Der nächste Schritt: Einführung in die integrale Denke

„Integral“ hat gute Chancen, einmal ein schillerndes Modewort wie „postmodern“ zu werden. Noch aber sind integrale Philosophen intellektuelle Subkultur, Vorwärtsdenker, eine seltene Kombination aus realistisch und optimistisch. Meditation und Yoga spielen hierbei eine wichtige Rolle. Das Standardwerk „Integrales Bewusstsein" eignet sich sehr gut als Einführung. Es liegt endlich in deutscher Übersetzung vor.

Die integrale Philosophie ist (noch) nicht akademisch, schließlich wird an Unis auch (noch) nicht meditiert oder Yogaerfahrung berücksichtigt. Die akademische Philosophie empfinden die integralen Theoretiker auch als „blutleer“ und in ihren Strukturen gefangen. Die Innovation kommt also von außen. Ihr prominenter Vordenker, der Amerikaner Ken Wilber, ist Studienabbrecher, hat intensiv Yoga und Vipassana-Meditation praktiziert und an die zwanzig Bücher geschrieben, darunter „Eros Kosmos Logos“ (1995), das als sein Hauptwerk und wichtige Grundlage der integralen Theorie gilt. Steve McIntosh, der Autor von „Integrales Bewusstsein und die Zukunft der Evolution“ erlebte ihn als „freundlich, außerordentlich witzig, sehr von sich eingenommen und natürlich brillant“.

Der ehemalige Mitarbeiter von Wilber schätzt ihn „als Verbündeten“; findet aber, dass er „manchmal sehr schnell und locker ernsthafte Forschungsergebnisse und Theorien behandelt.“ Mit dieser Kritik, auch an Wilbers mangelnder Trennschärfe zwischen Religion und Wissenschaft, steht er nicht allein da. Umso wichtiger ist es, dass jetzt Autoren wie er Wilbers große Würfe sortieren, aufräumen und klären. Die Erklärung der integralen Philosphie liefert McIntosh, ein Schriftsteller, Jurist und Unternehmer, sachlich klar und leicht verständlich im ersten Teil des Buches. Im zweiten Teil vertieft er einzelne Fragen, die die integrale Philosophie aufwirft und in Fachkreisen heiß diskutiert werden.

Im Unterschied zur anderen Philosophien schafft die integrale kein Gedankengebäude. Solche Konstruktionen sind Metaphysik, die die zeitgenössischen Denker ohnehin zu überwinden versuchen. Die integrale Philosophie arbeitet deshalb mit dem Begriff des „Bewusstseins“, das vorhandenes Weltwissen neu ordnet und die Stärken jeder Weltanschauung, jeder Epoche und Kultur zu einem zukunftsfähigen, anwendbaren System integriert. Ihr axiomatischer Ausgangspunkt allerdings ist die Evolution. Kaum ein Leser wird leugnen, dass die biologische Entwicklung von der Amöbe bis zum Menschen eine Art Fortschritt ist. Doch die integrale Philosophie geht einen Schritt weiter und behauptet auch eine Evolution des Bewusstseins. Der biologischen Evolution der „äußeren“, beobachtbaren Welt entsprechen demnach zwei Evolutionslinien im sogenannten „inneren Universum“, auf der „Innenseite der Dinge“, wie McIntosh das nennt: die Evolution des Selbst und jene der Kultur. Zwischen den Entwicklungsstufen des Individuums und den Epochen der Menschheitsgeschichte sieht McIntosh außerdem Parallelen.

Kurzer Eindruck vom Autor: Steve McIntosh erklärt in eigenen Worten die Evolution des Bewusstseins.

 

Diese Evolution muss McIntosh beweisen. Er macht sie an unterschiedlichen Qualitäten des Bewusstseins, den sogenannten „Bewusstseinstypen“ fest: Die früheste Form menschlichen Bewusstseins nennt er „archaisch“ (heute nur noch bei Kleinkindern anzutreffen). Die weiteren Bewusstseinstypen beschreibt er in aufsteigender Reihenfolge als Stammes-, Krieger-, traditionelles, modernes und postmodernes Bewusstsein. In jeder Epoche dominiert ein Bewusstseinstyp; jeder Bewusstseinstyp hat eine innewohnende „Würde“, eine Stärke und Sinn in der Entwicklungsgeschichte. Beispiel: Das moderne Bewusstsein zeichnet sich durch Befreiung des Menschen von den religiösen Dogmen des traditionellen Bewusstseins aus, und durch den Glauben an die Machbarkeit des eigenen, irdischen Glücks. Jeder Bewusstseinstyp enthält aber auch eine „Pathologie“ – beim modernen Bewusstsein etwa die Selbstbezogenheit, Gier und Ausbeutung. Es hat negative Erscheinungen wie Imperialismus und Umweltzerstörung mit sich gebracht. Das daraus erwachende Problembewusstsein bereitet den Weg für die nächste Stufe: das postmoderne Bewusstsein, das die Natur, bisher Benachteiligte und Ausgebeutete einbezieht. Es zeigt eine Vorliebe für alles „Natürliche“ und die Umwelt. Die innewohnende Pathologie der Postmoderne allerdings ist eine arrogante Geringschätzung der Tradition und der Errungenschaften der Moderne, Narzissmus und ein Werterelativismus des "Alles ist ok.“ Bei der Lösung drängender Probleme wie Klimawandel, Terrorismus, Welthunger und eine ungerechte Weltwirtschaft stößt das postmoderne Bewusstsein an seine Grenzen. Daraus entsteht der Entwicklungsdruck zum Integralen Bewusstsein. Und um es vorweg zu nehmen: Da die Integralisten an die Evolution glauben, gehen sie davon aus, dass das integrale Bewusstsein nicht das Ende der Geschichte bedeutet.

Natürlich ist der Ansatz hier stark vereinfacht dargestellt. McIntosh bemüht sich, die Evolution des „inneren Universums“ ausführlich zu beweisen. Diese verläuft alles andere als linear, sie ist komplex und voller Rückschläge. Bewusstseinstypen existieren parallel in jeder Kultur, Epoche, ja: sogar innerhalb einzelner Persönlichkeiten. Das traditionelle und moderne Bewusstsein sind heute in der Weltbevölkerung am stärksten vertreten. Das Verständnis der geistigen Evolution ist nötig, um die Hoffnung nachzuvollziehen, die mit dem integralen Bewusstsein verbunden sind.  Der Autor stellt einzelne Denker vor, die die integrale Philosophie vorbereitet haben, angefangen bei Hegel, über Jean Gebser, Claire W. Graves, der einen maßgeblichen Einfluss auf McIntoshs Darstellungen hat, Sri Aurobindo, Jürgen Habermas bis Wilber, um nur einige Namen zu nennen. Die genannten Philosophen und Entwicklungspsychologen bestärken den Glauben an einen Fortschritt und damit an eine geistig-moralische Wende.

Die Werte des integralen Bewusstseins sind „persönliche Verantwortlichkeit für die Probleme der Welt, eine praktische, weltzentrische Moral, Wertschätzung einander widersprechender Wahrheiten“ sowie die „Harmonisierung von Religion und Wissenschaft“. Hier kann der Philosophie eine neue Mittlerrolle zukommen. McIntosh entwickelt dabei das Modell einer „spirituellen Kultur“ auf der Basis der drei universalen Grundwerte des Schönen, Wahren und Guten. Diese Erörterung nimmt bei ihm einigen Raum ein. Denn er entwickelt daraus das Zusammenspiel dreier Kräfte, die die Evolution des Bewusstseins vorantreiben. Die Bewegung, die daraus entsteht, zeichnen Integralisten in Form einer Spirale nach. Darin fließen sowohl Hegels dialektisches Modell von These (das Schöne), Antithese (das Wahre) und Synthese (das Gute) als auch die Vorstellung ein, dass Organismen sich höher entwickeln, indem sie komplexer werden und es deshalb auch eine Kraft braucht, die diese Komplexe wiederum zusammenhält, „integriert“. Daraus entsteht ein Kreis wie beim Gegenspiel zwischen Zentripedal- und Zentrifugalkraft.

McIntoshs Ausführungen machen das Bild der Spirale plausibel; für seine „erfrischenden“ Darstellungen erhält er sogar Lob von einem wichtigen Entwickler der „Spiral Dynamics" höchstselbst, Don Edward Beck. Wem diese Passagen allerdings zu abstrakt werden, muss sie nicht lesen – und kann trotzdem die Grundidee des integralen Bewusstseins verstehen und von ihr und den Gedanken ihrer Wegbereiter fasziniert sein. In Anlehnung an Aufklärung und Entstehung der Moderne kündigt McIntosh die bevorstehende „Zweiten Aufklärung“ an. Die Organisationsform des integralen Bewusstsein ist eine förderale Weltinnenpolitik, die McIntosh in einem eigenen Kapitel als „Global Governance“ darlegt. Das ist aufregend und inspirierend. Sie erweitert das Format der Bewusstseinsentwicklung von der narzisstischen Nabelschau zur globalen Sicht auf eine Welt, die wir dringend verändern müssen – und auch können.

tis 

 

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Preis: 
€24.95
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Phänomen, Hamburg
ISBN/ASIN: 
978-3933321756