Dunkle Seite der Macht: Yoga im Nationalsozialismus

Yoga kennt man in Deutschland seit über 150 Jahren, in den Dreißigerjahren kann man sogar einen ersten Boom feststellen. Das ganze Spektrum der Konzepte und Praxisformen jener Zeit beschreibt Mathias Tietke in seinem Buch „Yoga im Nationalsozialismus“ – und warnt dabei die Leser vor einem Yogaverständnis, das sich auch heute vor moralischer Verantwortung drückt. Hier unser Lektüreerlebnis.

Es gibt Behauptungen, die man gerne glaubt, weil sie so schön klingen. Und weil sie alle ständig wiederholen. Dazu gehört, dass Yoga von den Nazis unterdrückt wurde. Und dass Yoga in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Mode kam; so ungefähr ab 1967, als sich der Berufsverband der Deutschen Yogalehrenden (BDY) gründete. Gern erinnert man sich an die Hippies, die Yoga aus Indien mitbrachten. Sie waren wiederum den Beatles, Donavan und Mia Farrow gefolgt, die 1968 bei Maharishi Mahesh Yogi in Rishikesh meditieren lernten. Das ist der Mythos. Yoga steht bis heute im Licht der friedliebenden Flower-Power-Bewegung, obwohl amerikanische Yogaschulen wie Power-Yoga, Vinyasa-Flow, Jivamukti oder Anusara alles tun, um Yoga vom Image der Räucherstäbchen und Batique-Tücher zu befreien. Das Friedliebende aber blieb. Mit dem Prinzip des Gewaltverzichts – Ahimsa in Patanjalis Yogaphilosophie – bietet Yoga nach verbreitetem Verständnis einen Rahmen, einen rücksichtsvollen Umgang mit sich und den anderen Lebewesen zu üben – eigentlich.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte steht in dem Buch „Yoga im Nationalsozialismus (Konzepte, Kontraste, Konsequenzen) von Mathias Tietke, Filmkritiker, Autor mehrerer Yogabücher, Indienkenner und Absolvent einer BDY-Yogalehrer-Ausbildung. In der Yogaszene gilt er als streitbarer Zeitgenosse. Er äußert seine Meinung über Trends, Yogameister und Bücher mitunter so offen, dass ihm ein Verlag sogar schon das Angebot machte, ein Buch mit dem Titel „Der Yogahasser“ zu schreiben. Doch das ist ein Missverständnis, er lehnte dankend ab: Der in der Lutherstadt Wittenberg geborene Autor liebt Yoga, übt regelmäßig und kämpft offenbar gerade deshalb gegen jeden verschlafenen, kitschigen oder gutgläubigen Umgang mit Ideologien, überholten Konzepten und fadenscheinigen Gurus. Sicherlich trugen seine Erfahrungen mit dem DDR-Regime ihren Teil zu dieser Mission bei.

Die in der Yogaszene verbreitete Behauptung, die Nazis hätten Yoga unterbunden und ihre Vertreter verfolgt, entstand nicht zuletzt dadurch, dass sich bisher mit diesem Thema niemand richtig Mühe gab. Mathias Tietke dagegen sichtete weit über ein Jahr lang jeden Propekt, jedes Buch, Zeitungen, Zettel und Zettelchen, die mehr Licht in dieses Thema bringen, studierte Anzeigen, Lektürelisten (Heinrich Himmler führte eine Liste mit Kommentaren zu allem, was er las), besuchte Orte ehemaliger Yogaschulen und sprach mit Zeitzeugen. So kam eine imposante Menge an unbeachteten Zeugnissen zusammen, die er dem Leser mit spürbarem Entdeckerstolz kredenzt. Das macht dieses gut 200 Seiten starke Buch zu einer besitzenswerten Sammlung, die aufschlussreiche Schlaglichter sowohl auf die damalige wie heutige Yogaszene als auch auf die gut 200 Jahre alte deutsche Tradition der Yogarezeption wirft. Denn es geht in diesem Buch bei weitem nicht nur um das Yoga der Nazis.

„Was sich in den zwanziger und dreißiger Jahren hinsichtlich Yoga in Deutschland feststellen und nachweisen lässt, sind zum einen Vorführungen und zum anderen regelmäßige Kurse sowie Workshops", schreibt Mathias Tietke. „Mit der Yogapraxis ist im Falle der genannten Kurse jeweils der geistige Yoga im Sinne von Autosuggestion, Affirmation, Selbsthypnose und bewusste sowie gesunde Lebensführung gemeint, also keine Asana, Pranayama- und Meditationspraxiis, was wir heute im Westen überwiegend unter Yoga subsummieren. ... Bei den Yoga-Vorführungen der Inder dagegen, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Deutschland stattfanden, handelte es sich um Übungen aus dem Hatha-Yoga, der sich durch Körperhaltungen, Atemtechniken, Reinigungsübungen und Meditation auszeichnet.“ Gemeint sind indische Yogis, die in Hagenbecks Völkerschau oder im Zirkus auftraten oder in Zeitungsartikeln Übungen vorführen. Gleichzeitig darf Berlin für sich in Anspruch nehmen, die erste deutsche, wenn nicht sogar europäische Yogaschule modernen Zuschnitts beheimatet zu haben: Der Russe Boris Sacharow unterrichtete an der Spree schon ab 1926 Asanas, Pranayama, Meditation und Philosophie, 1937 eröffnete er in Schöneberg sein „Yogazentrum.“ Unter seinen Schülern war auch der Psychiater Johannes Heinrich Schultz, der danach das autogene Training „erfand“ und die Sekretärin des Komponisten Siegfried Wagner. Hier liegt der Grund, warum Sacharow später in die Nähe des Wagner-Clans nach Bayreuth zog.

Indien und Yoga boten schon während des 19. Jahrhunderts eine dankbare Projektsfläche für romantische Vorstellungen von einem exotischen Paradies, bevölkert von sanften, weisen Menschen, die im Besitz eines tiefen, geheimnisvollen Wissens sind. Deutsche Dichter, Gelehrte und Philosophen nährten dieses Bild weniger aus eigener Erfahrung, sondern auf der Grundlage fremder Reiseberichte und der „heiligen“ Schriften – bis hin zu Hermann Hesse (1877 bis 1962), der Siddharta und Aus Indien schrieb, ohne Indien je gesehen zu haben (obgleich er immerhin bis Ceylon und Indonesion kam). Die erste Übersetzung der Bhagavad Gita in Europa erschien 1785, und habe wie ein „Paukenschlag“ gewirkt, heißt es. Die akademische Elite kannte auch bald die Upanishaden. Sie finden spätestens mit Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) explizit Eingang in die Philosophie. Dessen Gedanken entwickelte Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) – ebenfalls mit explizitem Bezug auf die Veden – weiter.

Hermann Hesse kannte Yoga vor allem durch die Theosophen, die maßgeblich zur Verbreitung von Yoga in Deutschland beitrugen. Die lehnten körperlichen Hatha-Yoga alledings als „unreine“ Form ab. Bei anderen Experten dieser Zeit wie dem wichtigsten Indologen der Nazis, Wilhelm Jakob Hauer oder den Vordenkern der deutschen Neugeistbewegung erhält das Konzept der „Reinheit“ auch eine rassistische Wendung: Als „rein“ gilt nur der geistige Yoga, der von „Ariern“ ausgeführt wird. Juden sollten nach deren Auffassung davon ferngehalten werden.

Mathias Tietke zeigt auch den roten Faden des „geistigen Yoga“, der sich vom Yogaverständnis des Philosophen Friedrich W. J. Schelling (1775 bis 1854) bis zum SS-Führer Heinrich Himmler auf der Grundlage der Bhagavad Gita spannt. Die Argumentation geht so: Die menschliche Existenz ist einem Dilemma ausgesetzt. Wer handelt, bindet sich an weltliche Dinge. Er hängt am Erfolg seiner Taten. Nur der Nichthandelnde ist wirklich frei – was die Lebenspraxis aber nicht zulässt. Die Bhagavad Gita weise hier einen Ausweg, schreibt Schelling: „Der Mensch befreit sich von diesem Widerspruch, wenn er zwar handelt, aber als ob er nicht handelt, nämlich ohne seiner Handlungen sich anzunehmen, und mit der vollkommenen Ruhe über den Erfolg...“ Die Bhagavad Gita zeigt dies am Beispiel des Kriegers Arjuna, der erst Skrupel zu Töten hat, sich aber nach Empfang der Yogainstruktionen durch seinen Lehrer wild in die Schlacht stürzt. Er ist ja von dem, der da tötet, losgelöst – muss sich also auch moralisch nicht rechtfertigen. Schließlich folgt er nur seiner Pflicht als Krieger. Das gefiel auch Heinrich Himmler, der die Gita viel bei sich trug. Tietke weist nach, dass der SS-Führer Gedanken daraus für seine Reden aufgriff, die er noch kurz vor Kriegsende vor seinen Offizieren hielt. 

Himmler gefiel auch die Vorstellung, dass laut seines Indologen Wilhelm Hauer Yoga eine Erfindung des indische Kriegervolks der „Arier“ sei. Diese Rolle der Arier gilt unter Wissenschaftlern heute allerdings als Spekulation – auch wenn es noch angesehene Experten wie David Frawley und Georg Feuerstein gibt, die an dieser Ansicht festhalten, wie Tietke kritisch bemerkt. Feuerstein habe auf der Grundlage der Bhagavad Gita 2003 sogar den zweiten Golfkrieg gerechtfertigt. Der Text diente auch als Grundlage für die Behauptung, der Holocaust sei das „Kharma der Juden“ gewesen. Diesen Satz hörte Tietke in seiner Yogalehrer-Ausbildung mit eigenen Ohren. Für ihn sind das keine Missdeutungen der Gita, sondern höchst problematische Aspekte dieses Textes selbst. Der erteile moralisch inakzeptablen Taten eine Absolution. Deshalb vertritt Tietke die Ansicht, der Text werde hierzulande zu Unrecht als „heilig“ und zeitlos angesehen.

Insofern ist „Yoga im Nationalsozialismus“ auch ein leidenschaftliches und begrüßenswertes Plädoyer für einen ernsthaften Yoga, der die Auseinandersetzung mit Schatten nicht scheut. Dazu gehört, historische Lehren, geistige Fehlentwicklungen und Oberflächlichkeit zu hinterfragen, denn letztere wird mit Realitätsverlust und dessen fatalen Wirkungen bezahlt. Für den Yogapraktizierenden des 21. Jahrhundert folgt daraus auch der Balanceakt, die nötige Form der Hingabe zu finden, ohne dabei den kritischen Verstand abzulegen und Streitgespräche kategorisch abzulehnen.

tis

Artikelfoto: Der indische Yogi Vithaldas zeigt 1937 in einem zweiseitigen Artikel der „Berliner Illustrierte Zeitung“ Yogaübungen. © Archiv

Preis: 
€24.90
Ausführung: 
Broschiert
Verlag: 
Ludwig
ISBN/ASIN: 
978-3869350134

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