Ferienlektüre: Kopfstand im Karma-Taxi

Yoga gründet auf Erfahrung; deshalb teilen Yogis so gerne ihre Erfahrungen mit Anderen. Bei wortgewandten, unterhaltsamen Erzählern wie Selim Özdogan ist dieser gute Brauch dazu recht kurzweilig. In seinem neuen Buch „Kopfstand im Karma-Taxi“ outet er sich als Pranajunkie. Yogalehrer Silvio Fritzsche hat es für yogaservice.de gelesen und empfiehlt es fürs Reisegepäck.  

Selim Özdogan kennt man vor allem als Romanautor, sein Debüt „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ (1995) gilt schon als Kult. Das neue Buch „Kopfstand im Karmataxi: Bekenntnisse eines Pranajunkies“ dagegen ist eher ein autobiographischer Beitrag im derzeit blühenden Genre der Wie-ich-zum-Yoga-kam-Literatur. Selim Özdogan betreibt seit zwölf Jahren Yoga, in dem unterhaltsam geschriebenen Buch verarbeitet er seine persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu dem Übungssystem. 

Voran gestellt ist dem Buch der schöne Denkanstoß: „Was kann ein Buch schon bieten außer die Möglichkeit, sich zu finden oder zu verlieren? Und bietet Yoga nicht das Gleiche?“ Die Geschichte von Selim beginnt allerdings weit ab von Yoga, mit dessen Kindheit in einer türkischen Imigrantenfamilie in Köln. Das soziale Umfeld ist eher bescheiden, und auch sein Selbstbewusstsein hat unter diesen Umständen ganz schön gelitten. Von den Eltern allein vor dem Fernseher gesetzt, sieht er die Jesus Geschichte und ist völlig überrascht, wie sich ein Mann ans Kreuz nageln lässt, ohne Widerstand zu leisten. Wie konnte ein Mensch so völlig anders sein als alle anderen? Der 7-jährige Selim, fragt sich: Welche Größe hat dieser Mensch gehabt und woher nahm er all die Kraft? Diese Begegnung vor dem Fernseher war der Startschuss für seine spirituelle Suche.

Die ersten 40 Seiten des Buches beschreiben die Zweifel, Ängste und Wünsche des Heranwachsenden. Anfangs versuchte er, seine Unsicherheit durch exzessives Muskeltraining im Fitnessstudio zu verstecken und baute sich eine harte Schale auf. Scheinbar gelang ihm das, und sein Ego wuchs genau so schnell, wie auch die Kilo an den Gewichten zunahmen. Jetzt klappte das auch wieder mit den Frauen, und sein Leben schien in Ordnung. Nur die Frage nach der Kraft von Jesus nagte weiter. Und irgendwie brachte ihn die in die VHS zu seinem ersten Yogakurs. Selim allein unter Hausfrauen. Das gefiel ihm gar nicht, er resignierte.

Ganze sieben Jahre später unternahm Selim seinen zweiten Versuch mit Yoga. Als Körperjunkie landet er in einer fordernden Hatha-Yoga Stunde – und ist völlig angefixt. Er spürt die Energie in jeder Zelle seines stählernen Körpers. Er bemerkte, dass er mit physischer Kraft allein nicht weiter kam und fand die passende Lösung für sich: Kraft ausatmen und Weichheit einatmen! Aus einmal Yoga in der Woche wurde innerhalb kürzester Zeit ein tägliches Yogaprogramm. Selim probierte alles aus: Jivamukti-Yoga, Power-Yoga, Anusara-Yoga und was es alles so gibt. Auch ließ er den Versuch nicht aus, von großen internationalen Lehrern zu lernen. Er wollte deren Kräfte erforschen und für sich selbst umsetzen. Diese Yoga-Entwicklung füllt die übrigen 190 Seiten seines Buches aus.

Selim bezeichnet sich selbst als "Pranajunkie", und Yoga wird zu seiner neuen Droge. Er unterlässt keinen Versuch, um mehr Yoga-Energie in sich aufzusaugen. Sein Durchbruch  gelang ihm in einer Ashtanga-Yoga-Stunde. „Mit Ashtanga hörte ich auf, ins Fitnesstudio zu gehen, und verlor an Muskelmasse, gewann aber gleichzeitig an Kraft. ... Als ich nach einigen Monaten fast sieben Kilo abgenommen hatte, kam es mir vor, als seien die Muskeln nur ein Panzer um mich herum gewesen, etwas, das mich vor meiner Umwelt schützen soll. Es war ein befreiendes Gefühl, den Panzer einfach zu verlieren, nicht mehr mit harten Muskeln gegen die Schläge des Lebens gewappnet sein zu müssen.“

Immer wieder beschreibt er seine eigenen, interessanten Sichtweisen auf die Yoga-Philosophie, erklärt Sutras von Patanjali und zeichnet nach, wie sich sein Leben durch Yoga verändert.

Fazit: Jeder der sich mit Yoga beschäftigt, wird sich an der einen oder anderen Stelle wieder erkennen. Selim zitiert häufig große Philosophen und empfiehlt indirekt seine Lieblingsbücher. Auch wenn der Titel des Buches „Kopfstand im Karmataxi“ etwas übertrieben wirkt, so trifft es „Bekenntnisse eines Pranajunkies“ schon viel besser. Dieses Buch ist eine unterhaltsame Reiselektüre mit ganz viel nett verpackten Yogaerlebnissen. Die Antwort auf die Frage nach der Urkraft bleibt er uns zwar schuldig. Dafür ist es aber ehrlich, schonungslos, authentisch und ohne Tabus geschrieben – und das ist ja schließlich auch eine Art Urkraft. 

Silvio Fritzsche

Preis: 
€19.50
Ausführung: 
Broschiert
Verlag: 
Edition Spuren
ISBN/ASIN: 
978-3905752267

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