Yoga in Hongkong: So war die Asia Yoga Conference

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Manche Metropolen hätten eine besonders kraftvolle Ausstrahlung, sagte kürzlich Ana Forrest. In Europa sei das Berlin, in Asien Hongkong. Dharma Mittra würde New York ergänzen – Orte, die Yoga zur intensiven Erfahrung machen können. Er war einer der 45 Gastlehrer auf der Asia Yoga Conference 2012 in Hongkong. Yogalehrerin Katrin Knauth war für yogaservice.de dabei. Hier ihr Stimmungsbild.

Jedes Mal, wenn ich auf dem Hongkonger Flughafen Chep Lap Kok lande, zieht mich diese fernöstliche Millionenmetropole sofort in ihren Bann. Nach 14 Stunden Flugzeit und sechs Stunden Zeitverschiebung bin ich zwar ziemlich groggy, doch die Lebendigkeit und Energie der Stadt wirken sich sofort positiv auf mich aus. Die Stimmung steigt mit der Aussicht auf ein viertägiges Yoga-Intensivprogramm mitten in meiner Lieblingsstadt Hongkong.

Hongkong und Yoga?  Wie passt das zusammen? Die Gedanken zur Ruhe zu bringen inmitten von Hochhausschluchten, Automief und Hektik? Stille zu finden, wenn draußen Presslufthammer dröhnen? Mäßigung zu üben in einer Stadt, in der fast alles auf Konsum ausgerichtet ist? Es scheint paradox. Doch je lauter die Stadt und je größer die Versuchungen, desto geeigneter sei ein Ort für die Yogapraxis, sagte Sri Dharma Mittra. Der berühmte Yogalehrer weiß, wovon er spricht. Seit 1975 betreibt er sein Dharma Yoga Center mitten in New York. In Hongkong gab der 73-jährige gebürtige Brasilianer dieses Jahr sein tiefes Wissen weiter.


Sri Dharma Mittra stellt sich vor seinem Dharma-Talk auf den Kopf.
© Katrin Knauth

Sri Dharma Mittra war einer von rund 45 Lehrern, die auf der sechsten Asia Yoga Conference in der Hongkong Exhibition und Convention Hall unterrichten. Rund 160 Klassen an vier Tagen (!) standen auf dem Programm. Sie beeinhalteten so ziemlich alles, was Yoga an Vielfalt und Stilen zu bieten hat. Die Klassiker Iyengar und Ashtanga Yoga waren genauso vertreten wie die Exoten Shadow und Universal Yoga. Yoga als Wissenschaft, tantrische Meditation, Yoga-Tanz, Yoga in Verbindung mit Ayurveda, Schamanismus, Qi Gong und Taoismus. Yoga gegen Depressionen, zum Entgiften und als Therapie. Nada-Yoga, Anatomie-Vorträge, Lesungen aus der Bhagavad-Gita und Pranayama-Techniken. Das Programm war so verlockend wie ein köstliches Buffet, von dem man am liebsten alles probieren möchte, aber nicht darf, weil einem sonst übel wird. Es galt also, geschickt auszuwählen.

Der Blick ins Programm zeigt nicht nur die Bandbreite der Materie, sondern auch, dass die meisten Lehrer aus Amerika kommen. Dabei sind Cyndi Lee (OM Yoga), Danny Paradise (Ashtanga), Kali Ray (Triyoga), Roger Cole (Iyengar), Carlos Pomeda (Yoga-Philosophie) und Scott Blossom (Ayurveda, Shadow Yoga) – um nur einige zu nennen. Die asiatischen Lehrer kann man – leider nur – an zwei Händen abzählen. Indien ist immerhin mit drei Lehrern anwesend, darunter R. Sharath Jois, der Enkel von Ashtanga-Gründer Sri K. Patthabi Jois. Yoga in Asien heißt also amerikanisches Yoga mit fernöstlichem Touch.


Auf Theorie folgt Praxis: Scott Blossom demonstriert Shadow Yoga. © Asia Yoga Conference

Wer auf einer Yogakonferenz wie dieser glücklich werden will, sollte frei von Dogmen und offen für alles sein. Was man morgens bei dem einen lernt, wirft der andere am Nachmittag wieder über den Haufen. Konferenzen sind normalerweise ermüdend. Allerdings nicht, wenn man sich von früh bis abends dehnt, meditiert und bewusst atmet. Was für ein herrlicher Nebeneffekt.

Zum morgendlichen Auftakt der Konferenz führte R. Sharath Jois durch die Erste Serie aus dem Ashtanga Yoga. Ganz schön fordernd, zumal mir der Jetlag noch in den Gliedern steckte. Als mir beim fünften Navasana (Boot) die Beine schlackerten, hielt Sharath meine Füße und lächelte. Alles wird gut. Er ist der Enkel von Sri K. Pattabhi Jois, einer fortgeschrittensten Schüler im Ashtanga-Yoga.


R. Sharath Jois führt durch die Primary Series. © Asia Yoga Conference

Roger Coles Anatomie-Klasse über das Vermeiden von Verletzungen war das komplette Gegenstück zu der schnell und etwas rigide praktizierten Ashtanga-Stunde. Roger Cole, der in der Tradition von B.K.S. Iyengar unterrichtet, führte uns ganz sorgfältig in herausfordernde Asanas wie Padmasana (Lotossitz). Aufhänger der Stunde war der in der Yogaszene viel diskutierte Artikel „How Yoga can wreck your body“ in der New York Times. Cole entschärfte dieses Argument mit dem Hinweis, dass die Verletzungsgefahr in der Yogastunde nicht größer sei als bei einem Friseurbesuch, solange man sich nicht in eine Haltung hineinzwinge. Wer in Padmasana seine Beine ohne die Hilfe der Hände kreuzen könne, werde sich wohl kaum die Knie verletzen. Es gelte immer wieder, auf seinen Körper zu hören und diesen vor schwierigen Haltungen entsprechend aufzuwärmen.


Roger Cole erklärt am Skelett Verletzungsgefahren. © Katrin Knauth

„Üben, üben, üben“ lautet das Credo aller Lehrer. Nur dadurch erreichen wir mehr Stärke, Flexibilität und Balance. Danny Paradise kann nach 36-jähriger Yogapraxis ein Lied davon singen, besser gesagt, durch die Asanas fliegen. Für den Paradiesvogel gebe es keine Autorität und keine Meister im Yoga, sagte er. Der einzig wahre Guru sitze ins uns drin und wolle durch die eigene Praxis geweckt werden. Für Danny ging es im Yoga nicht darum, Regeln einzuhalten, sondern um das Erlernen von Techniken, die wir für unsere eigene Praxis nutzen konnten. Diese Techniken können manchmal ganz simpel sein. Wer mehr Energie brauche, solle raus in die Natur gehen und einfach tief atmen. Abgesehen davon brachte Danny Paradise die Würze in die festgelegten Serien des Ashtanga Yogas, vermischte sie spielerisch mit Variationen aus dem ägyptischen Yoga und einer ordentlichen Portion Leichtigkeit und Humor.


Danny Paradies zeigt, wie ägyptisches Yoga geht. ©
Katrin Knauth

Diese Leichtigkeit im Yoga, die ich sie auf der Konferenz wie in Hongkong erlebte, vermisse ich manchmal in den heimischen Yogastudios. Vielleicht liegt es an der Stadt, an dem asiatischen Lebensgefühl und an diesem unglaublich starken Zusammengehörigkeitsgefühl, das hier kultiviert wird.

Dass Yoga Einheit bedeutet, ließ uns auch Cyndi Lee in ihrem Workshop „Mindful Flow“ erleben. Wir nahmen Kontakt zu unseren Nachbarn auf, stellten uns einander vor und flossen dann gemeinsam ganz bewusst durch die Asanas. Cyndi Lee, die gerade ihr renommiertes Studio OM Yoga in New York auflöst, machte uns immer wieder auf kleine, aber feine Details in der Praxis aufmerksam. Was passiert in Ardha Matsyendrasana (Drehsitz), wenn ich meinen großen vorderen Zeh mit dem Daumen in den Boden drücke? Ah, das Brustbein hebt sich. Im Hund richteten wir die Fersen in einer Linie mit den Sitzbeinhöckern aus und in der Brücke (Sethu Bandhasana) stellten wir uns einen Faden am Bauchnabel vor, der uns nach oben zieht. Gleich zehn Mal hintereinander ging es in Urdhva Dhanurasana (Rad). Was vorher noch unvorstellbar gewesen war, war plötzlich möglich. Am besten sei es, sich schwierige Asanas vorher vorzustellen, ehe man sie ausprobiere, leitete uns Cindy an. Tatsächlich, es half.

„Wenn wir es nur erlauben, können wir unseren Geist erweitern. Unser Geist will weiter, aber unsere Erinnerungen halten dagegen“, wusste der gebürtige Spanier Carlos Pomeda, der sich schon lange mit tantrischer Meditation auseinander setzt. Doch gleichzeitig solle man sich, ob der vielen Ablenkungen und Versuchungen, immer wieder sammeln. Am besten funktioniere das mit Meditation. Los geht’s: Man suche sich einen Fokuspunkt, den man mit offenen Augen minutenlang möglichst ohne Blinzeln anschaut. Der Fokus ist nach innen zum Herzen gerichtet. Die Augen bleiben offen. Nach etwa fünf Minuten wurden die Augen geschlossen. Und sofort war es ruhiger im Geist. Ich öffnete die Augen und sah in Carlos einen der ausgeglichensten Menschen, der mir je begegnet ist.


Es muss nicht immer körperlich fordernd sein: Ein Kirtan-Konzert zwischen den Workshops © Katrin Knauth

Ein ruhiger Geist, das wissen wir von Patanjali, ist das oberste Ziel im Yoga. „24 Stunden Aufmerksamkeit“ verordnete uns Carlos Pomeda. Sri Dharma Mittra verschrieb uns dagegen Mitgefühl. Wer mit den anderen mitfühle, halte ganz automatisch die ethischen Grundregeln (Yama) im Yoga ein. Und die seien schließlich das Fundament im Yoga. Kurzum: Yoga kann und sollte man ständig und überall praktizieren. Letztendlich gehe es überhaupt nicht darum, ob man im Handstand frei stehen oder die Beine hinter dem Kopf kreuzen könne. Vielmehr gelte es, eine Balance im Leben zu finden und stetige Achtsamkeit in all unseren Handlungen zu üben.

Auf dem Rückflug nach Berlin machte mich mein chinesischer Sitznachbar auf mein angespanntes Handgelenk aufmerksam. Wollte ich an etwas festhalten? Waren meine Gedanken noch in Hongkong, während mein Körper in Richtung Berlin flog? Er wäre kein echter Chinese, wenn er nicht sofort einen Tipp für mich gehabt hätte. Eine Übung aus dem Qi Gong könne meiner Anspannung Abhilfe verschaffen und das Qi wieder frei fließen lassen. Auf einmal fügte sich alles zusammen. Ich konnte meine Gedanken loslassen, reflektieren und mich in diesem Moment zufrieden in meinen Sitz sinken lassen. Bis zum nächsten Jahr in Hongkong.

Katrin Knauth