Der atmende Gott: Doku über T. Krishnamacharya

Der Filmemacher Jan Schmidt-Garre hat eine schöne Dokumentation über T. Krishnamacharya gedreht. Er zeigt die Wirkungsstätten des Yogameisters, berühmte Schüler und ungesehene historische Aufnahmen. Der Film kommt am 5. Januar in die Kinos. Vorher besuchen zwei Kinder von Krishnamacharya für Workshops Deutschland. Wir haben den „atmenden Gott“ schon einmal angeschaut.

Ohne ihn wären viele moderne Stile undenkbar, darunter Anusara, Ashtanga, Iyengar, Jivamukti, Power-Yoga, Vini-Yoga und Vinyasa-Flow. Diese Stilrichtung sind alle Weiterentwicklungen seines Hatha-Yoga. Die Rede ist von Tirumalai Krishnamacharya (1888 bis 1989). Seine Schule am Hof des Maharadscha Krishnaraja Wodeyar IV. in Mysore ist die Wiege des „modernen Yoga“ – zumindest wenn es nach dem neuen Film „Der atmende Gott“ geht. Zugegeben, die genannten Stile gehören tatsächlich zu den Richtungen, die für eine sehr lebendige, großstädtische Szene im Westen derzeit maßgeblich sind. Doch um diesen Kritikpunkt gleich abzuhaken: Natürlich gibt es heute viele weitere Stile, die ebenso „modern“ genannt werden dürfen, deren Traditionslinien aber an Krishnamacharya vorbei liefen; Sivananda zum Beispiei, Bikram oder Kundalini.

So ist der Anspruch des Films etwas vollmundig, doch das mag man dem Filmemacher Jan Schmidt-Garre gerne verzeihen. Er hat bisher Kulturfilme über Musik und Theater gemacht und ist nicht wirklich Yogaexperte. Er kam, wie er selbst zu Beginn des Films erklärt, zu diesem Thema, weil seine Frau bei Patthabi Jois Unterricht nimmt. Er begleitete sie nach Indien und machte bei dieser Gelegenheit einen Film über den berühmten Lehrer des berühmten Lehrers seiner Frau. Die Unbefangenheit und Bildersprache des Kulturfilmers machen vieles wett – im Gegenteil: So hat man Yoga selten im Film eingefangen gesehen. Die Unvoreingenommenheit des Anfängers verschafft Schmidt-Garre sogar ein Privileg, für das andere Yogis jahrelang hart üben: Der Krishnamacharya-Schüler und weltberühmte Ashtanga-Gründer Patthabi Jois bringt ihm in einer Einzelstunde den Sonnengruß bei. Ein nicht minder berühmter, anderer Krishnamacharya-Schüler, B.K.S. Iyengar zeigt ihm ebenfalls persönlich den Kopfstand. Und Krishnamacharyas jüngster Sohn Sribhashyam führt ihn persönlich ins Geheimnis von dessen Spätwerk ein, die „Live Saving Session“, eine festgelegte Sequenz aus wenigen, wichtigen Körper- und Atemübungen.  


In „Der atmende Gott“ kommt auch Krishnamacharya-Schüler und Ashtanga-Gründer Patthabi Jois zu Wort. Er starb 2009, noch vor Produktionsende des Films, im Alter von 94 Jahren. © Ausschnitt aus dem Film „Der atmende Gott“
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Natürlich möchte jeder, der auf die ein odere andere Art in der Tradition von Krishnamacharya übt, irgendwann einmal etwas über das Leben, die Wirkungsstätten und die berühmtesten Schüler dieses Mannes erfahren. Das ist die große Stärke des Films, er zeigt Orte, Menschen und Techniken, schenkt anschauliche Bilder, ohne allzu viel Folklore. Schmidt-Garre nimmt bewusst die Perspektive des Europäers ein und unterlegt seine Bilder eher mit Musik, die westliche Sehnsucht nach indischer Exotik zum Ausdruck brachte. Zum Beispiel mit dem „Hindu-Song“ von Rimsky-Korsakoff. Das schafft eine zusätzliche Ebene, die sicherlich nicht jeder braucht. Aber warum nicht? Ein interessanter Versuch.

Krishnamacharya stammt aus dem Dorf Muchukunte in Südindien. Der Film erspart einem die Reise dorthin: Das Einstiegsbild zeigt Geröll und Einöde an der Stelle, an der sich das Dorf einst befand. Die Krishnamacharyas hatten hier Land. Die wichtigere Station im Leben des berühmten Ayurveda- und Philosophiegelehrten war der Hof des Maharadschas Krishnaraja Wodeyar IV., dem Dienstherrn Krishnamacharyas, dem die modernen Yogis offenbar viel zu verdanken haben. Schließlich benötigt jede Kunst auch ihre Förderer. Dieser Visionär jedenfalls brachte nicht nur Yoga, sondern 1905 auch das elektrische Licht nach Mysore. Er holte Krishnamacharya, um die jungen Männer am Hof, die „Arasu-Jungs“ stark und widerstandsfähig zu machen. Aus dieser Zeit gibt es wunderbare Filmaufnahmen von Präsentationen vor der Herrscherfamilie. Die Leistungsschauen waren sportlich, der Unterrichtsstil wohl ziemlich hart. Leider wird in den Räumen heute kein Yoga mehr unterrichtet – der sparsame Nachfolger von Krishnamacharyas Gönner hatte keinen Sinn für Yoga. Der Meister zog fort, ins heutige Chennai. Dort änderte Krishnamacharya seinen Yogastil. Er wurde sanfter, das Heilen rückte in den Vordergrund. Im Einzelunterricht passte er seine Übungen an die Symptome und Voraussetzungen des Schülers an – ein Ansatz, für den später auch sein Sohn und Yogalehrer T.K.V. Desikachar berühmt wurde. Leider tritt dieser im Film nicht auf. Er war wohl schon während der Dreharbeiten schwer krank.

Dafür kommt Shribhashyam umso häufiger zu Wort. Er erklärt auch den zentralen Punkt in der Praxis nach Krishnamacharya. So unterschiedlich die Stilrichtungen wirken mögen, die seine Schüler entwickelt haben – hierin scheinen sie sich alle einig: Jedes Asana kann eine einfache Kraft- oder Dehnübung sein – es sei denn, sie wird mit der richtigen Atemtechnik und der hohen Konzentration ausgeführt, die Krishnamarcharya seinen Schülern teils unter Schlägen abverlangte. „Dann wird Yoga daraus.“

Krishnamarchaya unterrichtete übrigens – wie man im Film erfährt – buchstäblich mit eiserner Hand. B.K.S. Iyengar erzählt, welche Angst er vor den Schlägen seines Meisters hatte. Es habe zwei, drei Tage gebraucht, um sich von einer Ohrfeige zu erholen. (Ein bisschen etwas davon ist bei Iyengar Unterrichtsstil geblieben: In einer Einstellung klatscht er selbst einem Schüler wütend auf den Hinterkopf, als dieser etwas linkisch eine Decke auslegt). Und Hanumanasana, den Spagat, so erzählt Iyengar weiter, habe ihm der Meister kaum erklärt. Er sollte es bei einer Yogavorführung machen: „Ein Bein vor, eines zurück. Du kannst das schon!“ Iyengar hat sich dabei eine Muskelzerrung zugezogen, die er zwei Jahre lang habe auskurieren müssen. Ohnehin dauerte Iyengars Unterricht bei Krishnamacharya nur kurz. Dann musste er in dessen Namen die Schule in Pune eröffnen. Der Einwand, dass er das nach einer so kurzen Ausbildung nicht könne, ließ der Meister nicht gelten. „Ich war sein Schwager, mit mir konnte er das ja machen“, sagt Iyengar in die Kamera. Und erläutert dann, dass er sich weitab von seinem Meister mit sich selbst ausgemacht habe, wie die Übungen richtig auszuführen seien. Glücklich, weit weg vom „Guru cage“ – dem Käfig des Meisters – zu sein. Das erklärt möglicherweise auch, warum dieser Mann mit so viel Akribie alle Körper- und Atemübungen in seinen weltbekannten Standardwerken katalogisiert hat.

Yogademonstration am Hof des Maharadschas vor dessen Familie. Historische Aufnahme aus dem Film "Der atmende Gott"
 

„Der atmende Gott“ wirft interessante Schlaglichter auf die historischen Hintergründe der eingangs genannten Stile. Er spannt den Bogen von einem harten, fast akrobatischen Sportyoga am Hof des Maharadscha über Yoga als Phiiosophie und Schulfach, für das sich Krishnamacharya später einsetzte bis hin zu religiösen Aspekten: Der spielte für Krishnamacharya eine untergeordnete Rolle, auch wenn er seinen westlichen Schülern den Weg zu Gott ebnen wollte. Für Inder, sagt Shribhashyam, sei die Existenz Gottes so selbstverständlich, dass sie nicht weiter thematisiert werden müsse. Atheistische Schüler aus dem Westen jedoch haben Krishnamacharya vor eine neue, unerwartete Herausforderung gestellt. Irgendeine Art geistiger Instanz setzt das System ja schon voraus.

Schmidt-Garre zeigt Yoga als ein Übungssystem, dessen Sinn es ist, den Körper stark und gesund zu machen und die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen. Neben den vielen Gesprächen mit Zeitzeugen bindet der Filmemacher die historischen Aufnahmen ein, die er mit verschnörkelt beschrifteten Tafeln im Stil jener Zeit ankündigt. Die Stilmittel eines Kulturfilms tun dem Thema gut. Auch wenn sie in einem Yogafilm manchmal etwas befremden, ist es der legitime Versuch, Yoga in seiner Schönheit zu zeigen. Doch vor allem die dokumentarischen Juwelen, die Schmidt-Garre zusammengetragen hat, machen den Film sehenswert.

tis

Artikelbild: Historische Aufnahme des übenden Krishnamarchaya aus dem Film „Der atmende Gott“ 

Trailer zu „Der atmende Gott“

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„Der atmende Gott“ kommt am 5. Januar 2012 in die deutschen Kinos

Shubha und Shribhashyam, beide Kinder von T. Krishnamacharya, besuchen im Dezember 2011 für Workshops Deutschland: Am 10. Dezember bei Jivamukti München/Schwaging und am 11. Dezember bei Spirit Yoga Berlin

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