Asana-Forschung: Bei Dechen Thurman nachgefragt

Das Repertoire der Asanas entwickelt sich durch die weltweite Verbreitung des Yoga ständig weiter. In der Serie „Asana-Forschung" befragt yogaservice.de Experten nach Verständnis, Funktionsweise und Alter bestimmter Asanas. In dieser Folge spricht Deborah Haaksman mit Yogalehrer und Schauspieler Dechen Thurman.

ys: Meine erste Frage bezieht sich auf das, was du „Epic Yoga" nennst: Während deiner zweistündigen Asanaklasse erzählst du zum Beispiel die Geschichte von Sita und Ram aus dem indischen Epos Ramayana. Einige der auftretenden Charaktere wie Hanuman oder Vashista finden sich in den Asanas wieder, sodass Erzählung und Yoga-Praxis spielerisch ineinandergreifen. Kann man Asana als eine Art Charakter auffassen? Und was passiert, wenn unser Körper einem dieser Charaktere Form verleiht?

Nun, das Nervensystem durchläuft den ganzen Körper. Überall im Körper, wo wir in der Auseinandersetzung mit der physischen Welt etwas spüren, nehmen wir diese zugleich im Geist wahr. Somit ist der Körper Geist, und der Geist ist Körper, richtig? Wenn wir also mit dem Körper die Gestalt eines Tieres annehmen, nimmt auch der Geist diese Gestalt an, zum Beispiel die einer Kobra oder eines Affen, wir werden wie Hanuman, der Affen-Krieger.

Wenn Kinder geboren werden, können sie jede Asana, jede Haltung einnehmen, weil das Nervensystem frei von jeder Form im Sinne von Identität oder Persönlichkeit ist. Die Persönlichkeit ist das, was die Bandbreite der Bewegungen unseres physischen Körpers einzuschränken beginnt. Ein neugeborenes Kind hat von allen Menschen das größte Potential. In Bezug auf sein Karma, sein Handeln, stehen ihm alle Richtungen offen. Die Asana-Praxis hilft, dieses kindliche Potential wiederherzustellen. Indem wir die größtmögliche Vielfalt an Bewegungen mit unserem Körper praktizieren, kreieren wir eine Vielfalt des Bewusstseins.

ys: Hilft uns dieses Gestaltwandeln in der Asana-Praxis, unser Ego aufzulösen?

Ja, das Ego zieht aus Gewohnheit manche Formen anderen vor. Das Ego sagt: „Ich bin toll im Handstand, aber schlecht in Rückbeugen." Das ist es, was die Vorliebe für eine Haltung gegenüber einer anderen ausmacht, und was Abneigung gegen eine Haltung auslöst.

 

ys: In deinem Workshop sagtest du, dass wir in einer Asana unseren Abneigungen begegnen. Kannst du dieses Konzept anhand eines Beispiels erklären?

Ich habe wenig Interesse daran, von Schülern zu verlangen, dass sie in einer unangenehmen Haltung bleiben. Ich möchte sie lieber zu der Erfahrung einladen, wie das  Unbehagen in einer Haltung durch Freude abgelöst werden kann. Unter den fünf Kleshas, den störenden Kräften im Yoga, finden wir Raga und Dvesha, Zuneigung und Abneigung; Abneigung gegen Schmerz und Zuneigung zum Vergnügen. Diese Kleshas heben sich gegenseitig auf, indem man entgegengesetzt handelt. Wenn man also zum Beispiel Vergnügen ablehnt und sich dem Schmerz zuneigt. Das wirkt sadistisch, und masochistisch, und in den Augen eines Außenstehenden quälen sich Leute ohne Grund. In einer Vorbeuge wie Pashimottanasana spüren wir etwas in den Knien, Waden, Gelenken, in den Beinrückseiten und im unteren Rücken, was sich zunächst wie Schmerz anfühlt. Wenn ich diese sitzende Vorbeuge übe, eliminiere ich allerdings den Schmerz, der durch die tägliche Herumlauferei auf hartem Beton in einer Stadt wie New York entsteht; denn diese Übung macht meine Wirbelsäule und Beine resistenter gegen die Belastungen des Laufens. Tatsächlich reduziere ich summa summarum den Schmerz, den meine Beine in diesem Leben aushalten müssen, im Austausch für das, was sich zehn Atemzüge lang wie der härteste Schmerz anfühlt. Das sorgt für einen Wandel im Bewusstsein – weg vom Reflex sofortiger Befriedigung, hin zu einem freien und weiten Geist, der dieses Leben als ein Ganzes begreift.

ys: Pashimottanasana ist also deine Lieblingshaltung?

Nein! Ich hasse sie, ahh!! (lacht laut) Ich liebe sie! Nein, ich genieße es, sie zu hassen, sehr sogar.

ys: Was weißt du über den geschichtlichen Hintergrund von Pashimottanasana? Soweit ich weiß, wird sie schon in der Hatha Yoga Pradipika erwähnt.

Ja, wird sie. Viele Yoga-Asanas sind auch in anderen, konventionellen Übungstechniken enthalten. Die Yogis sind ja nicht die ersten, die die Rückseite ihrer Beine dehnen. Indem man einen Kodex für die Ausrichtung in den Haltungen formuliert, so wie es Iyengar getan hat, beschäftigt man sich besonders mit der exakten Position des Körpers. Ich beschäftige mich allerdings vor allem mit dem Volumen der Lungen. Ich glaube, es besteht ein Zusammenhang zwischen der Verteilung des Atems durch das entsprechende Lungenvolumen und Bewegungsqualität für das Nerven-, Muskel- und Knochensystem. Wenn ich Schüler daran erinnere und dazu ermutige, ihr Lungenvolumen voll zu nutzen, werden sie instinktiv immer mehr in die korrekte physische Ausrichtung finden. Das ist die Herangehensweise, die ich bevorzuge. Der andere Ansatz geht davon aus, dass die Länge des Atems auf die korrekte Ausrichtung der Knochen und Muskeln folgen wird. Keine Methode ist richtig oder falsch; die meisten Arten, Yoga zu üben, bewegen sich irgendwo in der Mitte.

ys: Ist Asana ein Geschenk der Götter?

Alles ist ein Gottesgeschenk, nur wer hat Gott die Gabe geschenkt zu schenken?

ys: Vielen Dank für das Gespräch.

 Deborah Haaksman

 

Artikelfotos: Dechen Thurman, 2009 in Berlin © yogaservice.de


 

Zum Thema

Dechen Thurman ist, wie seine Schwester Uma, Schauspieler,  Advanced Jivamukti Yogalehrer und Certified Ohashiatsu Instructor. Sein Vater Robert Thurman ist ein enger Freund des 14. Dalai Lama. Dechen unterrichtet hauptsächlich in der Jivamukti Yoga School in New York.

Dechen unterrichtet auf dem Berliner Yoga Festival am Samstag, den 3. Juli zusammen mit Anja Kühnel, Leiterin des Jivamukti Yoga Berlin, die Klasse "The Hot, Hip & Holy".

Jivamukti Yoga Berlin veranstaltet zwischen Sonntag, den 4. und Freitag den 9. Juli täglich einen Workshop mit Dechen. Im Anschluss daran unterrichten Anja Kühnel und er bei einem einwöchigen Retreat in Süditalien. Nach ihrer Rückkehr am 18. Juli findet ein weiterer Workshop bei Jivamukti Yoga Berlin statt.

Englische Originalversion des Gesprächs

Zum Video-Interview mit Dechen auf yogaservice.de

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