Green-Yoga: Augenmerk auf die schönen Dinge

Vieles von dem, was ein Mensch denkt und fühlt, ist über das Auge ins Bewusstsein gelangt. Ein Anblick kann verstören – oder beruhigen, wie die Meditation auf ein Yantra oder einen Baum etwa. Das macht das Sehen zum ökoyogischen Thema, wie Green-Yogi Hardy Fürch in der abschließenden Folge unserer Green-Yoga-Serie erklärt.

Es wäre sicher falsch, vor der Realität die Augen verschließen zu wollen. Doch wünschten wir uns von manchen Ereignissen, dass wir sie nie gesehen hätten. Jeder kennt das, schockierende Bilder, die sich tief in unser Gedächtnis einbrennen und ein Leben lang nachwirken. Optische Eindrücke können aggressiv, traurig, ängstlich oder hippelig machen. Und ganz subtil wirken: Die Werbung setzt ihre Reize so ein, dass wir deren Wirkung erst durchschauen, wenn wir vor dem Regal im Supermarkt stehen und wie ferngesteuert nach dem beworbenen Produkt greifen – sofern wir in diesem Moment wach genug sind, diese Manipulation zu bemerken.

Gemessen an den Entschädigungstabellen der Versicherungen für den Verlust eines Sinnesorgans, gilt der Seh- oder Gesichtssinn als der wichtigste aller Sinne. Dabei weiß man inzwischen, dass sich taube Menschen häufig isolierter fühlen als Blinde. Dennoch fürchtet sich der westliche Mensch am meisten vor Blindheit. Sicher liegt es daran, dass viele Menschen nur das als wirklich gegeben oder wahr ansehen, was sie über die Augen empfangen. Unser aufs Äußere gerichtete Zeit fördert dieses Bedürfnis. Doch das Primat des Auges hat Tradition, auch unter den Yogis. "Die Wahrheit ist wahrlich das Auge", steht schon im Brhadaranyaka-Upanischad (um 700 vor Christi Geburt). „Denn (man würde) ... wenn jetzt zwei, die sich streiten, kämen und sagten: „Ich habe gesehen“ und „Ich habe gehört“, demjenigen glauben, der so sagte: Ich habe gesehen.“ (5.15.5.)  Natürlich wussten die Weisen auch, wie sehr sich die Augen täuschen lassen. Das Augenlicht wurde deshalb auch zur Metapher für die Intuition, das dritte Auge.

Das Ideal ist im philosophischen Yoga wie in der westlichen Kultur, selbst zu entscheiden, worauf der Blick sich richtet – auf Schönes zum Beispiel. Friedrich Schiller hielt die Schönheit für ein probates Mittel, um zum Göttlichen zu gelangen. Denn Weltlich-Schönes weist darauf hin, dass es jenseits davon eine noch größere Harmonie, eine noch leuchtendere, „himmlische“ Schönheit oder ein „Urbild“ geben muss. So kann die Rose zum Symbol für die perfekte Blume und die anmutige Frau zur Göttin werden. Solche Sinn- und Urbilder wirken positiv in und aus unserem Inneren.

In der östlichen Meditationspraxis findet das Sehen im Yantra eine besondere und tiefere Bedeutung. Yantras sind rituelle geometrische Diagramme, die einen physischen Aspekt des Göttlichen oder der Göttin repräsentieren und in einem konzentrativ-meditativen Prozess betrachtet werden. Durch die Konzentration auf den Bindu sammelt sich der Geist, die Meditierenden erhalten so Zugang zu dem im Yantra manifestierten göttlichen Aspekt. Gleiches gilt für die zumeist kreisförmigen Mandalas, die besonders im Buddhismus für Meditationen eingesetzt werden.

Im Green-Yoga des Sehens entwickeln wir ein Bewusstsein für Hässliches und Schönes, und konzentrieren uns möglichst auf Letzteres. Das kann ein schöner großer Laubbaum sein, den wir durch die Jahreszeiten begleiten. Dieses Schauen auf etwas natürlich Schönes fördert nach den Erkenntnissen der Hirnforschung sogar die Beruhigung des Geistes. Green-Yoga ist demnach nicht nur Schutz der Natur. Er praktiziert auch inneren Frieden durch das Augenmerk auf die erhabene Schönheit der Natur, zu denen auch die Ästhetik eines gelungenen Asanas und die Schönheit eines anmutigen Körpers gehören.

Hardy Fürch

Artikelbild: Das Sri Yantra aus vier plus fünf Dreiecken ist das bekannteste Yantra. Der Punkt in der Mitte heißt Bindu.

Zum Thema

Einführung in Green-Yoga

Besprechung des Buches Wie Green Yoga die Welt verändert

Weitere Folgen unserer Serie über Green-Yoga

Weitere Yoga-Themen