Asana des Monats: Virabhadrasana 3 und Klarheit

Ein zentraler Leitsatz der Yogaphilosophie lautet, dass der Mangel an Klarheit Leiden verursacht. Ein durch viel Üben aufgeklärter Geist dagegen erkennt die Verbindung zwischen vermeintlichen Gegensätzen. Im Asana wie Virabhandrasana 3 lässt sich erfahren, wie sich Schweben und fester Stand gegenseitig bedingen. Yogalehrer Detlev Alexander erklärt, warum.

Im Alltag denken wir gerne in Gegensätzen: Entweder oder. Oben und Unten. Anstrengung und Loslassen. Innen und Außen. Ich und Du. Unsere heutige Gesellschaft zeigt die Tendenz, das Individuum, das „Ich-Projekt“, und damit die Unabhängigkeit vom Anderen zu betonen. Dagegen empfinden wir uns als Person häufig als Einheit – dabei sind wir immer viele auf einmal. Das Aufrechterhalten des Mythos von unserer persönlichen Unabhängigkeit lässt uns viel Zeit und Energie verschwenden. Eine Trennung aufzubauen, wo keine ist, ist zudem anstrengend und ermüdend.

Ein simples Beispiel aus dem Leben kann die gegenseitige Verbundenheit veranschaulichen: Bevor wir in einen Apfel beißen, hat er bereits eine lange Kette von Abhängigkeiten durchlaufen. Ein Bauer hat einen Apfelbaum gepflanzt, den Baum und später die Äpfel umsorgt und gepflegt. Die Äpfel wurden schließlich geerntet und von einer weiteren Person zu unserem Markt oder Geschäft befördert. Ohne diese lange Kette der Abhängigkeiten könnten wir nicht in den Apfel beißen. Thich Nhat Hanh, ein bekannter vietnamesischer Mönch und Zenmeister, nennt diese wechselseitige Bedingtheit das „Intersein“. Können wir eine Verbindung zum Apfelbauer sehen, wenn wir in den Apfel beißen? Wie der Schmetterlingseffekt in der Chaostheorie – der Flügelschlag eines Schmetterlings an einem Ort kann an einem ganz anderen Ort eine gewaltige Wirkung haben –, besagt: Die Wirklichkeit ist von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt; keine einzige Handlung eines Menschen verschwindet ohne jegliche Wirkung. Jede Handlung bereitet den Boden für eine Situation, die sich aus ihr ergibt.

All dies können wir sehr konkret in unserer Asanapraxis erkunden. Dabei spielen vermeintliche Gegensätze wie auch die gegenseitige Abhängigkeit eine große Rolle. Wie können zwei gegensätzliche Richtungen meine Haltung unterstützen? Wie kann die Erdung der Füße Länge und Streckung in der Wirbelsäule schaffen? Ebenso beeinflussen meine körperliche und geistige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit den Verlauf der Yogastunde. All dies sind Fragen und Untersuchungen, die es lohnen, in diesem Monat gestellt zu werden.

Viel Glück!

Detlev Alexander