Buchtipp: Herz-Yoga von Mark Whitwell

Mit dem Frühling kommt auch der Yogalehrer Mark Whitwell regelmäßig für Workshops nach Deutschland, dieses Jahr kann man ihn in München und Frankfurt erleben, auf dem Line-Up der Yoga Conference Germany fehlt er dagegen. Dann nutzen wir die Zeit eben für die Lektüre seines Buches „Herz-Yoga“. Ein, verglichen mit der üblichen Yogaliteratur, mehr als ungewöhnliches Buch.

Mit 16 fuhr er den Beatles hinterher nach Rishikesh, Indien. Dabei beeindruckte ihn beides: Yoga und die „große Explosion der Popmusik“, wie er es nennt. Pophelden wie John Lennon und George Harrison, Bob Dylan und Jimi Hendrix öffneten ihm die Augen für die Utopie, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Seine Yogalehrer dagegen waren T. Krishnamacharya, Desikachar, Nithyananda und U.G. Krishnamurti. Zu ihnen ging er dann auch in die Lehre, nachdem er seine Laufbahn als Schullehrer abgebrochen hatte. Er verdiente daraufhin 15 Jahre lang sein Geld mit „Geldberufen“, darunter in der neuseeländischen Computer- und Telefonindustrie und unterrichtete danach in den „After-Work-Classes“ Yoga. Heute lebt der hochgewachsene Mann mit dem langen, weißen Zopf und dem Charaktergesicht in Los Angeles und gehört zu den großen Namen unter den westlichen Yogalehrern.


Mark Whitwell bei der Yoga Conference Germany in Köln 2011. © yogaservice.de

Seine Erscheinung verkörpert immer noch etwas vom alten Hippygeist; er bringt selbst am kältesten Wintertag den Strand und Sonnenuntergang ins Yogastudio, wenn er irgendwann beim Üben während seiner Workshops den Oberkörper freimacht. Auf der Brust baumelt der klassische Hippyschmuck. Trotzdem kann die Bezeichnung Alt-Hippy auch falsche Assoziationen wecken. So tritt er mit einer natürlichen Autorität in der Philosophie und Strenge bei den Anleitungen auf. All diese Eigenschaften flossen auch in sein 2004 erschienenes Buch „Herz-Yoga“ ein. Seit 2010 liegt es auch in deutscher Übersetzung vor.

Mark integriert gerne: Yogis und Musiker, yogische Praxis und gesellschaftliches Engagement mit der Non-Profit-Organisation „Peace Project“ zur Verbreitung von allgemein zugänglichem Yoga. In der Asana-Anleitung integriert er Körpervorder- und Körperrückseite, Oberseite und Unterseite, im Pranayama leitet er häufig die Wechselatmung an – und harmonisiert damit rechte und linke Körperhälfte. Atem und Bewegung greifen in seinem Yoga eng ineinander, wobei der Atem sein „wichtigstes Handwerkszeug“ ist, schreibt er, „der wichtigste Indikator dafür, was in deiner Praxis angemessen ist.“ Beim Meditieren arbeitet er mit geometrischen Bildern, vor allem mit dem Yantra: Die Dreiecke mit der Spitze nach unten symbolisieren das empfangende Weibliche, die mit der Spitze nach oben die Stärke, das aktive Männliche. In dem Punkt, in dem sie sich diese Kräfte treffen und aufheben, ist Yoga. Die Verschmelzung gegensätzlicher Prinzipien – männlich und weiblich, Shiva und Shakti – ist oft Thema.

„Intimität“ nimmt dabei eine zentrale Rolle in seinem Yogaverständnis ein. „Yoga ist Beziehung“, so lautet auch die Überschrift eines Kapitels. Die Praxis stellt eine innige Beziehung zum Lebensfluss her, und die Qualität dieser Beziehung ist Intimität. Begrenzungen durch religiöse Dogmen oder wirtschaftlichen Erfolgsdruck stehen dabei eher im Weg. „Die Vorstellung, alte Wahrheiten durch spezielle, eine besondere Macht besitzende Menschen weiterzugeben, ist falsch", schreibt er. „Nur durch die Hingabe an uns selbst, an unsere eigene Wirklichkeit, fühlen wir die antike Welt, die bis heute das ist, hier und jetzt.“ Daraus folgt auch eine der Hauptbotschaften seiner Mission: Du bist in Ordnung, so wie du bist!

„Die Annahme, dass wir irgendetwas tun müssten, um uns zu verbessern, um zu einem besseren Zustand zu gelangen, ist das Problem in sich, das uns davon abhält, die Tiefgründigkeit unseres Körpers, die Lebendigkeit des Lebensstroms zu genießen, die unser wahrer Zustand und unser Geburtsrecht ist.“ Diese Botschaft ist vielleicht gerade im ehrgeizigen Westen besonders wichtig. Man darf, ja: muss, also die Praxis an sich anpassen – und nicht umgekehrt, sich an den Yoga anzupassen. Es gehe darum, „dein Leben und deine Energie“ anzunehmen, „ein energetischer Genuss – der einzige Grund, Yoga zu betreiben!"

Die zentrale Botschaft ist eigentlich einfach. Damit sie aber wirklich ankommt, bemüht sich Mark um immer wieder neue Formulierungen und Gedankenchoreographien, die durch dieses Buch strömen und mäandern. Er hat dabei spürbare Freude an Sprache. Der Aufbau ist entsprechend: Nach sechs Kapiteln, die alle irgendwie „Geleitwort“, „Einführung“ oder „Vorwort“ sind und teils von ihm selbst, teils von befreundeten Autoren verfasst wurden – Mark integriert ja gerne! – kommen im zweiten Teil zwölf „Vorträge“. Und ein Vortrag kann dann auch schon einmal mit dem Hinweis auf Wiederholung anfangen: „Noch einmal... Wir sind okay, so, wie wir sind!“ Die Kapitel werden durch Gedichte, Mantren oder Songtexte ergänzt, für Auflockerung sorgen Zeichnungen von Mandalas, Yantras, indischen Heiligen und Fotos, darunter auch mehrere von seiner Mutter. 

Auf die zwölf Vorträge folgt ein kurzer Praxisteil mit Beispielen für Körperübungen (Asanas), eine Einführung in Pranayama („bewusstes Atmen“) sowie in das Prinzip des Brahmacharya, das oft als Enthaltsamkeit und Zölibat missverstanden wird. Für Mark Whitwell ist es dagegen die Kunst, „Lebensenergie – 'Gottesenergie' – sich in unserem Leben bewegen zu lassen. In der sexuellen Intimität geht es darum, keine Energie aus dem System zu verschütten, sondern das Prana (Lebensenergie, Anm. d. Red) in der Brahmarandra (Öffnung zum Absoluten am oberen Ende des Wirbelkanals, Anm. d. Red) zu behalten.“ Leider fehlt ein Glossar, in dem man Fachbegriffe nachschlagen kann.


Mark Whitwell auf der Yoga Conference Germany, 2011 © yogaservice.de

Fazit: Das Buch ist ein Muss für jeden leidenschaftlich übenden und aufgeklärt denkenden Yogaübenden. Es ist allerdings weder ein Nachschlagewerk, noch muss man es artig von vorne bis hinten durchlesen. Besser ist es, man schlägt es auf und lässt sich vom Geist des Buches anatmen, pickt einen Gedanken auf, liest eine Passage oder seine Meinung zu „Yoga und Religion“, „Tantra, Mantra und Yantra" und „Die heiligen Texte“ oder wird neugierig, was wohl im Kapitel „Yoga vom Haken genommen“ steht. Die Rolle dieses Buches ist, zu inspirieren. Es macht Mut, im 21. Jahrhundert seinen eigenen Yoga zu suchen und zu finden. Befreit von der Vorstellung, dass es dazu festgelegte, allgemeingültige Wahrheiten und religiöse Autoritäten braucht.

tis

 

Preis: 
€24.95
Ausführung: 
Broschiert
Verlag: 
ViaNova Verlag
ISBN/ASIN: 
978-3866161764

Zum Thema

Mark Whitwell ist am 5. und 6. Mai 2012 im Balance Yoga in Frankfurt und am 18. Mai bei Jivamukti Schabing.

Zur Internetseite von Mark Whitwell und seinen Projekten

Beitrag über die Yoga Conference Germany, 2011 auf yogaservice.de

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