Denken lenken: Yoga, Rhonda Byrne und Co

Die Gedanken konsequent auf einen Gegenstand zu lenken, macht den Geist ruhig und klar – sagt die Yogaphilosophie. Als Gegenstand bietet sich etwas Schönes an, der sanfte Fluss des Atems etwa oder das Erhabene. Rhonda Byrne geht einen Schritt weiter und empfiehlt, sich auf irdische Dinge wie Liebe, Gesundheit und Wohlstand zu konzentrieren. Das ziehe diese an. Mit Yoga hat das – nur ein bisschen zu tun. Hier ein paar wissenswerte Hintergründe.

Lächeln, Optimismus, die Vertrauen darauf, dass alles gut wird – das erhöht im Alltag ohne Zweifel die Chance auf ein Happy End. Optimismus aus Prinzip – und sei er auch nur behauptet – kann man an erfolgreichen Geschäftsleuten, Unternehmern, Politikern und Kreativen bestens studieren. Er ist sozusagen ihre Masche. Unsere Fantasie reicht ja auch nicht immer aus, um uns die Lösung einer schwierigen Situation auch nur vorzustellen. Profioptimisten betonen genau das: Überlege nicht besorgt, wie schlecht ausgehen könnte. Konzentriere dich darauf, dass es gut ausgeht. Wünsche es dir! Bestelle es! Dann wird es irgendwie auch so eintreten. Irgendwie.

Erfolg im Leben ist für viele Menschen ein großes Rätsel; ein „Geheimnis“, dass gelüftet werden will: „The Secret“ kam 2006 erst als Film, dann als Buch heraus. Die amerikanische TV-Ikone Oprah Winfrey lobte es in die Bestseller-Listen. Der Titel verkaufte sich, was man so liest, über 4 Millionen mal weltweit. Auf der Bestseller-Liste der deutschen Hardcoverbücher rangiert es noch immer unter den Top-30. In Indien gehört „The Secret“ mit 350.000 verkauften Büchern zu den drei meist verkauften Titeln, zumindest nach Aussage des amerikanischen Verlegers Simon & Schuster. Vergangenes Jahr legte Rhonda Byrnes das Buch „The Power“ nach, auch mit großem Erfolg. Und da es in diesen Büchern um das Geheimnis des Erfolgs geht, muss man der Autorin zugestehen: Mit Erfolg kennt die sich offenbar aus. Denn nichts ist so überzeugend wie Erfolg.

Das zentrale Konzept von The Secret hat mit dem Lenken von Gedanken zu tun. Hier entsteht die Nähe zum Yoga. So verleiht dem Yogi (zumindest der Yogaphilosophie Patanjalis zufolge) die gedankliche Versenkung in ein Rätsel Klarheit über die Zusammenhänge. Von dort ist der Schritt nicht mehr weit, auch sein irdisches Schicksal mit Gedankenkraft lenken zu wollen. So verriet mir ein Yogalehrer, dass ihm „The Secret“ von Rhonda Byrnes geholfen habe, seinen Traum vom eigenen Yogastudio zu verwirklichen. Er wandte das an, was bei Byrne „Gesetz der Anziehung“ heißt: Gedanken materialisieren sich. Das Universum reagiert darauf, was du die ganze Zeit denkst und gibt dir genau das im Leben, zum Beispiel: „Ich bin hässlich“, „Ich bin dumm“ oder „Keiner mag mich“. Um aus dieser Falle herauszukommen, müsse man stattdessen an Positives denken – und dabei die Sprache des Universums beherrschen. Das verstehe zum Beisiel keine Negationen. Wenn du also denkst: „Mein Konto soll nicht schon wieder im Dispo sein!“, dann hört das Universum das Gegenteil – mit entsprechendem Ergebnis. Auch Beschwerden im Stil von „Mein Konto ist schon wieder im Dispo!“ führen nur zur Verfestigung des unerfreulichen Zustands. Es ist also eine gewisse Wachsamkeit für die Wirkung der eigenen Gedanken gefordert – eine durchaus yogische oder meditative Übung. Byrnes fordert, seine Wünsche klar und präzise formulieren und alle mentale Kraft darauf richten ("Mein Konto soll voll sein!“ wäre wohl noch nicht einmal genau genug – was ist schon „voll“?)  In „The Secret“ kommen Menschen zu Wort, die sich Bilder von Dollarnoten oder dem Haus an die Wand hängen, in dem sie wohnen wollen. Diese Bilder schauen sie jeden Tag an, beten sie an und – natürlich – bekommen, was sie wollten.

Statt „wünschen“, kann man auch „bestellen“ sagen, wie die deutsche Autorin Bärbel Mohr, die in „Bestellungen beim Universum“ und „Reklamationen beim Universum: Nachhilfe in Wunscherfüllung“ zu einer ähnlichen Vorgehensweise riet. Sie empfahl allerdings, jede Bestellung nur einmal aufzugeben. Das Universum sei schließlich nicht taub – würde sich bei Nervensägen aber taub stellen. Wichtiger ist es ihr zufolge, im übertragenen Sinne auch zuhause zu sein, wenn die Bestellung eintreffe. Heißt: Man muss wach und offen genug sein, um die Chancen (das Bestellte) zu erkennen, die sich im Alltag plötzlich auftun können. Das sensibilisiert einen nicht nur für die eigenen (Wunsch-) Gedanken, sondern auch für die Zeichen des Alltags. Entsprechend erschüttert war die Fangemeinde von Bärbel Mohr, als sie vom Tod der Autorin vor genau einem Jahr erfuhr. Angeblich litt die zweifache Mutter und Autorin von 25 Büchern erst an einem Burnout, dann an Krebs. Sie wurde 46 Jahre alt.

Gebärmutterkrebs war dagegen der Auslöser für das Louise L. Hay, ihre Karriere als Model zu beenden und zu meditieren. So kam sie über die Transzendentale Meditation zur Kraft des Positiven Denkens, über die sie dann erfolgreiche Ratgeber verfasste. „Es ist eine unglaubliche Macht und Vernunft in Ihnen, die ununterbrochen auf Ihre Gedanken und Wörter antwortet", schreibt sie in ihrem Bestseller „Gesundheit für Körper und Seele“ 1984. „Sie schließen sich dieser Macht an, indem Sie lernen, Ihren Geist durch bewusste Auswahl der Gedanken zu kontrollieren." Sie geht in diesem Buch soweit, bestimmte Gedankenmuster für Krankheiten, darunter Krebs und Aids, verantwortlich zu machen und schlägt den Kranken alternative, positive Gedankenmuster vor. Damit hat sich die heute 85-Jährige heftiger Kritik ausgesetzt.

Louise Hay und Rhonda Byrnes hatten allerdings ihre Vordenker. Das „Gesetz der Anziehung“ formulierte schon 1919 Charles Haanel im „Master Key System“. Und Haanel zitiert Byrne in „The Power“ auffällig häufig. The Power wiederholt die Kerngedanken von „The Secret“, führt jedoch das Konzept einer erhabenen Grundkraft weiter aus, die das ganze Universum bewegt. Wir erleben diese Kraft letztlich in Form reiner Liebe. Die großen Geister der Geschichte wussten Byrne zufolge: Wenn man mit dieser Kraft arbeitet, tragen einen Flügel zu Höherem. Wie diese allmächtige Kraft durch die eigenen Gedanken fügig gemacht wird, konnte allerdings auch Haanel nicht überzeugend erklären (auch wenn Erklärungen in seinem Buch einen großen Raum einnehmen). Aus wissenschaftlicher und philosophischer Sicht stehen bei Haanel wie Byrne ohnehin einige haarsträubende oder überholte Behauptungen. Aber darum scheint es nicht zu gehen. Die Aufforderung dieser Autoren lautet: Probiere es aus! Es funktioniert. Wie und warum, weiß nur das Universum.

Hier zeigt sich auch die bittere Kehrseite des Konzepts: „Was ist, wenn Leute nicht das anziehen, was sie wollen?“ fragte sich kürzlich der afrikanische „The Citizen“. Anlass war die Feststellung, dass die Bücher Rhonda Byrnes in Tansania derzeit weggehen wie warme Semmeln. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt und musste auch noch gerade dieses schreckliche Fährunglück erleben. Der Autor des Artikels Saumu Mwalimu weiß die Antwort schon selbst: „Wenn du deine Unterstützung nicht bekommst oder einen Unfall erlebst, nun, dann bist du wohl selbst schuld. Du hattest ganz offensichtlich negative Gedanken.“ 

Das erinnert an den Ansatz bestimmter protestantisch-puritanischer Kirchen. Sie betrachteten wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen für Gottes Gnade – die nur dem zuteil wird, der richtig glaubt. Haanel, Byrne, Mohr, Hay stehen – explizit oder nicht – in der Tradition des amerikanischen New Thought-Movement, das meist mit Neugeist-Bewegung übersetzt wird. Das New Thought-Movement entstand in den USA schon anfang des 19. Jahrhunderts im Umfeld der christlichen Erweckungsbewegungen, die sich von kirchlichen und konfessionellen Dogmen lösten und die Vision eines neuen, lebendigen Christentums entwarfen. Hier geht es um „Erleuchtung“, mit Blick auf entsprechende Bibelstellen wie den Satz in Paulus' Briefe an die Epheser: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten“. Die Gründer der Neugeist-Bewegung, allen voran der amerikanische Schriftsteller und Heilpraktiker Phineas Parkhurst Quimby (1802 bis 1866), integrierten schon früh fernöstliche Konzepte wie die Karmalehre in die Konzepte der Erweckungslehren. Vieles, was Quimby formulierte, wird Byrnes Lesern bekannt vorkommen. Schon hier schreibt man dem Denken eine schöpferische Kraft zu. Es materialisiert sich, richtig gelenkt, in Erfolg, Besitz und Leistung.

Auch in Deutschland gab es eine Neugeistbewegung, gegründet in den Dreißigerjahren im Umfeld des Baum-Verlags in Berlin (später im Baden-Württembergischen Pfullingen), wie Mathias Tietke in seinem neuen Buch „Yoga im Nationalsozialismus“ beschreibt. Yoga stand hier noch deutlicher Pate als in den USA. Es viel um die Steigerung von „Willenskraft“ und das Lenken von Gedanken, was damals nach weitverbreiteter Auffassung Yoga vornehmlich auszeichnete. Für den Mitgründer der Neugeistbewegung Victor Schweitzer stand Yoga sogar im Zentrum der Neugeistbewegung. Die „deutschen psychotechnischen Methoden Neugeists“ seien parallel zu denen des Yoga gelaufen, so zitiert ihn Mathias Tietke. Vordenker und Autoren aus dem Umfeld von Schweitzer schrieben und handelten allerdings auch nach den rassistischen, nationalsozialistischen Dogmen dieser Zeit, wodurch sehr bedenkliche Aspekte ins Spiel kommen. Neugeist selbst war allerdings nicht nationalsozialistisch. Die NSDAP verbot sogar schließlich die Bewegung und verhaftete Schweitzer.

Wer Yoga und „The Secret“ zusammenbringt, sollte diese Hintergründe zumindest kennen und nicht naiv sein. Im Kern bleibt ja etwas Gutes an dem Ansatz. Seine Gedanken fokusieren zu können und eine positive Einstellung sind wesentlich für ein gesundes Seelenleben und ein glückliches Leben. Anregungen aus Büchern wie von Rhonda Byrnes können dabei helfen, vorausgesetzt man wahrt etwas kritische und humorvolle Distanz. Die Bücher finden unterdessen ihren Platz in der Alltagsauffassung des Mainstreams. Und so wie inzwischen jeder bei Positive Thinking an das „halb volle, statt halb leere Glas“ denkt, hat bei Bärbel Mohr und Rhonda Byrne am Ende vielleicht das Parkplatz-Spiel das Zeug zum beliebtesten Anschauungsbeispiel: Man kann in einem Stadtviertel, in dem die Aussicht auf einen Parkplatz völlig hoffnungslos ist, stundenlang um den Block kreisen. Oder man „bestellt“ sich rechtzeitig beim Universum einen Platz direkt vor der Haustür. Manchmal klappts. Warum, weiß keiner.

tis

 

Preis: 
€16.99
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Knaur MensSana
ISBN/ASIN: 
978-3426656877