Neue Heimat: Der Film „Sommer in Orange“

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1982, eine Bhagwan-Kommune aus Berlin-Kreuzberg zieht in ein bayerisches Dorf: Das ist die Ausgangssituation des neuen Heimatfilms von Marcus H. Rosenmüller. Katholischer Gottesdienst hier, Dynamische Meditation dort. Freie Liebe im Kopf, brennende Eifersucht im Herzen. Utopie der Kommune gegen traditionelle Familie – und irgendwo dazwischen ist Heimat. Der Film kommt am 18. August in die Kinos. Wir haben ihn uns schon mal angesehen.

Humor ist sicher die richtige Art, seine Mitmenschen ernstzunehmen. Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“) jedenfalls tut das mit liebevollem Blick, wenn er zwei Welten aufeinander krachen lässt; die der hippiesken Bhagwan-Anhänger aus Berlin auf die der wackeren katholischen Dorfbayern. Einige Stellen sind sehr lustig, trotzdem ist der Film nicht oberflächlich. Und um eine Qualität vorweg zu nehmen: Ob Om oder Amen – auf beiden Seiten gibt es Figuren, die man im Verlauf des Filmes lieb gewinnt. Und auf beiden Seiten gibt es Spießer; sie unterscheiden sich nur – in diesem Fall buchstäblich – durch ihr Gewand. Engstirnigkeit hier und spirituelle Arroganz dort, das ist in den vergangenen 30 Jahren – bis in die heutige Yogaszene hinein – ein aktuelles Thema geblieben.

Der Film erzählt die Geschichte aus der Perspektive der zwölfjährigen Lili (gespielt von Amber Bondard) . Sie wächst zusammen mit ihrem jüngeren Bruder und ihrer Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller) in einer Bhagwan-Kommune in Berlin-Kreuzberg auf. Dort ist sie glücklich. Allerdings erbt der Liebhaber von Lilis Mutter (namens Siddharta, mit sehr ausgeprägtem Wiener Akzent) einen Hof in der bayerischen Provinz – eine tolle Gelegenheit, um den Traum vom eigenen Therapiezentrum zu verwirklichen. Einige Kommunenmitglieder kommen kurzentschlossen mit.

Der Hof ist ein Traum. Alle leben, lieben, meditieren, diskutieren unter einem Dach. Tanzen nackt im Garten, singen laut Mantras , Keuchen rhythmisch bei ihren Dynamischen Meditationen und Schreien bei ihren Encounter-Sessions. Die konservativen Nachbarn stehen entsetzt am Gartenzaun und versuchen das Ganze mit ihren Achzigerjahre-Provinz-Kategorien zu verstehen: Aktivisten? Satanisten? Terroristen? Yoga und Meditation stand damals noch nicht so selbstverständlich auf dem Kursplan jeder deutschen VHS. Dass das heute ganz anders ist, verdanken wir nicht zuletzt der Neugier für neue, exotische Konzepte und Aufgeschlossenheit der Hippies und Neo-Sannyasins um Bhagwan, der sich später Osho nannte.


Filmszene: Statt Sonntagmorgen in die Kirche tanzen die Sannyasins bei ihrer Dynamischen Meditation
in der Scheune. © Majestic Filmverleih

Bhagwan in Poona (heute Pune in Indien) hatte damals viele Suchende aus dem Westen angezogen und für sie die sogenannte Dynamische Meditation entwickelt. Bewegung, dynamischer Atem, Rhythmus, Schreien; das schien dem indischen Ex-Philosophieprofessor und Guru der bessere Weg, die westlichen Unruhegeister an ihr wahres Wesen heranzuführen als sie von Anfang bei Meditation in Stille sich selbst zu überlassen. Sein Konzept: Er ließ destruktive Muster in Therapiegruppen „deprogrammieren“. In diesen Gruppen wurden teils heftige Gefühle ausgelebt, von allen Schattierungen der unterdrückten Sexualität über tiefe Trauer bis hin zu gewalttätigen Aggressionen. Das bringt vor allem zweierlei mit sich. Erstens: Außenstehende musste – vor allem damals Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger – diese Art von Arbeit an sich selbst „verrückt“ und befremdlich erscheinen. Zweitens: Die Erwachsenen beschäftigten sich enorm intensiv mit sich selbst – und vernachlässigten aus Sicht der konservativen Medien ihre Kinder, eine Standardkritik. Mit der Selbstsuche ihrer Mutter schien Lili in Berlin zwar noch keine Schwierigkeiten zu haben; in Bayern dagegen, wo sie und ihr Bruder neue Freunde unter den Dorfkindern finden müssen, wird das zum Problem. Um dieses Problem geht es in diesem Film, der aber auch fast dokumentarisch das Leben in der Kommune nachzeichnet. Mit allen typischen Sprüchen und Konflikten, über die man heute schon wieder schmunzelt – weil wir heute schon etwas weiter sind, dank Experimenten wie diese Bhagwan-Kommunen.


Hauptdarstellerin Amber Bongard mit der, deren Geschichte sie spielt:
Drehbuchautorin Ursula Gruber © Majestic Filmverleih

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Drehbuchautorin Ursula Gruber, heute 40, und ihr Bruder Georg, der die Produktion betreute, sind in einer Bhagwan-Kommune südlich von München aufgewachsen. In einem Bericht im Yoga Journal 5/2010 über die Dreharbeiten berschreibt sie bereits, dass es ihr nicht gelungen sei, Anschluss an die Dorfjugend zu finden, die ihrerseits vom Anderssein der Bhagwan-Kinder eingeschüchtert waren. „Die Erwachsenen waren sich selbst genug und galten gerne als Minderheit.“ Die Kinder dagegen mussten allein dadurch am Dorfleben teilnehmen, dass sie in die Schule gingen. Und natürlich will – im Film – Lili auch beim Dorffest mitmachen. Aber das können nur die, die in einem Verein sind. Die Kinder klappern also Burschenverein, Kirchenchor, Trachten- und Schützenverein ab. Ohne Erfolg. Im Schützenverein weist sie der erzkonservative Bürgermeister höchstpersönlich ab: „I werd eich Oktivist'n doch net no dös Schiaß'n beibringa!“ Schließlich kommen die beiden Kinder in der „Musi“ unter, einer Blaskapelle. Max, der Sohn des Bürgermeisters und langsam entstehende, zarte Kinderliebe von Lili, besorgt ihr sogar ein Dirndl, weil sie in Orange nicht recht ins Bild passt.

Ins Bild passt auf der anderen Seite auch für viele Sannyasins nicht, dass Sannyasin Leela eine Liebesbeziehung mit dem Postboten Rudi aus dem Dorf beginnt. Ihre schwäbische Mitkommunardin fragt in die Runde: „Geht des überhaupt? Des isch doch de energetische Subergau!“ Leela schaltet sich in die Diskussion ein: „Leute, Liebe gibt man nicht, Liebe nimmt man nicht. Liebe ist einfach“, und äußert das Unerhörte: „Ihr seid ja schon spießiger als die im Dorf hier.“ Ihr Lover leidet vor Eifersucht. Und er bleibt bei den Experimenten mit freier Liebe nicht das einzige Opfer von Liebeskummer im Film, als einer der großen spirituellen Lehrer unter Bhagwan zu Besuch kommt. Zwischen spiritueller Energie und Lust auf Sex präzise zu unterscheiden, damit war man damals noch etwas überfordert. Als der Vize-Guru mit Lilis Mutter nach Oregon will, um Bhagwans neues Ashram aufzubauen – aber ohne Lili, die soll mit ihrem Bruder ins Internat nach England – da wird der Konflikt des Mädchens zur Verzweiflung. Sie sucht Obdach bei der patenten Frau des Bürgermeisters und weiß zwischendurch überhaupt nicht mehr, wo sie eigentlich hingehört.

Der Film endet gut, wenn auch verträumt-visionär. Er spielt ein bisschen mit Klischees, aber so dass es Spaß macht. Hin und wieder fühlt man sich aufgefordert, an die eigene Yogi-Nase zu fassen und sich zu fragen, ob einem bestimmte fernöstlich-philosophische Konzepte im Leben immer so verlässlich weiterhelfen wie man es gerne behauptet (Die Antwort kann sich ja jeder selbst geben). Und der Film hat eine schöne Botschaft: Marcus H. Rosenmüller bezeichnet seinen Film als „Culture Clash-Kommödie“. Bei diesem Zusammenprall der Kulturen lassen beide Seite Federn und integrieren sich zu einer neuen, gemeinsamen – ja: Heimat im Herzen, die man als zeitgemäß bezeichnen kann. Der geisteskulturelle Horizont erweitert sich erheblich, trotdem bleiben der gesunde Menschenverstand, der Humor und die Liebe zentrale Grundwerte. Deshalb entlässt einen der Film auch mit einem schönen, optimistischen Gefühl.

tis

 

Trailer zum Film „Sommer in Orange“

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