Ganesh Mohan: „Mach das Leben nicht kompliziert!“

This is the Alt text

Zu den vielen bekannten Schülern von T. Krishnamacharya gehören auch die Mohans. Mutter Indra und Vater A.G. Mohan sind angesehene Yogatherapeuten, die Tochter Nitya ist Musikerin und lehrt weltweit Vedic Chanting. Sohn Ganesh Mohan übt Yoga seit seiner Kindheit, studierte Ayurveda und Schulmedizin. Er arbeitet als Arzt und Yogatherapeut in Chennai (Indien). Wir trafen ihn bei der Yoga Conference in Köln. Dabei verriet er uns unter anderem sein tägliches Minimalprogramm für einen ausgeglichenen Geist und ein langes Leben.

ys: Wie definierst du Yoga?

(Überlegt lange). Ich habe eigentlich keine eigene Definition. Ich würde sagen, die klassische Definition ist, einen stillen, ausgeglichenen Geist zu haben. Alles was uns dort hin führt, ist Yoga. Ein gesunder Körper, ein friedlicher Geist. Das ist alles.

ys: Spazieren ist also auch Yoga?

Mit Achtsamkeit – ja, mit chaotischen Gedanken – nein.

ys: Du kennst die Yogapraxis in Indien und in den westlichen Ländern. Wie würdest du die Unterschiede beschreiben?

(Überlegt wieder lange). Das ist schwer zu sagen, weil Yoga zu üben in Indien nicht wirklich populär war bis es im Westen populär wurde (lacht). Als mein Vater in den Siebzigerjahren anfing, Yoga zu unterrichten, gab er einen qualifizierten Arbeitsplatz als Ingenieur auf. Seine Brüder sagten: „Bist du verrückt, gibst für ein bisschen 'Yoha Yoha' einen guten Job auf?“ Die Leute hatten komische Vorstellungen von Yoga. Wenn ich in der Schule nach dem Beruf meines Vaters gefragt wurde, sagte ich oft: „Der macht Geschäfte.“ Sagte ich, dass er Yogalehrer sei, fragte man: „Steht er auf dem Kopf? Sitzt er den ganzen Tag im Lotussitz und meditiert?“ Krishnamacharya hatte so viel Mühe, Yoga zu verbreiten. Die wachsende  Yogabegeisterung in Indien heute wird sehr durch den Westen angetrieben. Die Inder sehen, dass man in anderen Ländern Yoga gut findet. Jetzt boomen auch hier Gesundheit und Fitness, und damit ist Yoga zurück in Indien. Aber früher war Yoga nicht weit verbreitet. Obwohl Krishnamacharya 40, 50 Jahre in Chennai praktizierte, interessierte sich nur eine Hand voll Leute dafür, bei ihm zu studieren.

ys: Und die studierten anders als heute?

Ja, ganz anders! Traditionellerweise hatte mein Vater meist Einzelklassen für Asanas. Asana unterrichtete er nur ein paar Jahre. Dann begann er zu lehren und bat Krishnamacharya um Anleitung. Der Großteil seines Unterrichts ging über Psychologie, Pranayama und Philosophie; all die Dinge, für die man ein ganzes Leben braucht, um sie zu lernen. Asanas muss man nicht ein Leben lang studieren. Man kann immer mehr darüber herausfinden, aber ansonsten, worum geht’s dabei? Solange du dich nicht verletzt, sind Asanas gesund.
Ob man sie nun so oder so übt, spielt keine so große Rolle. Die entscheidende Frage ist eher: Was brauchst du wirklich? Universell sind Pranayama, Psychologie und die Philosophie des Yoga, denn die Natur des Geistes ist immer die Gleiche. Von diesem Wissen braucht man heute mehr denn je, wenn du all den Stress und Druck um dich herum betrachtest. Das zu studieren, ist eine lebenslange Aufgabe. Krishnamacharya unterrichtete, sagen wir, die Hatha Yoga Pradipika immer mittwochs um drei. Und die Schüler kamen immer dann, jahrelang, egal was passierte. Der Lehrer konnte sich darauf verlassen, und die Schüler wussten wiederum, dass der Lehrer es wert war, von ihm zu lernen. Man bezahlte auch nicht pro Klasse. Krishnamacharya wusste, dass der eine mehr, der andere weniger bezahlen konnte. Bei der Beziehung zu den einzelnen Schülern zählten eher das Engagement und die Kaste.


Links: T. Krishnamacharya (©public), rechts: A.G. Mohan, Vater von Ganesh Mohan (@Svastha).


 ys: Du bist Arzt und Yogalehrer. Kann Yoga alle Krankheiten heilen?

Nein, aber es kann bei fast allen Krankheiten helfen. Krebs zum Beispiel kann Yoga nicht besiegen, aber er kann die Lebensqualität signifikant verbessern. Oder sagen wir bei Artrose, wenn die Oberfläche der Gelenke so beschädigt ist, dass sie nicht mehr bewegt werden können, wie es bei älteren Leuten öfter der Fall ist. Anfangs sieht sich der Patient zu Yoga kaum in der Lage, weil er das Knie nicht beugen kann. Nach sechs Monaten üben dagegen ist er viel beweglicher und hat weniger Schmerzen, obwohl auf den Röntgenaufnahmen kaum Verbesserungen festzustellen sind. Pathologisch betrachtet, verschwinden viele Krankheit nicht durch Yoga, aber durch Yoga kannst du den Patienten sehr helfen. Andere Krankheiten kann Yoga heilen, Schmerzen in den Muskeln zum Beispiel, im Rücken oder Nacken.

ys: Psychische Krankheiten?

Ja, sehr! Depression, Angst (Original: „anxiety“, Anm.d.Red.) werden viel besser mit Yoga. Ich sage nicht jedem, der unter Depression leidet, er solle seine Medikamente absetzen. „Wenn sie wichtig sind, nimm sie – aber mache auch Yoga!“ Drei bis sechs Monate später kann man oft die Dosis reduzieren oder die Medikamente ganz absetzen. Das kommt auf den Einzelfall an.


Ganesh Mohan beim Workshop auf der Yoga Conference Germany, Köln, 2010. @ Jörg Küster


ys: Wie integrierst du Patanjalis Sutra in deine Arbeit?

(Überlegt länger). Das ist wirklich eine weitreichende Frage: Patanjalis Yoga Sutra ist im Grunde die Yogapraxis (lacht). Jede Praxis, die wir üben, lässt sich letztlich daraus ableiten. (Überlegt wieder länger). Das Sutra ist in jedem Teil des Yoga, den wir üben.

ys. Verschreibst du beispielsweise Patienten mit psychischen Beschwerden ein bestimmtes Sutra, worüber sie meditieren können?

Das hängt von der Person ab. Vielleicht nicht unbedingt ein Sutra. Es kann alles sein, das den Geist (Original: „mind“, Anm.d.Red.) unterstützt.  Aber das Studium des Yoga Sutra nutzt jedem, der einen ausgeglichenen Geist haben will. Im Leben geht es auf und ab. Deshalb müssen wir die Fähigkeit entwickeln, ausgeglichen zu bleiben. An einem guten Tag springst du nicht vor Freude an die Decke, hüpfst nicht herum vor lauter Aufregung; bleib ruhig! Und an einem miserablen Tag, wenn die Dinge schlecht laufen, werde nicht depressiv! Du bewahrst deinen Sinn für Balance und bleibst ruhig. Mache das Leben nicht kompliziert! Das Beste, woran ich immer denke, ist dass die kleinen Dinge unwichtig sind. Schaffe dir nicht zu viel Zeug an, es macht das Leben unnötig kompliziert.

ys. Ist das die Botschaft eines Sutra von Patanjali?

Aus Patanjali lässt sich eine sehr einfache Praxis ableiten, die du und ich im normalen Leben üben können. Wir können nicht alles stehen und liegen lassen und davonlaufen. Aber wenigstens können wir unseren Geist dazu erziehen, loszulassen. Im Alltag helfen dabei die drei Kardinalübungen das Kriya Yoga (aus dem zweites Kapitel des Yoga Sutra, erstes Sutra: Tapah-svadhyayeshwara-pranidhananikriya-yogah; Disziplin, Selbststudium und Hingabe bilden den Kriya-Yoga, Anm. d. R.): Erstens: Disziplin heißt: Regelmäßig üben! Das ist hart – nicht für den Körper, denn ihm tuen die Übungen gut, das schafft man. Aber mental gibt es viele Widerstände; Faulheit, dieses Gefühl, morgens aufzustehen und eher nicht meine Asanas zu üben. Anstatt zehn Minuten zu meditieren, nehme ich lieber das Telefon ab und verbringe die zehn Minuten im Gespräch mit irgendjemandem. Aber die Disziplin, regelmäßig zu üben, macht sich in meiner Praxis sehr bemerkbar, das ist Tapas. (Er hebt zwei Finger hoch): Svadhyaya ist die Meditation über ein Mantra. Eine sehr wirkungsvolle Übung! Für die meisten von uns ist die Meditation mit einem Mantra eine gute Idee. Drittens: Ishvara Pranidhana bedeutet manchmal Hingabe, manchmal Loslassen. Diese drei Übungen jeden Tag, und Pranayama. Krishnamacharya war so für Pranayama (Atemübungen, Anm. d. Redaktion) jeden Tag. Für den Frieden im Geist und ein langes Leben ist Pranayama entscheidend!

Was wir aus den Yoga Sutras anwenden, steht im ersten Sutra des zweiten Kapitels: Diszipliniert üben, Meditation – eine halbe Stunde täglich über ein Mantra, vielleicht beim Spazieren, diese Zeit findest du. Unterbreche immer wieder diese geistlose Aktivität des Geistes und bringe ihn zurück zum Mantra. Dann erhältst du die Grundlage für etwas Konstanz im Leben. Und mache es mit Hingabe, wenn möglich! Wie machst du das? Als eine Gabe an das Göttliche in deinem Herzen. Wenn du diese Vorstellung nicht magst, wenn du mit Andacht nichts anfangen kannst, dann stelle dir vor, wovon du dein Leben bereinigen willst und sei bereit, das loszulassen. Diese drei Übungen kannst du ein Leben lang machen, der Geist wird daran wachsen. Unterstützt mit etwas Asana und Pranayama ist das ein exzellentes Rezept für ein langes Leben.

ys: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Artikelfoto: Ganesh Mohan in Köln, 2010. @yogaservice.de

Zum Thema

Ganesh Mohan arbeitet für die Organisation Svastha (Sanskrit für den Zustand vollkommener Gesundheit und Balance), die seine Eltern in Chennai gründeten.

In Zusammenarbeit mit Lord Vishnus Couch in Köln und Prana Yoga | Anna Trökes in Berlin bietet er eine mehrteilige Fortbildung zu Yoga Therapie an.

Weitere Interviews auf yogaservice.de

Weitere Nachrichten zu Krishnamacharya und Vini-Yoga