Dharma Mittra: „Mein Motto ist: Sei lernfähig!“

Sri Dharma Mittra gehört zu den erfahrensten Yogalehrern im Westen. Der Gründer und Direktor des Dharma Yoga Centers in New York unterrichtet seit 1967 täglich Yogaklassen und ist mit 71 Jahren noch voller Vitalität. Sein Poster mit den Abbildungen von 908 Yogahaltungen kennt man in der ganzen Welt. Im August kommt er für Workshops nach Europa. Yogaservice.de sprach mit ihm über das Wesen von Yoga, die Bedeutung von Flexibilität und warum die Großstadt der beste Ort für Praxis sein kann.

ys: Was ist der Zweck von Yoga?

Nun, Yoga ist eine Abkürzung zur Unsterblichkeit. Es ist keine Religion, aber eine Wissenschaft die – wenn richtig praktiziert – dem Schüler eine glänzende Gesundheit sowie mentale und psychische Kraft innerhalb kürzester Zeit schenkt. Dies mag man dann für die Selbstverwirklichung nutzen, dem eigentlichen Ziel des Lebens. In der Bhagavadad Gita steht, dass Gott im Schöpfungsmoment ein Teil von jedem Lebewesen wird, und seine Behausung in jedem Herzen habe. Wir alle tragen göttliches Licht in uns – alle die gleiche 100 Watt-Birne. Aber für viele bleibt die Birne von Schichten umhüllt, und nur ein paar Strahlen scheinen durch. Yoga ist eine sehr alte Tradition, die uns hilft, uns von diesen Schichten zu reinigen und unseren Geist zur Ruhe zu bringen. Irgendwann manifestiert sich das Licht in uns als ganze Größe, und wir können so klar sehen wie das Höhere Selbst oder Gott. Das braucht natürlich seine Zeit und es ist wunderbar, wenn einem jemand zur Seite steht, der von diesem Licht schon ein bisschen mehr in sich trägt als man selbst. Folgende Punkte sind wichtig, um den Zweck von Yoga zu entdecken: Iss kein Fleisch von Tieren, sei freundlich, übe jeden Tag Yoga, widme alle Früchte deiner Taten etwas Höherem und betrachte die Ganzheit von Yama und Niyama (AdR: siehe Frage 4). Und das, meine Freunde, nenne ich Yoga. 

ys: Was für eine Art von Yoga unterrichtest und lehrst du?

Meine eigene Praxis begann mit Karma-Yoga oder auch selbstlose Unterstützung. Ich habe alles für meinen Guru getan, was nötig war. Seit über vierzig Jahren unterrichte ich vielfältige Aspekte von Yoga. Mein Motto ist „sei lernfähig“. Um die Asanapraxis (Yogahaltungen) zu vervollständigen, muss man lernen, jede Aktion dem höheren Selbst oder Gott zu widmen. Diese Lehren sind eingebettet in Dharma-Yoga, dessen Name Ismrittee Devi prägte. Yoga ist das „Beruhigungsbecken“ für den Geist. Nur ein ruhiger Geist wird in der Lage sein, ununterbrochene Konzentration oder Meditation zu finden. Wir unterrichten Yogahaltungen, Atemübungen und tiefe Entspannung und ermöglichen einen Leitfaden für die Praxis von Konzentration ohne Unterbrechung. Ich lehre auch aus Schriften wie der Bhagavad Gita und Yogasutren und singe Mantren, um Hingabe zu kultivieren. Ein Hauptaspekt von Dharma-Yoga ist es, ethische Regeln zu etablieren. Wir beginnen mit den Yamas bei Ahimasa, Gewaltlosigkeit (AdR: siehe Frage 4). In der Ausübung von Mitgefühl für alle Lebewesen liegt die Grundlage von Yoga. 

Dharma Mittra

ys: In einem Interview hast du gesagt, dass man im Yoga nicht flexibel sein müsse, und dass die wichtigste Yogahaltung der Kopfstand sei. Wie ist in diesem Zusammenhang das Poster mit den 908 Yogahaltungen zu verstehen?

Yoga ist nicht, in fortgeschrittene Haltungen zu kommen und sich den Fuß hinter den Kopf zu stecken. Ich erinnere in meinen Yogaklassen immer daran, dass die Asanapraxis eine Vorbereitung ist, um wahres Yoga zu praktizieren. Für mich ist die Asanapraxis mehr als physische Betätigung. Jede Haltung repräsentiert einen Zustand des Bewusstseins. Wir haben die Chance, in jeder Haltung etwas zu erfahren, was wir vorher nicht erfahren haben. Das hat eine Wirkung auf den Geist und kann zur Mediation in der Yogahaltung führen.

Bei der Idee mit dem Poster der 908 Yogahaltungen ging es zuerst um ein Geschenk an meinen Guru und zweitens, um Menschen zur Yogapraxis zu inspirieren. Es ist so organisiert, dass alle Variationen von Yogaübungen aneinandergereiht sind, so dass jeder die Position auswählen kann, die dem Zustand des Praktizierenden entspricht. Der Kopfstand (Sirsasana) ist eine fortgeschrittene Yogaübung, kann aber unter guter Anleitung recht einfach von Schülern aller Niveaus praktiziert werden. Und ja, es ist wahr, dass ich sage, dass die Praxis keine Flexibilität benötigt. Aber sie benötigt Stabilität und Kontrolle, und das ist oft eine Fähigkeit, die eine Menge Übung erfordert. 

ys: Welche Bedeutung haben die Yamas und Niyamas für einen Yogi?

Yama und Niyama sind das Grundlage von Yoga. Ohne sie gibt es kein Yoga. Eine kontinuierliche Anwendung von Yama und Niyama entwickelt ein gesundes Leben und Denken. Um in allen Aspekten des Lebens zu bestehen, ist Konzentration erforderlich. Eine erhöhte Fähigkeit zur Meditation ist eine direkte Folge aus einer regelmäßigen Sadhana, der (spirituellen) Praxis auf dem achtgliedrigen Weg des Yoga. Hier entdeckt man Antworten auf essentielle Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was gibt es über den Geist hinaus?“, „Was ist der Grund für all das Leiden und wie kann ich mich davon befreien?“ Das klassische Yogasystem ist als Ashtanga Yoga bekannt, es teilt sich in einen achtgliedrigen Pfad oder acht Stufen auf, die Körper und Geist vorbereiten, klären und dann aufsteigen lassen.

Weitere Ausführungen zu den Yamas und Niyamas von Dharma Mittra stehen hier.

ys: Seit 45 Jahren unterrichtest du immer noch täglich und nimmst dir Zeit, die Fragen deiner Schüler zu beantworten. Haben sich die Fragen und Antworten im Laufe der Jahre verändert?

Es ist mein höchster Wunsch, allen Aspiranten, egal ob Hausfrau, Büroangestellter oder Tänzer, auf ihrem spirituellen Weg zu helfen und zu verdeutlichen, dass Yoga ein weises „Set“ von Techniken ist, die der Selbstverwirklichung dienen. Dafür benötigt man weder eine Yogamatte oder -klotz, noch teure Kleidung, sondern nur den Körper an sich. Um ein guter Schüler zu sein, muss man ehrfürchtig sein, Geduld mitbringen und für große Anstrengungen bereit sein. Ich glaube, es gibt heutzutage ein bisschen weniger Ehrfurcht und vielleicht mehr Interesse an den physischen Aspekten der Praxis. Aber die Fragen sind über die Jahre immer gleich geblieben. Menschen sind auf der Suche nach dem, wer sie sind und um was es im Leben wirklich geht. Ich denke, es ist manchmal besser, seine Fragen während der Meditation immer und immer wieder sich selbst zu stellen. Dann kommen alle Antworten von alleine.

ys: Auf deiner Webseite steht der Spruch „Reduce your wants and lead a happy and contented life“. Wie können wir lernen unsere Wünsche in einem modernen Leben zu balancieren?

Jahrelang habe ich meinen Schülern gesagt, dass New York City der beste Ort sei, um Yoga zu praktizieren. Die Dharma Center liegen an den lautesten Ecken. Man wird nicht getestet, wenn man in einer Höhle im Himalaya lebt. Auch lässt sich Brahmacharya (Zölibat) leichter praktizieren, wenn niemand um einen herum ist oder zu fasten, wenn es nichts zu essen gibt. Die Versuchungen in New York City sind sehr hoch. So mancher hat es schwer, keine Pizza zu essen, wenn es an jeder Ecke einen Pizzastand gibt und der Geruch des frischen Stücks dich bis zum nächsten Stand verfolgt. Balance zu finden, ist nicht einfach. Man muss sich anstrengen und immer wieder entsagen, entsagen, entsagen. Wenn man das in ständiger Herausforderung schafft, dann praktiziert man wahrlich Yoga.

Dharma Mittra sendet Liebe zu allen, Om Shanti, Shanti.


Das Interview ist in voller Länge in englischer Sprache erhältlich.

Artikelfotos: Dharma Mittra © Dharma Yoga Center


Zum Thema

Sri Dharma Mittra kommt im August für mehrere Workshops nach Europa
Barcelona (09. und 10.-12.08.)
Berlin (13.-14.08.)
   London (15.08., 16.08., 17.08.)
Dublin (18.08.)

und bietet Anfang September ein Retreat in den Catskills (NY, USA) an.

Webseite Dharma Yoga Center

Dharma Yoga Schule in Deutschland (Hamburg)

Buch von Dharma Mittra: 608 Yoga Postures | Verlag: New World Lib. (Weiterleitung zu amazon.de)

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