Asana des Monats: Shavasana und Großzügigkeit

Es klingt paradox: Im Sterben fällt uns das Loslassen schwer. Üben wir aber das großzügige Loslassen, fühlen wir uns umso lebendiger. In Savasana sammelt man Erfahrungen mit diesem Zusammenspiel. Yogalehrer Detlev Alexander erläutert das Asana des Monats Juni.

Shavasana (von Shava, sanskrit für Toter, Leichnam) zählt zu den schwierigsten Stellungen des Yoga. Die Idee ist hier nicht, endlich mal ein Nickerchen zu nehmen, sondern in einen Zustand der entspannten Wachheit zu gelangen. Besonders gut eignet sich die Körperhaltung zum Abschluss einer Yogaklasse.

In diesem Asana entspannen wir uns vollkommen in den Boden hinein und lösen jede körperliche Anspannung. Psychologisch lassen wir all unsere Meinungen, Konzepte und Schutzpanzer hinter uns, die wir jeden Tag unbewusst immer wiederholen. Diese Gewohnheitsmuster und Gedankengänge kreieren Spannung, die sich in uns sammelt und sich im Gewebe des Körpers speichert. Diese Einpanzerung trennt uns von der Welt und unseren Mitmenschen.

In Shavasana beenden wir jegliches Festhalten, jegliche Identifikation. Wir lassen von all unserer Anhaftung, von unserem Körper, unseren Plänen und unseren Angehörigen. Auf diese Weise praktizieren wir ein bewusstes Sterben, ein Loslassen von den Dingen. In gewisser Weise simulieren wir das Sterben auf unserer Matte, um nach der Praxis als neues und frisches Wesen geboren zu werden. In dieser Befreiung können wir uns dem Unbekannten öffnen und in die grundlegende Bodenlosigkeit hinein entspannen.

Am Ende von Shavasana rollen wir uns auf die rechte Körperseite und gehen in die sogenannte Fötushaltung. Sie symbolisiert einen Neuanfang, der nicht vom herabziehenden Ballast beschwert ist. So können wir wieder gestärkt und erfrischt in den Alltag gehen. In Shavasana können wir das Loslassen als eine Geste der Großzügigkeit erfahren.

Viel Glück!

Detlev Alexander