Juwelen des Yoga: Üben mit Rod Stryker

Die Wissenschaft des Yoga ist umfangreich und ihre Anwendung auf das Leben oft leichter gesagt als getan. Rod Stryker, einer der erfahrensten Yogalehrer der USA, gastierte bei Spirit Yoga in Berlin und erklärte mit seinen „six gems“ übersichtlich und kurz Yoga als Lebensphilosophie.

In einer Erfahrungswissenschaft wie Yoga zählt natürlich immer, wer sein Erfahrungswissen vorträgt. Der Amerikaner Rod Stryker hat die Ausstrahlung eines durchtrainierten Frühaufstehers. Glasklar der Blick, die Haltung wunderbar aufrecht, gewölbte Brust. Ruhig in der Art, nüchtern in der Ausführung. Die Asana-Praxis, die er lehre, stehe in der Tradition von Krishnamacharya. Heißt: „Die Asanas dienen dem Atem. Der Atem steht im Mittelpunkt.“ Ebenso legt er Wert auf die Übergänge. Viele Leute verlören auf dem Weg vom Stand (Tadasana) in die Vorbeuge (Uttanasana) den Yoga, weil sie irgendwie runter gingen und irgendwie wieder hoch. Er ließ uns – bei der Asana-Praxis nach seinem Vortrag – diesen Übergang mit der ihm eigenen Präzision ausführlich üben. Sein Sonnengruß begann übrigens in der Hocke (Malasana) und enthielt im Übergang vom Krieger 1 (Virabhandrasana 1) in den Herabschauenden Hund (Adho Mukha Svanasana) eine Pyramide (Parsvottanasana), indem wir das vordere Bein streckten und uns dann mit geradem Rücken und gestreckten Armen nach vorne beugten, dies einen Moment hielten – sehr anstrengend! –, um dann erst die Hände abzusetzen. Er wusste, dass wir das originell finden würden und freute sich darüber.

Rod Stryker feiert in diesem Jahr sein 30stes Jubiläum als Yogalehrer. Davor hatte er 17 Jahre bei Yogameister Kavi Yogiraj Mani Finger gelebt, dann ging er bei zwei weiteren Meistern in die Lehre. „Ich möchte heute Abend mit euch teilen, was ich von diesen Lehrern geschenkt bekommen habe“, sagte er zu Beginn des Workshops, „und was davon meine eigene Erfahrung als richtig bestätigt hat.“

Rod Stryker @ www.parayoga.com

Diese Wissenschaft stellte er am Flip Chart als System vor, dass auf sechs „Juwelen“ („gems“) aufbaut. Er wisse schon: Lehrer fassten ihr Wissen gerne mit Zahlen zusammen – die vier Weisheiten von Buddha, Patanjali mit seinem achtgliedrigen Weg. Ja, er sei eben auf die Zahl sechs gekommen. Seine Ordnung bescherte mir allerdings einige Aha-Erlebnisse, für die ich Rod dankbar bin:

  1. Dharma: Es gibt eine größere Intelligenz, nach deren Regeln die Dinge laufen. Unsere eigene Intelligenz ist zu begrenzt, um diese Regeln vollständig zu verstehen. Jedem Menschen ist durch das Dharma eine größere Idee (Mahad) eingeboren, die er im Laufe seines Lebens verwirklichen sollte. „Wer gegen sein Dharma anlebt, also Adharma lebt, wird unglücklich.“
  2. Tantra: Wir müssen lernen, uns selbst zu meistern. Meistern heißt, wir lernen, unseren Geist („mind“, „citta“) und unsere Lebenskraft („strength“, „prana“) zu lenken. Sonst lenken äußere Kräfte unsere innere Bewegungen. Er erklärt uns das Prinzip „Vinyasa“ als „Reihenfolge, in der die Dinge geschehen“. Erlebnisse wie ein Lottogewinn oder die Nachricht von der schweren Krankheit eines Freundes beeinflussen unsere Sichtweise auf die unmittelbar darauffolgende Situationen. Das ist ein betont simples Beispiel für viele Erlebnisse, die in Form von teils unterschwelligen Strömungen, durch Prägungen aus der Kindheit, ständig unsere Sichtweisen und Entscheidungen beeinflussen.
  3. Vidya: Die Wissenschaft aus den alten Schriften wie Upanishaden, Patanjalis Sutra und Bhagavad Gita hilf uns, ausgeglichen zu werden. Darum gehe es: Balance. „Und nicht alles, was du willst, ist gut für dich und deine Ausgeglichenheit.“
  4. Agni, das innere Licht oder Feuer. Sonne, Magma, Körpertemperatur, Gehirnzelle „feuern“; Glut und Feuer spielen eine bedeutende Rolle, Leben braucht Wärme. Wir wenden Vidya an, unsere innere Hitze zu vergrößern, Prana zu stärken – und so zu lenken, dass wir nicht daran zu verbrennen. Verliebtheit beispielsweise erzeugt Agni und lässt die Welt wunderbar werden. Das Yoga und Pranayama zu üben, macht uns unabhängig von vergänglichen Ereignissen wie Verliebtheit.
  5. Sri: das ist die innere Schönheit aller Dinge (und seien diese noch so hässlich oder furchterregend). Die Dinge leuchten in der ihnen innewohnenden Schönheit. Für dieses Leuchten sind wir umso empfänglicher, je stärker unser Agni ist. Das Konzept des Sri stammt aus dem Hinduismus; der sich hier vom Buddhismus unterscheidet, demzufolge das Wesen aller Dinge Leere ist.
  6. Parampara; gemeint ist die Tradition, Wissen weiterzugeben und so die Evolution voranschreiten zu lassen. Dazu gehört, dass wir uns dem uns vermittelten Wissen immer dankbar zeigen. Hier wiederum könnten die Yogis von den Buddhisten lernen, die das Dienen und Geben (Bodhisattva-Prinzip) zur Bedingung für Erleuchtung machen. „Im Yoga sind wir manchmal etwas zu sehr mit uns selbst beschäftigt“, schließt er seinen Vortrag.

In diesem Sinne vielen Dank an Rod Stryker. Er tourt derzeit durch Deutschland. Wer sein Wissen mit ihm teilen will, kann ihn bei der Pre- (28. Mai) und Main-Yoga-Conference (29. und 30. Mai) in Köln erleben.

tis

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Zum Thema

Rod Stryker gründete den Stil Para-Yoga und gilt als einer der erfahrensten westlichen Lehrer des Tantra.

Details zu Lebenslauf, Aufsätze und Tourenplan von Rod Stryker stehen auf seiner Internetseite

Interview mit Rod Stryker: Asana-Forschung

 

Artikelfoto: Rod Stryker im Parivritta Janu Shirshasana. © www.parayoga.com