Standardwerk: Desikachar erläutert Yogasutra

Es gibt Yoga-Bücher, die zeitlos gültig sind und die jeder Yogalehrer im Schrank stehen hat – oder haben sollte. Sie verdienen neben neuen Büchern unsere Aufmerksamkeit. Zu dieser Reihe zählt yogaservice.de auch die philosophische Basis aller Yogis, das Yogasutra von Patanjali, in der Ausgabe von T.K.V. Desikachar: „Über Freiheit und Meditation“.

Der zentrale Text der Yoga-Philosophie ist bis heute das rund 2000 Jahre alte Yogasutra des indischen Weisen Patanjali. Der fasste sein Wissen in 195 Aphorismen, ebenfalls Sutren genannt, so dicht zusammen, dass es auf drei Schreibmaschinenseiten passt. Ihre Kürze machte die Sutren allerdings auch kryptisch, so dass sie ohne Erklärung keiner versteht. Die Sutren sind wie Stichworte für einen Vortrag, dessen ganzen Inhalt nur der Redner kennt. Die rund 20 Sutra-Ausgaben, die es derzeit auf dem deutschsprachigen Markt gibt, sind deshalb alle deutlich dicker als drei Blätter zwischen zwei Buchdeckeln. Desikachars Kommentar umfasst 188 Seiten. 

Zum Trost sei gesagt: Auch der südindische Yogameister T.K.V. Desikachar arbeitete das Sutra seinerseits mit seinem Vater, dem großen Gelehrten T. Krishnamacharya, acht Mal durch und übte viele Jahre intensiv Yoga, bis er das Sutra so klar und verständlich erklären konnte. Er übersetzte die 195 Sutren ins Englische. Die englischen Vorlagen wurden wiederum für uns deutsche Leser bearbeitet und von den Herausgebern und erfahrenen Desikachar-Schülern Martin Soder und Imogen Dalman mit Erläuterungen ergänzt. Die Sutren gaben und geben bis heute manche Lehrer nur mündlich weiter. Die Schüler rezitieren sie wie Mantren. Die richtige Betonung und Melodie vermittelt eine beiliegende CD, auf der Imogen Dalman alle Sutren rezitiert.

Die Kommentare von Desikachar und von den Herausgebern bieten dem Leser eine Art Geländer, an dem er sich durch diesen tiefen Text hangeln kann. Sie beruhigen den Intellekt, damit sich unser Geist ungestört auf ein Sutra richten kann, bis er dessen ganzen Sinn erfasst. Patanjali ermutigt uns selbst dazu: „Alles kann verstanden werden.“ (Sutra 3.33). Er meint dabei kein intellektuelles, logisches Verstehen. Meditation erschließt Geheimnisse ganz anderer Art: „Meditation auf die

Kraft eines Elefanten kann in uns eine Kraft dieser Art entstehen lassen.“ (3.24)

Natürlich sei dieses Sutra nicht wörtlich zu verstehen, betont Desikachar. Wir eignen uns durch die beharrliche Ausrichtung unseres Geistes auf einen Gegenstand eine „Kraft (an), die zwar den Grenzen der menschlichen Möglichkeiten entspricht, aber dennoch von außergewöhnlicher Qualität ist“, so der Kommentar. Das gilt also auch für den Versuch, die Sutren auf Sanskrit zu verstehen, auch wenn wir diese Sprache gar nicht sprechen.

Patanjalis Yoga Sutra besteht aus vier Kapiteln. Besonders viel gelesen wird das zweite Kapitel, worin Patanjali die Prinzipien erklärt, die jeder berücksichtigen muss, der sich von Avidya, dem „falschen Verstehen“, lösen will und durch Klarheit zu innerem Frieden finden will. Er schreibt dafür den Yogaweg vor, den achtgliedrigen „Ashtanga“ („ashtau angani“, 2.29). Die Reihenfolge überlässt Patanjali jedem selbst. Desikachar erläutert, dass die „individuellen Neigungen und Fähigkeiten eines Menschen darüber entscheiden, welche Schritte zu welcher Zeit zu seiner Entwicklung das Beste beitragen können.“ Auch die Verhaltensregeln uns selbst

und unserer Umwelt gegenüber, die erst genannten beiden Glieder Yama und Niyama, können Schüler erst nach und nach anwenden. „Versuchen wir einfach so von heute auf morgen entsprechend der Yama zu leben, so wird uns das nicht gelingen“, erklärt Desikachar. „Immer wieder werden wir Ausnahmen für irgendwelche Ausnahmen finden.“

Die einzigen beiden Glieder, die wir „machen“ können, sind Nummer drei und vier: die richtige Haltung, Asana, und richtige Atmung, Pranayama, üben. Glied Nummer fünf stellt sich als Übungseffekt wie eine Gnade ein: „Pratyahara geschieht, wenn der Geist in der Lage ist, seine gewählte Richtung beizubehalten“ (2.54). Kapitel drei beginnt mit den drei höheren Gliedern des Ashtanga: „Dharana“ ist die Fähigkeit, unter vielen möglichen Objekten ein bestimmtes zu wählen und „nur auf dieses eine“ unseren Geist zu lenken. Das siebte Glied nennt Patanjali „Dhyana“, Desikachar beschreibt es als „ununterbrochenen Fluss der Geistesaktivitäten, ausgerichtet auf dieses eine Objekt“. Dann sind die Voraussetzung für Samadhi günstig, der Verschmelzung mit dem Objekt. 

Unscheinbar, aber wesentlich an Desikachars Deutung ist das Wörtchen "lenken": Yoga zügelt weder den Geist noch schneidet er ihn ab. Das gilt auch für Patanjalis berühmte Yoga-Definition: „yogah citta vritti nirodhah“ (1.2.). Laut Desikachar beruhigen sich die Bewegungen des Geistes durch Strömenlassen. Allerdings muss sich dieser Strom der Aufmerksamkeit auf ein Objekt lenken lassen – was voraussetzt, dass der Schüler für Ab-Lenkung nicht mehr anfällig ist. Dann lenkt er sich selbst. Yoga ist „die Fähigkeit, sich ... auszurichten... und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen“, so Desikachars Übersetzung. In anderen Worten: Inneren Frieden finden die Selbst-Lenker. Gerade vor dieser Verantwortung haben viele Menschen Angst. Desikachars Kommentar ermutigt sie, trotzdem diesen Weg zu gehen.

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Preis: 
€23.00
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Vianova
ISBN/ASIN: 
978-3928632300