranoide Züge: Man fühlt sich ständig beobachtet. Das stresst den Körper, gegen den Stress raucht man wieder einen, der übliche Teufelskreis wie bei allen Drogen. Ich kenne Leute, die auf die Schamanendroge Ayahuasca schwören und sagen, dass die sie auf einen guten Weg gebracht habe. Aber ich glaube, alle Drogen haben am Ende negative Folgen. Ich traf damals einen charismatischen Mann, der mir dringend riet, damit aufzuhören. Und den habe ich nicht mehr vergessen.

War diese Umstellung von Drogen und Party auf das disziplinierte Üben nicht sehr schwer?

Aufhören ist sehr schwer, allein das Zigarettenrauchen aufzugeben war qualvoll. Aber ich wusste, warum. Ich war krank. Schon mein Vater hatte Psoriasis (Schuppenflechte, Anm. d. Red.). Die Ärzte verschrieben ihm einen Medikamenten-Cocktail, darunter Cortison. Sein Herz wurde davon immer schwächer und eines Tages starb er an Herzversagen. Als ich die ersten Juckreize im Nacken verspürte, wusste ich, dass ich diese Krankheit geerbt hatte. Aber ein Besuch beim Arzt kam für mich nicht in Frage. Ich probierte alles aus: Zen, Vipassana, war bei den Rosenkreuzern und den Anthroposophen. Schließlich hörte ich auf, Fleisch zu essen. Das war für mich der wichtigste Entschluss, dadurch kamen andere Leute in mein Leben. Dann begann ich Yoga zu üben, aber nach schlechten Büchern. Ich spürte keine Wirkung. Als Kiffer war ich gewohnt, einen gewissen Effekt zu erwarten, und der stellte sich bei den Übungen nicht ein. Dann entdeckte ich 1980 in einer Buchhandlung die Bücher von meinem Guru Dhirendra Brahmachari. Ich hatte damals kaum Geld und die Bücher waren sehr teuer. Aber mir hat der Mann gefallen. Er sah wie ein richtiger Yogi aus, fand ich; wie einer der das, was er lehrt auch konnte. Die Anweisungen waren konkret und einleuchtend. Ich habe die Bücher schließlich gekauft und danach geübt. Das hat sich sehr gut angefühlt. Kaum hatte ich diese Bücher, lief es überhaupt gut in meinem Leben. Ich bekam ein Stipendium, das ich als Künstler beantragt hatte und konnte dadurch täglich zwei Stunden üben. Die Psoriasis ist schnell weggegangen. Übungen wie der Kopfstand haben dabei geholfen. Früher stand ich zwei, drei Minuten darin. Er gehört bis heute zu meiner täglichen Praxis: eine halbe bis dreiviertel Stunde, danach genauso lang in der Leichenstellung. 


Reinhard Gammenthaler in Utthita-Dvipada-Kandharasana. © Serge Nyfeler

Hier liegen auch ein paar Jala-Neti-Kannen für die Nasenspülung und ein Bündel Baumwollschnüre für Sutra-Neti – das sind Reinigungstechniken, die du in deinem Workshops vermittelst. Du beherrschst auch das Khecari-Mudra, bei dem man die Zunge hinter dem Gaumenblatt in den Nasenraum schiebt. Wie lang braucht man, um das zu erlernen?

Das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Dafür muss man sich das Zungenbändchen anschneiden, aber natürlich nicht ganz und schon gar nicht auf einmal. Das Bändchen ist eine wichtige Sehne, die dafür sorgt, dass die Zunge nicht in den Hals rutschen kann und gleichzeitig ein Muskel, der die Zunge steuert. Man beginnt auch nicht mit dem schneiden, vorher reinigt man die Zunge. Im nächsten Schritt melkt man sie: Man packt die Zunge mit einem Baumwolltuch, damit sie nicht aus den Fingern rutscht und zieht sie richtig von Mundwinkel zu Mundwinkel. Wenn man das jeden Tag macht, beginnen die unteren Schneidezähne ganz automatisch, das Zungenbänchen an der richtigen Stelle anzuschneiden. Bis diese Kerbe entsteht, vergehen einige Wochen täglicher Übung. Wenn sie erscheint, kann man das Messerchen ansetzen, aber auch nicht für einen Schnitt! Man ritzt dann viele Male, um die Kerbe Stückchen für Stücken zu vertiefen. Aber wie gesagt: Man muss dabei ganz genau wissen, was man tut. In meinem Buch beschreibe ich das detailliert. Die Zunge und Gaumen sorgfältig mit der Zahnbürste zu reinigen und die Zunge zu melken, das mache ich bis heute als tägliche Reinigungsübung. Es ist sehr gut für die Mundhygiene, macht die Zähne gesund, verändert den Speichelfluss. Früher habe ich auch Sutra-Neti jeden Tag gemacht. Die Schnüre reinigen dabei nicht nur den Nasenraum, sie stimulieren auch die Enden von Nerven, die analog zu Ida und Pingala (Energiekanäle, Anm. d. Red.) aus dem Steißbein hochkommen. Die Reibung weckt das Wurzel-Chakra. Richtig ausgeführt kann man bei Khecari-Mudra mit der Zungenspitze denselben Punkt stimulieren, wodurch Sutra-Neti überflüssig wird.

Reinhard Gammenthaler führt das Khecari-Mudra aus © Kundalini-Yoga

Es ist interessant, dass dich eine lebensbedrohliche Hautkrankheit zum Yoga brachte – und heute deine ganze Haut voller Tattoos ist. Wann hast du dir das machen lassen?

1991, nach einer Krise. Es war nach meiner Rückkehr aus Indien. Sie entstanden über eine Zeit von zehn Jahren.  Ich hatte gelesen, dass Tätowierungen bei primitiven Völkern so etwas wie eine Initiation seien. Man öffnet die Haut, wodurch die Kraft des Tatoos in den Körper eindringt und im Innern des Menschen eine ähnliche Kraft weckt wie beim Yoga. Ich hatte auch das Gefühl, dass manche Tätowierer, die ein Sex, Drugs & Rock´n´Roll-Leben führten, viel echter sind und fast mehr so eine Art Yoga betreiben als viele esoterische Leute. Tätowieren ist etwas sehr Archaisches, neben den Höhlenmalereien die älteste Kunst der Menschheit. Ich begann mit Kali und Shiva auf den Schultern und der Kundalini auf dem Bauch. Ich wollte mich mit denen richtig verbinden.  Zehn Jahre lang ging nichts weiter in meinem Leben, immer der gleiche Nachtjob bei der Post, die Reisen nach Indien, Yoga üben – die Tätowierungen waren die einzige Veränderung.

Die Krise, die du erwähnst, löste eigentlich dein Guru aus: Er ließ dich in einem verlassenen Ashram auf 2000 Meter Höhe üben, erlaubte dir nur drei Stunden Schlaf pro Nacht, einfaches Essen, waschen mit Asche und Wasser im Freien bei Eiseskälte, bis die Haut rissig wurde. Nach vier Monaten kam er vorbei und fragte, ob du drei Stunden lang die Luft anhalten konntest. Du warst aber völlig entkräftet und schafftest gerade einmal 30 Sekunden. Als er daraufhin sagte, du seist wohl noch nicht bereit, warst du so zornig, dass du vor seinen Augen sein Buch zerrissen und ihn zurück gelassen hast. Trotzdem hast du weiter nach Dhirendras System geübt. Woher hast du die Kraft genommen?

Gurus sind nicht dazu da, deine Praxis zu erleichtern. Im Gegenteil: Sie machen sie noch schwerer, damit du wächst. Ich bin nach diesem Vorfall nach Thailand geflogen, weil ich Party machen wollte. Dort habe ich aber schnell gemerkt, dass ich gar keine Lust dazu hatte und übte nur Yoga am Strand. Wieder zurück in Bern machte ich den blöden Fehler, wieder einmal einen Joint zu rauchen. Ich dachte, Shiva ist ja nicht nur der Gott der Yogis, sondern auch der Kiffer. Und dann kam ich auch noch auf die dumme Idee, zwölf Kilo Haschisch in Peshawar in Afganistan kaufen zu wollen. In Islamabad auf dem Flughafen haben sie mich mit dem Paket geschnappt. Auf alles, was mehr als sechs Kilo schwer war, stand die Todesstrafe. Zwölf Tage lang saß ich im Gefängnis in Islamabad bis zur Verhandlung und betete so sehr, wie ich noch nie im Leben gebetet hatte: Dass ich nie, nie wieder im Leben etwas anrühren würde, weder Aspirin noch Haschisch noch sonst irgendwas.

Wie durch ein Wunder kamst du bei der Verhandlung frei und wurdest morgens um vier ausgeflogen. Du hattest dabei die Vision, dass der Geist deines Guru Einfluss auf den guten Ausgang dieser Geschichte hatte – hast du ihn denn wieder getroffen?

Ja, ein Jahr später, 1993, bin ich wieder nach Pakistan, auch um mir zu beweisen, dass ich mich dort frei bewegen konnte. Kurz darauf traf ich in Indien meinen Guru. Ich sah, dass er die Tatoos gut fand; es war für ihn ein Zeichen der Hingabe. Auch sonst schien er zum ersten Mal zufrieden mit mir zu sein. Es war sehr schön. Wir fuhren zusammen noch einmal in den Ashram in Mantalai (Jammu & Kashmir), wo er eine Puja für mich machte. Ein Jahr später stürzte er mit seinem Zweisitzer ab.

Er flog selber?

Ja, er konnte alles bedienen, was sich bewegt, er fuhr super Auto und hatte drei eigene Flugzeuge. Aber gekleidet war er immer in der traditionell-indischen Art mit Dhoti und Sandalen. Er hat den Absturz mehr als zehn Jahre zuvor in einem Zeitungsinterview angedeutet. Vielen seiner Anhänger war die Art seines Todes  unheimlich, sie schauten sich nach einem anderen Guru um. Ich bin noch heute sein Schüler und Feuer und Flamme. Ich denke, ich bin ein Glückspilz. Viele fahren ja nach Indien, suchen verzweifelt einen Guru, aber finden keinen, geben irgendwann auf und kehren zurück zu ihrem Leben mit gutem Wein und so.


Im Kukkutasana. © Serge Nyfeler

Du wolltest uns noch erzählen, warum du nach Nigeria gefahren bist.

Mein Guru riet mir 1981, nach Afrika zu fahren, um dort über die Kundalini zu lernen...

...da warst du zwar schon zwei Jahre im Besitz seiner Bücher, hast ihn aber noch nicht persönlich getroffen...

...ja, aber er war Teil meines Lebens. In Träumen hat er mir Dinge erzählt, die nicht in den Büchern standen. Er war in der Lage, mich von innen heraus zu leiten, obwohl ich in der Schweiz und er in Indien lebte. Durch die Afrikareise habe ich viel verstanden. Wir schaffen die Außenwelt von Innen heraus. Und jedes Chakra entspricht einem Kontinent – Afrika ist das Muladhara-Chakra (das unterste Energiezentrum im Körper, auch Wurzel-Chakra genannt, Anm. d. Red). Das ist der Ort, wo die Kundalini schläft; der Übergang ins Unbewusste. Wenn man diese Dinge weiß und in Afrika ist, merkt man, dass die Gebräuche der Afrikaner und ihre Religionen eng mit dem Unterbewusstsein verbunden sind. Träume spielen eine große Rolle und Masken. Sie haben die Fähigkeit, sich durch Tanzen und die Bewegungen ihres Beckens in Trancezustände zu versetzen. Das ist ihr Talent, weil sie dieser Energie viel näher sind als wir. Nach dieser ersten Afrikareise habe ich das Gelübde abgelegt, meinen Samen für immer für mich zu behalten. Ich habe 25 Jahre ohne Frau und Sex gelebt. Hatha-Yoga hat nichts gegen Sexualität, sie ist ja göttlich. Aber es geht um die Beherrschung dieser Kraft. Ich war als junger Mann sehr versessen auf Sexualität, aber ohne die geringste Kontrolle darüber.

Dann liegen die katholischen Priester also doch nicht so falsch?

Man kann die Sexualkraft nicht einfach unterdrücken und dann geht die weg. Die ist riesig. Sie ist eigentlich die Grundkraft in uns, die uns ins Leben geholt hat. Die Grundkraft des Universums. Wenn man die, so wie die Priester im Vatikan, unterdrückt, dann wird sie zum Dämonen. Man muss sie sublimieren. Das geht nur mit vollkommener Kontrolle, aber nicht durch rationales Bewusstsein. Yoga wirkt über den Hypothalamus und die damit verbundenen Funktionen des vegetativen Nervensystems,  den Stoffwechsel, jede Drüse. Und irgendwann beginnt Körperkontrolle zu entstehen. Der Körper hat ein eigenes Bewusstsein, so wie ein Tier ein eigenes Bewusstsein hat. Das Tier spürt sich einfach nur als Tier, nicht als rationales Bewusstsein. Yoga weckt dieses Körperbewusstsein. Der Körper hat diese Energie gern, er hat Angst vor dem Tod. Er sträubt sich dagegen, sich in eine stinkende Masse aufzulösen, davon bin ich überzeugt. Er möchte ewig so weiterbestehen, denn er ist einfach nur Energie.

Vielen Dank für das Gespräch.

tis

Artikelfoto: Reinhard Gammenthaler im August 2010 am Schwanensee in Tatarstan, Russland. © Rashid Rafikov

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