Der Ursprung Hatha Yoga Pradipika

Körper- und Atemübungen als Yogaweg beschreibt erstmals eine Schrift aus dem indischen Mittelalter ausführlicher: die Hatha Yoga Pradipika, wörtlich: „Leuchte des Hatha-Yoga". Sie ermutigt zur Arbeit mit dem Körper; verstört aber auch. Es gibt wenige verlässliche Übertragungen. Mathias Tietke stellt eine vor.

Einerseits gibt es ständig „neue" Trends, andererseits weisen diese regelmäßig auf die traditionellen Werte und Kernaussagen des Yoga hin; da ist es wichtig und sinnvoll, sich von Zeit zu Zeit mit den historischen Ursprüngen des Yoga zu befassen. Auch wenn manche dieser Ursprünge mitunter als irrelevant bezeichnet werden, weil sie in der Vergangenheit liegen und mit verstörenden Details versehen sind, sollte man sich ein eigenes Bild vom vollständigen Wortlaut dieser Quellenschriften machen und sich damit auseinander setzen.

Während es nun von Patanjalis Yoga Sutra auch im deutschsprachigem Raum eine ganze Reihe von kommentierten Übersetzungen, Übertragungen und Interpretationen gibt, sieht es bei den mehrere Jahrhunderte später entstandenen Schriften des Hatha-Yoga weit weniger gut aus. Um so erfreulicher ist es, dass der Phänomen-Verlag sich zur Neuausgabe der Hatha (Yoga) Pradipika (die ursprünglich nur Hatha-Pradipika hieß) entschieden hat. Zwar handelt es sich um eine Übersetzung von 1893, die Hermann Walter bereits zwei Jahre zuvor der Philosophischen Fakultät zu München vorgelegt hatte, aber sie wirkt erstaunlich frisch und zeitgemäß und ermöglicht es den Lesern, sich einen eigenen Eindruck zu machen, was es mit dem tantrisch geprägten Hatha-Yoga ursprünglich auf sich hatte. Es ist eine Lektüre, die vielerlei Überraschungen birgt.

Apropos Patanjali: Zum achtgliedrigen Weg des Yoga, den der Philosoph vor rund 2.000 Jahren in seinem Sûtra beschrieb, gehört auch die Tugend des Svâdhyâya. Dieser Begriff meint neben dem Selbststudium auch das Studium der (heiligen) Schriften – auch der Schriften, die rund 1.300 Jahre nach dem Sûtra erschienen, wie beispielsweise die Hatha-Pradipika von Swatmarama.

Vorab erläutert der Übersetzer ausführlich die wichtigsten Begriffe der Hatha-Pradipika („Einige Termini technici“) und listet in einem anschließenden Verzeichnis die im Hatha-Yoga häufig vorkommenden Sanskrit-Wörter auf, übersetzt diese und führt jene Stellen der Hatha Pradipika an, wo dieser Begriff verwendet wird.

In der zweiten Hälfte folgt die Übersetzung der in vier Kapitel gegliederten Hatha Pradîipikâ, wobei einzelne Verse erläutert oder mit Vergleichen und Hinweisen ergänzt werden. Die konstante Verwendung von Zwischenüberschriften erleichtert die Orientierung bei der Lektüre und auch die gelegentlichen Querverweise sind hilfreich.

Das erste Kapitel beschreibt die Voraussetzungen für die Übungen, ethische Grundlagen und einzelne Asanas, wobei Siddhâsana favorisiert wird: „Was sollen die vielen anderen Asanas, wenn einmal das Siddhasana geglückt ist...“, heißt es da im Vers 41 des ersten Kapitels. Die Anleitungen sind recht knapp, wie etwa die der erwähnten Sitztechnik: „Man lege den linken Fußknöchel über den Penis und über diesen den anderen; dies ist Siddhasana.“

Das zweite Kapitel befasst sich primär mit (schweißtreibendem) Pranayama, gibt dazu teilweise präzise Anleitungen (mit Zeitvorgaben) und empfiehlt dicken und phlegmatischen Menschen sechs Reinigungsübungen, dabei wird insbesondere Nauli, das „Quirlen" des Bauches, hervorgehoben.

Im dritten Kapitel geht es vor allem um Mudras und Bandhas, aber auch um Viparitakarani („so wird man nach sechs Monaten an seinem Körper weder Runzeln noch graue Haare sehen“) und tantrische Techniken wie etwa Vajroli. Vereinfacht ausgedrückt, geht es dabei darum, beim Koitus des Samen zu bewahren. In der von Vishnudevananda herausgegebenen Ausgabe fehlt dieser Abschnitt ganz und in der Übersetzung von Lore Tomalla ist von den „Sekretionen der Beckenbodenregion“ die Rede. Hier ist dieser Abschnitt zunächst in Latein gesetzt – und ist im Anhang auf Deusch nachzulesen. Das vierte Kapitel schließlich beschreibt den Zustand von Samadhi: „Von allen Zuständen befreit, von allen Gedanken verlassen ist nun der Yogin gleich einem Toten, aber erlöst.“ Neben Meditation auf den inneren Klang, im Original „nâdopâsana“ beziehungsweise „nâdanushandhâna“ genannt, preist Svatmarama die Mudra Khecari als „Liebling des Siva“ – eine Yogaübung, bei der die zurückgebogene Zunge in den Nasenrachenraum gesteckt wird.

Fazit: Die Lektüre dieser Ausgabe eines der bedeutsamsten Hatha-Yoga-Quellentexte ist jeder Yogalehrerin und jedem Yogalehrer aus drei Gründen zu empfehlen: Erstens, um selbst in Erfahrung zu bringen, worauf der Hatha-Yoga gründet, zweitens, um aus der mitunter schwer verständlichen Kompilation unterschiedlicher und sich zum Teil widersprechender Anweisungen und Empfehlungen das Sinnvolle,  Praktikable, Erhaltenswerte heraus zu finden und drittens, um sich von einzelnen Versen inspirieren zu lassen.

Mathias Tietke /Deutsches Yoga Forum

 

 

 

Preis: 
€14.90
Ausführung: 
Taschenbuch
Verlag: 
Phänomen, Hamburg
ISBN/ASIN: 
978-3933321619