Aus der Lücke zwischen den Gedanken

Als der moderne Mensch zwischen Körper und Geist unterschied, hatte er ein neues Problem: Was verbindet die beiden? Und könnte das Verbindende nicht eine entscheidende Rolle dabei spielen, Krankheiten zu heilen? Yogalehrerin Imke Wangerin sucht für yogaservice nach dem verbindenden Element bei den alten Rishis, der modernen Quantenphysik und dem Brückenbauer Deepak Chopra.

Was hält Leib und Seele zusammen? Wie wird das Immaterielle materiell? Wie erzeugt zum Beispiel ein Gedanke eine (materielle) Ausschüttung verschiedener Peptide, die wiederum unseren Zellen übermitteln, dass wir glücklich sind? Der Arzt und Philosoph Deepak Chopra bietet ein interessantes Erklärungsmodell für diese in Wissenschaft, Esoterik und Religion immer wieder aufkeimenden Fragen. Könnten wir Kranke nicht viel besser heilen, wenn wir das, was Leib und Seele zusammenhält, direkt kurieren? Um es gleich vorweg zu nehmen: Chopra behauptet, ja, wir können das. Und das ist: „unterhalb“ des Machens zu kommen. Aber der Reihe nach.

Deepak Chopra, 1946 in Neu Delhi geboren, ist Sohn eines berühmten Kardiologen und arbeitete in den USA zunächst als erfolgreicher Endokrinologe und Internist. Doch dann merkte er, dass die Schulmedizin ihm kein ausreichendes Verständnis von Gesundheit und Krankheit verschaffte. So machte er sich in seiner Heimat Indien auf die Suche nach einer Antwort. Die Erkenntnisse, die aus der Verschmelzung seines westlichen und seines indischen Wissens hervorgegangen sind, flossen seither in über 45 Bücher, preisgekrönte Vorträge und ein kalifornisches Heilungszentrum, in dem er neben Ayurveda-, Yoga- und Meditationsausbildungen anbietet. Er gilt heute als einer der prominentesten Brückenbauer zwischen östlichem und westlichem Denken. Wissenschaft und fernöstliche Philosophie schließen sich bei ihm nicht aus, sie ergänzen sich.

 

Der Brite Richard Dawkins, einer der weltweit prominentesten Wissenschaftstheoretiker und Skeptiker
fragt Deepak Chopra nach seinem Verständnis von Quantenphysik.  ©
Soushinsei 

Häufiger Ausgangspunkt seiner medizinischen Forschungen, Erkenntnisse und Behandlungen sind Menschen mit so genannten unheilbaren Krankheiten (Krebse, Tumore, HIV), deren Krankheitsverlauf ganz anders verlief als vom Arzt vorausgesagt. Sie wurden zum Beispiel vollständig gesund. „Wunder“ nennt Chopra das aber keineswegs. In einem seiner frühen Bücher, dem leider schon vergriffenen Titel „Die heilende Kraft“, erklärt er, wie der Körpergeist auf einer Ebene, die „tiefer“ als das Materielle liegt, kommuniziert und dadurch sogenannte Spontanheilungen möglich macht.

Während ein Mensch beispielsweise denkt: „Ich bin glücklich“, wissen das – salopp ausgedrückt – fünfzig Trillionen Körperzellen und freuen sich mit. Und zwar im selben Moment. Neuropeptide, die die Schulmedizin für die Kommunikation zwischen Körper und Geist als feinsten materiellen Ausdruck von Intelligenz betrachtet, sind trotz all ihrer Kommunikationskünste nicht schnell genug, um diese Informationsleitung zu erbringen. Denn eines könnten sie ganz sicher nicht, so Chopras Argumentation: Entstehen und im selben Moment schon angekommen sein. Der Kommunikation in unserem Körper muss als eine Struktur der Intelligenz zugrunde liegen, die jederzeit „weiß“, was jedes andere Teil dieser Struktur gerade macht. Und zwar bevor sich Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff und Konsorten sich zu einem bestimmten Peptid verketten.

Es gibt eine andere Wissenschaft, die vor einem ähnlichen Phänomen der steht „Synchronübersetzung“: ein Teilchen, das sich gleichzeitig an zwei verschiedenen Stellen aufhält. Die zwei Stellen kommunizieren aber miteinander. Quantenphysiker haben keine Erklärung für die verrückte Tatsache, dass ein Ding wie das Elektron im Atom gleichzeitig festes Teil und fliegende Welle ist. Chopra wagt die Vermutung, den Phänomenen im Körper und in der Welt der Quanten könnte das gleiche Prinzip zugrunde liegen. Dafür wurde er von Physikern kritisiert, die in seinem Vergleich einen Beitrag zur populärwissenschaftlichen Verwirrung des Begriffs der Quantenmechanik sehen. 1998 erhielt er in Harvard den satirischen Ig-Nobelpreis für Physik (ig für ignobel, unwürdig). Die Quantenmechanik auf das Verhältnis von Körper und Geist anzuwenden, erfreut sich trotzdem großer Beliebtheit. Daraus entstand sogar eine popspirituelle Bewegung rund um den Film Bleep.

Chopaks Beitrag zur Quantenphysik sei dahin gestellt, er nutzt diese Wissenschaft nach eigenen Aussagen als „Metapher“ und wehrt sich gegen wissenschaftlichen „Fundamentalismus“. Gleichwohl verdienen die Bemühungen des Bestseller-Autors um Integration von altem Yogawissen und moderner Medizin Beachtung. Hier sein Ansatz: Was Körper und Geist zusammenhält und uns so oft ihre Synchronizität spüren lässt, ist ein „Intelligenzfeld“. Das Feld ist als „Information“ bereits in den Zellen vorhanden, bevor es zum Beispiel zu Schmerzen oder biologischen Unregelmäßigkeiten kommt. Daraus folgert er, dass eine abnorme Bauchspeicheldrüse beispielsweise nicht so real ist, wie die „Erinnerung“, die sich in den Zellen dieser Drüse eingenistet hat. Diese Erinnerung kann sich unterschiedlich materialisieren. Chopra macht das an einem Beispiel aus seiner Praxis als Arzt anschaulich: Der Junge Timmy hat das, was man in der Psychiatrie eine gespaltene Persönlichkeit nennt. Schlüpft Timmy in eine bestimmte Rolle, bekommt er Nesselsucht, sobald er Orangensaft trinkt. „Kehrt“ er in eine andere Rolle, verschwinden die Bläschen des Ausschlags wieder und Timmy verträgt Orangensaft. Chopra folgert daraus, dass die Immunzellen je nach innerer „Haltung“ entscheiden, ob sie gegen die Orangensaftmoleküle vorgehen oder nicht. Je nach dem, in welcher Rolle Timmy sich geistig gerade befindet.

In der Quantenphysik geschieht das Rätselhafte in der Leere zwischen Elektron und Atomkern. Chopra spannt hier den Bogen von den Rishis, den „Erfinders“ des Yoga zur Quantenphysik. Beide sind auf der Suche nach der allem zugrunde liegenden Einheit der Natur. Während die Quantenphysiker mit dem Verstand vorgehen, erforschten die Rishis diese Einheit praktisch, ihre Ergebnisse sind Erfahrungswerte. Sie fanden die Einheit im gegenstandslosen Bewusstsein. In den Upanishaden wird das als die „Lücke zwischen den Gedanken“ bezeichnet. Diese Stille ist der Ursprung der Intelligenz, sagt Chopra. Mit dieser Stille ist nicht nur Entspannung, sondern mehr noch eine Erweiterung des Geistes gemeint. Hier liegt das Intelligenzfeld, in das der Mensch durch sein gegenstandsloses Bewusstsein eindringen kann.

Um zu dieser Ebene der Heilung vorzudringen, setzt Chopra – neben anderen Verfahren – die Meditation der Rishis ein. In der Meditation hören die Gedanken auf, das Nervensystem kann sich danach neu strukturieren. Der Körper erhält so aus seinem eigenen Intelligenzfeld ein Signal, das auf der materiellen Ebene zum Beispiel die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Hormonwerte verändert. Dafür muss man tief genug in die Stille finden; dahin, wo die Vorstellung vom "Ich", den Gedanken und dem Körper aufhören und sich ein unbegrenzter Raum auftut. Veränderung im Bewusstsein, sagt Chopra, bewirke Veränderungen der Biologie. Seine „Heilerfolge“ bei chronisch Kranken scheinen ihm Recht zu geben. Vielleicht gehen wir bald nur noch in den Warteraum, statt zum Arzt: um zu meditieren.

Imke Wangerin 

Foto: Deepak Chopra © Mitchell Aidelbaum

Zum Thema

Der Chopra Center in Carlsbad, Kalifornien, bietet Wellness auf den Säulen von Meditation, Yoga und Ayurveda.

Deepak Chopra nennt sein Yoga "Seven Spiritual Laws of Yoga" in Anlehnung an seinen Bestseller "Die sieben geistigen Gesetze des Erfolgs". Im Center werden auch Yogalehrer ausgebildet.