Was bisher geschah: Die letzten 5000 Jahre Yoga

Jeder kennt die Plaudereien belesener Yogis, bei denen Namen großer Meister fallen, in denen es um die historischen Ursprünge von Yoga geht oder um die wichtigen Entwicklungsstufen der Yogaphilosophie. Der "Stammbaum des Yoga" von Mathias Tietke stattet alle, die in solchen Situationen mitreden wollen, mit dem nötigen Hintergrundwissen aus.

Yoga gibt es, diesem Buch zufolge, schon seit 5000 Jahren. Natürlich hat sich in dieser Zeit vieles geändert, auch das Verständnis und die Übungsformen des Yoga. Vor allem aber tauchte das Wort „Yoga“ erst im achten Jahrhundert auf, in den frühesten, bekannten Texten zu diesem Thema. Demnach wäre Yoga keine 3000 Jahre alt. Diese Frage teilt die Fachwelt in zwei Lager. Mathias Tietke gehört zu jenen, die stumme archäologische Funde von Figuren und Tafeln als Beweis für eine viel ältere Yogatradition sehr ernstnehmen. Deshalb widmet der Autor den Wurzeln des „Stammbaumes“ besonders viel Akuratesse und Aufmerksamkeit. Trotzdem beginnt er seine Darstellungen der Yogatradition oben, in der weitverzweigten Krone des Stammbaumes.

Die ersten Kapitel stellen einen Überblick über all das her, was man heute so unter „Yoga“ versteht und als solchen angeboten bekommt. Tietke kann hierbei sowohl auf seine Erfahrung als Verfasser zahlloser Artikel und Interviews für Yoga-Fachzeitschriften und Bücher als auch als Yogalehrer (BDY) zurückgreifen. Vor diesem Hintergrund scannt er die schöne, neue Yogawelt der Wellnessstudios, Yoga in der Werbung und den Medien, den Yoga als moderne Therapieform oder seine Bezüge zum zeitgenössischen Tanz. Außerdem beschreibt er seine Erfahrungen beim Yogaunterricht in den schlichten Schulen und Ashrams in Indien. Dabei räumt er mit manchen Mythen auf.

Bei der Beschreibung der Yogakultur rückt der Autor die Menschen in  den Vordergrund. So porträtiert er nach dem Rundblick über die heutige Yogaszene dreißig bekannte Persönlichkeiten, die den Yoga im zwanzigsten Jahrhundert geprägt haben, darunter auch umstrittene Leute wie Amrit Desai, Mircea Eliade oder Swami Rama. Die stehen neben so faszinierenden Geistern wie T. Krishnamacharya und dessen berühmten Schülern oder Swami Sivananda, Yogi Bhajan und Sri Aurobindo, um nur einige zu nennen.

Hatha-Yoga, der Weg der körperlichen Anstrengung, entstand im Mittelalter, unter dem Einfluss des weltbejahenden Tantra. Und natürlich stellt dafür Tietke ebenfalls legendäre Yogis wie Goraksha, Matsyendra oder Svatmarama vor, den Verfasser der Hatha-Yoga-Pradipika. Der Autor fasst die wesentlichen Punkte dieses Grundlagenwerks zusammen, das die ersten Übungen beschreibt – im Gegensatz zu Patanjali, der rund 1500 Jahre vorher die philosophischen Grundlagen legte. Das wenige, das man über diesen Gelehrten heute weiß und die wichtigen Aspeke seines Werkes Yoga Sutra bilden den „Stamm“ des Yogabaumes, der schließlich in den Upanishaden fusst. Das sind Texte mit ursprünglich exklusivem Yogawissen, das im engsten Zirkel zwischen Lehrer und Schülern gehütet wurde. Hier fiel das Wort „Yoga“ zum ersten Mal die Verbindung von Selbst und dem Absoluten umschreibt. Bis dahin benutzten nur Bauern dieses Wort, denn es bedeutet eigentlich Joch.

Wie eingangs erwähnt, hört für Tietke der „Stammbaum des Yoga“ – im Unterschied zu Autoren wie Eckhart Wolz-Gottwald beispielsweise – nicht bei den Upanishaden nicht auf; er geht noch buchstäblich tiefer unters Erdreich zu den Wurzeln bei einfachen Darstellungen meditierender Figuren. Der Leser erhält einen Überblick zum aktuellen Stand der Archäologie. Die wissenschaftlichen Projekte sind allesamt seriöser, akademischer Natur, ihre Funde spiegeln eine Hochkultur im Industal in heutigen Indien und Pakistan wieder. Da sie keine Schriften hinterlassen hat, ist über sie wenig bekannt. Trotzdem sind die Hinweise auf eine 5000-jährige Geschichte des Yoga sind nicht von der Hand zu weisen – auch wenn dies für die eigene Praxis nicht entscheidend ist, wann und wo genau die Menschen Yoga erfanden. Das Wissen hilft jedoch, sich aus der Enge seines möglicherweise eingeschränkten Yogaverständnisses zu befreien und sich mit Menschen verbunden zu fühlen, die schon zu ganz anderen Zeiten auf vergleichbare Art nach dem gleichen inneren Frieden suchten.

 

Zum Thema:

Yogaservice nominierte den „Stammbaum“ für den Big Yoga Read des Online-Händlers yogamatters, neben zwei Standartwerken:

 „Licht auf Yoga“ von B.K.S. Iyengar

Yoga Sutra, erläutert von T.K.V. Desikachar unter dem Titel: „Über Freiheit und Meditation“

 

Preis: 
€29.95
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Theseus
ISBN/ASIN: 
978-3896201997