Integrale Salons: Yoga für Intellektuelle

Eigentlich misst man einen Geist hierzulande daran, wie gut er präzise zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Das entspricht der wörtlichen Bedeutung von „kritisch“. Nun aber wird in „Integralen Salons“ im ganzen Land ein philosophisches System diskutiert, das aus Widersprüchlichem das Gemeinsame herausarbeitet. Vordenker ist der Amerikaner Ken Wilber. Er hebt die Trennung zwischen philosophischer Theorie und Praxis auf. Seine Ansätze finden auch bei Barak Obama Gehör.

Es ist nicht zu unterschätzen, wieviele Yogalehrer sich gerne mit Ken Wilber beschäftigten. "Wir sind immer besser vernetzt, über Internet, persönlich über Telefon und natürlich über unsere Veranstaltungen“, sagt Matthias Ruff. Er leitet das Integrale Forum Berlin, das über den Räumlichkeiten von Spirit Yoga beheimatet ist. Hier diskutieren die Teilnehmer über das Quadrantenmodell von Ken Wilber, dort schwitzen sie bei Vinyasa-Flow-Sequenzen; die Einrichtungen ergänzen sich bestens und werben füreinander – gelebte Integration unter einem Dach.

Auch Yogalehrer Matthias Ruff stellt seinen Vorträgen gerne eine Asana-Sequenz voraus. So entsteht das Körperbewusstsein, das die anschließende intellektuelle Arbeit prägt und lenkt. Der Buchautor Ken Wilber (Jahrgang 1949) bringt das Körperliche dank seiner eigenen langjährigen Erfahrung mit verschiedenen Meditationstechniken und Yoga in den philosophischen Diskurs ein. Er verfasste knapp 20 philosophische Werke. Sie sind teilweise auf hohem Niveau, überschreiten allerdings für den Geschmack einiger Akademiker die Grenze, an der wissenschaftlich sauberes Denken aufhört und Esoterik anfängt. Andererseits sprachen öffentliche Persönlichkeiten wie Al Gore und Bill Clinton dem Denker ihre Anerkennung aus.

Die Integraltheoretiker hantieren mit eigenen Begrifflichkeiten. Ihre Sprache wirkt dadurch manchmal ähnlich "esoterisch" wie die der Popintellektuellen zu den besten Zeiten der Musikzeitschrift Spex. Eine Kostprobe: „Es scheint in der Tat so, dass Obama irgendwann während der Kampagne selbst von Ende grün (die pluralistische Stufe der Entwicklung mit ihrem inhärent hohem Liberalismus) zu Anfang petrol-farbener Stufen ( die ersten integralen Stufen der Entwicklung mit inhärent integral-orientierten politischen Standpunkten) gegangen ist“, schreibt Dennis Wittrock auf seinem Blog zu Wilber und integraler Philosohie. „Nach und nach schienen seine Sprache und seine Wertesysteme sich zu verändern, direkt vor unseren Augen, in integrale Welträume.“

Auf philosophischer Ebene leitete Ken Wilber schon 1995 den Paradigmenwechsel mit seinem Hauptwerk "Eros Kosmos Logos" (Originaltitel "Sex, Ecology, Spirituality") ein. Dass sich nun im Aufbruch mit dem neuen US-Präsidenten Obama der Integrale Ansatz  auch auf politischer Ebene bemerkbar macht, hat angeblich auch mit Managementberater Don Beck zu tun. Der gilt zwar als Urheber der Evolutionstheorie  „Spiral Dynamics“, steht aber auch der Integralen Theorie sehr nah. Obama telefonierte ab einem bestimmten Zeitpunkt im Wahlkampf angeblich öfters mit Beck.

Die Basis von Wilbers Integraler Theorie wirkt zunächst trivial. Sie entstand allerdings nach einer gewaltigen Denkanstrengung bei der Suche nach der Grundformel, die weder den Ergebnissen der Neurologie und Hirnforschung, noch den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften noch Physik und den Erkenntnissen der fernöstlichen Erfahrungswissenscshaften widerspricht.

Sehr verkürzt erklärt, bringen die Integralen ihre Theorie auf die Formel „AQAL“. Sie ist das Destillat ihrer Theorie und steht für „All quadrants, all levels.“. Wilber ordnet Welt und Geist nach zwei Perspektiven: die eine Sichtachse stellt „innen“ und „außen“ gegenüber, die andere Sichtachse „individuell“ und „kollektiv“. Jeder Mensch kennt die Innenwelt der Gefühle und Gedanken („ich“) und die Außenwelt der Dinge und der Anderen („es“). Außerdem nimmt man sich und die Dinge einzeln wahr („ich“ und „es“) oder gruppiert sie („wir“ und „sie“). Kreuzt man die beiden Sichtachsen zu einem Koordinatensystem, entstehen eben diese vier Quadranten: „ich“, „es“, „wir“ und „sie“. Die Integration von Innen und Außen kennt auch Yoga als Verschmelzung von individuellem und absolutem Selbst.

Wie im Yoga ist auch Transformation und Evolution ein wesentliches Thema der Integralen Theorie. Wilber benennt in seiner "Transpersonalen Psychologie" drei Entwicklungstufen: Das Prä-Personale (schwaches, unterentwickeltes Ego), das Ich-Personale (mit starkem Ego) und die Trans-Personale (es gibt etwas Höheres als das starke Ego). Die Integralen beobachten die Gesellschaft und einen geistigen Zustand in allen Quadranten und auf allen Stufen. Wahre Evolution findet – richtig: AQAL statt.

Diese hohe Abstraktion nehmen Integrale Wissenschaftler und Diskussionszirkel zum Ausgangspunkt und leiten viele, teils recht komplexe Einzeltheorien und Anwendungen daraus ab. Sie erkunden die Transformation in allen vier Quadranten in der Yoga-Praxis und Meditation als ganzheitliche Erfahrung. Hier entsteht der Gesprächsbedarf, der in den Integralen Salons, Internetforen und Vorträgen ausgelebt wird. Adressen und Termine veröffentlicht das bundesweit vernetzte Integrale Forum auf ihrer zentralen Internetplattform.

Veröffentlichungen und Ergebnisse aus dem Denktank von Ken Wiber stehen auf dessen Internetseite.

Um sich in Ken Wilbers Denken über Lektüre anzunähern, eignen sich zwei Titel: "Eine kurze Geschichte des Kosmos" vermitttelt in Interviewform und verständlicher Sprache die Grundzüge seiner Philosophie. Mit wissenschaftlichem Anspruch beschreibt Wilber dagegen sein Gedankengebäude im Hauptwerk "Eros, Logos, Kosmos". 

Foto: Kanzeo Zen Center