Interview: David Frawley über Yoga, Ayurveda und Dharma

Kaum ein Yoga- und Ayurvedaexperte genießt in Westen und Fernost so ein hohes Ansehen wie David Frawley. Mit mehr Ayurveda in unserem Gesundheitssystem bräuchten wir weniger Medikamente und Operationen, sagt er. Yogaservice.de sprach mit ihm über Yoga, Ayurveda und Dharma, die Aufgabe unseres Lebens. 

ys: Wie definierst du Yoga?
Ich folge der traditionellen Definition von Yoga wie sie Patanjali im Yogasutra aufführt:„Yoga ist die Beruhigung des Geistes für die Verwirklichung des Selbst (Atman oder Purusha)“. Es gibt andere Texte wie die Bhagavad Gita, Upanishaden und viele shivaistische Yogabücher mit ähnlichen Definitionen. Nirgends in der Sanskrit-Literatur ist Yoga als Körperübung (Asana) definiert, deren Bedeutung es heutzutage im Vordergrund steht. Es wird meist als Meditation oder Samadhi beschrieben.

ys: ...und Ayurveda?
Gleichermaßen folge ich traditionellen Definitionen von Ayurveda. Ayurveda ist die Wissenschaft des Lebens (oder „über das Leben“), Langlebigkeit und Wohlbefinden für Körper, Geist und Seele. Ebenso behandelt Ayurveda Krankheiten und Unausgewogenheiten und begünstigt eine harmonische Lebensführung mit allen Aspekten der Natur. 

ys: Yoga und Ayurveda sind eng miteinander verbunden. Viele Menschen praktizieren Yoga ohne Ayurveda. Macht das Sinn?
Viele Menschen, die Yoga praktizieren, setzen sich überwiegend mit modernen Yogastilen und Asanas auseinander und nicht mit der langen Tradition von Yoga, die Ayurveda enthält. Ayurveda ist das indische System vom natürlichem Heilen, das die Basis aller älteren medizinischen und heilenden Ursprünge bildet – die Quellen eingeschlossen, die  die yogischen Texte erwähnen. Ayurveda ist der Schlüssel zu traditioneller yogischer Medizin, Heilung und Yogatherapie, und es ist heutzutage immer noch relevant und wird praktiziert.

David Frawleyys: Auf dem Yoga Festival in Berlin sagtest du einmal, der Hatha-Yoga werde heute nicht mehr so geübt, wie er in der Hatha-Yoga-Pradipika beschrieben wird. Wie würdest du die Weiterentwicklung zum Yoga heute beschreiben?
Bei Hatha-Yoga beziehen sich Menschen in der Regel auf die körperliche Asana-Praxis. Traditionelles Hatha-Yoga, wie es die Hatha Yoga Pradipika beschreibt, legt mehr Gewicht auf Pranayama, Mantra und Meditation. Die Schrift ist nicht so fixiert auf Körperübungen. Traditionelles Hatha-Yoga bezieht sich auch auf eine asketische Tradition mit strengen Regeln, die Ernährungsweise und ein Verhalten vorschreiben, zu dem heutzutage nur wenige Menschen bereit wären. 

ys: Auf der Website des Vedic Institutes wirst du zitiert, dass echter Ayurveda eine bedeutende Rolle für die Balance unseres Planeten und seiner Lebewesen haben wird. Wie unterscheidet sich „echter“ von „unechtem“ Ayurveda, und wie kann es einen Einfluss auf unseren Planeten haben?
Ich meinte die echte Anwendung von Ayurveda. Es gibt kein unechtes Ayurveda, auch wenn es Menschen gibt, die Ayurveda nur in einer limierten Weise anwenden oder ohne vollständigem Wissensstand. Wenn wir Ayurveda in unser westliches Gesundheitssystem integrieren würden, könnten wir vielen Menschen bei der Gesundung helfen, ohne dass weiterhin so viele Medikamente und Operationen nötig wären. Wir könnten eine wesentlich nachhaltigere Lebensweise für Menschen kreiieren, die ein harmoniches Zusammenleben mit der Natur und Verständnis für unsere Umwelt fördert. 

ys: Du arbeitest auch mit Mantren. Indische Meister betonen manchmal, dass Mantren nur wirken, wenn man sie auf ganz bestimmte Weise singe, uns Europäern fehle dazu die Tradition. Wie siehst du das?
Mantren lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen auf Gesundheit und Wohlbefinden, Astrologie, in Ayurveda und Yoga Sadhana oder in der spirituellen Praxis anwenden. Mantrenrezitation ist eine große Kunst und Wissenschaft wie auch Pranayama oder Meditation. Sie setzt dein gründliches Studium, Pflege und Anleitung voraus. Kirtan kann wirkungsvoll sein, wenn er mit voller Hingabe praktiziert wird. Allerdings wirkt er stärker, wenn er korrekt ausgesprochen wird. Als Unterhaltung dagegen Kirtan kann seine wahre Kraft nicht entfalten. Kirtan bedeutet „loben“ in Sanskrit, und er wird überwiegend für die Verehrung des Göttlichen in verschiedenen Namen und Formen gebraucht. Das ist wichtiger Bestandteil des Bhakti-Yoga oder dem Yoga der Hingabe.

David Frawley mit seinem langjährigen Lehrer Dr. Vashta
David Frawley mit seinem langjährigen Lehrer Dr. Vashta (1919-1997) © Vedic Institute

ys: Dharma spielt eine große Rolle in der Philosophie der Bhagavad Gita. Wann wurdest du dir deines Dharmas bewusst, und wie können Menschen ihr Dharma „finden“?
Dharma ist ein zentrales Konzept für Hindus, Buddhisten und jainistische Traditionen. Er bezieht sich auf die natürlichen Gesetze und die Gesetzmäßigkeiten des Bewusstsein, nach denen sich das Universum bewegt. In persönlicher Hinsicht bezieht sich Dharma auf die richtige Art und Weise zu handeln und die Lebensgrundlage für das Niveau der spirituellen Weiterentwicklung in unserem Leben. Früher nutzte man die vedische Astrologie, um das eigene Dharma zu verstehen. Die Führung durch einen Guru kann helfen, das eigene Dharma zu finden, aber auch jedes andere System, das dabei hilft, sich aufrichtig mit sich selbst auseinanderzusetzen, inklusive Yoga und Meditation. Menschen haben unterschiedliche Naturelle und Rollen im Leben. Zum Beispiel kann der eine das Dharma besitzen, ein Künstler zu sein, der andere dagegen eher nicht. Das eigene Dharma zu finden heißt, sein wahres Selbst zu erkennen. 

ys: Vielen Dank!

mho, tis

 

Artikelfotos © David Frawley, Vedic Institute

Zum Thema

David Frawley gibt derzeit Workshops in Berlin und Baden-Württemberg

Zur Internetseite des Vedic Center und des American Institute for Vedic Studies von David Frawley

Englische Originalversion des Interviews von yogaservice.de

Ayurveda101 - Hochwertige ayurvedische Produkte von führenden Marken. Jetzt stöbern!

Anzeige