11.664 Sonnengrüße plus Weltrekord gegen Aids

108 Tage lang floss eine 28-jährige Kanadierin täglich durch 108 Sonnengrüße und veröffentlichte ihre Gefühle und Gedanken dabei im Internet. Am 3. August war es geschafft, mit Weltrekord und Spenden für ein soziales Projekt. Aus dieser Erfahrung entstand ein lesenswertes Highlight neuer, praxisnaher Yogaliteratur.

„Hallo Welt!“, so eröffnet Yasmin Fudakowska-Gow am 18. April ihre öffentlichen Aufzeichnungen über ihr Projekt: 108 Sonnengrüße Tag für Tag. Was das praktisch bedeutet, steht Tag für Tag in ihrem Blog. Yasmin Fudakowska-Gow zeigte der weltweiten Yoga-Community 108 Tage lang, was Tapas – Durchhaltevermögen – ist. Die Anstrengungen veränderten Yasmins Körper und Geist zusehends. Außerdem experimentierte sie mit den vielen Formen und Variationen des Sonnengrußes – Dreieinhalb Monate lang denselben Sonnengruß wäre ja auch unzumutbar langweilig gewesen. 

Yasmin gehört ein Yogastudio rund 25 Kilometer außerhalb von Montreal. Sie praktiziere Yoga seit nunmehr 14 Jahren, fast zehn davon unterrichte sie jetzt schon, schreibt sie am ersten Tag. Zur Feier dieses Jubiläums habe sie sich dieses Projekt vorgenommen. Sie habe dafür trainiert, in längeren Testläufen ihre Konstitution geprüft – und sei jetzt stark genug, das Ding durchzuziehen. Neben dem persönlichen Motiv widmet sie die Mission auch einem erhabenen Zweck: Sie will die weltweite Yoga-Community vereinen und fordert ihre Leser zum Mitmachen auf. Und in der Tat melden sich schon am Ende von Tag eins Yogis und Yoginis zu Wort. Eine klagt über Kopfweh nach zu vielen Sonnengrüßen. Yasmin nimmt sich für die Antworten Zeit, rät unter anderem, den Nacken nicht zu verkrampfen und im Herabschauenden Hund konsequent die Schultern weg von den Ohren ziehen.

Morgens rund 30 Sonnengrüße, dann verteilt auf den Tag noch zig weitere, auch mal spätabends im Treppenflur mit der Unterstützung der Nachbarn – jeder Tag verläuft ein bisschen anders. Sie beschreibt ihren körperlichen Zustand meist als gut. Auch am 13. Tag, einem Freitag. Sie könne weinen vor Erschöpfung nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag, schreibt sie. Und ärgert sich über ihren jämmerlichen mentalen Zustand. Im Geiste hört sie schon die Stimmen der Spötter: „Warte erstmal den Tag 84 ab, dann wirst du erst richtig weinen!“. Dann ruft sie sich zur Raison, mit Gedanken an die schönen Erlebnisse, die der Tag ebenfalls brachte: So habe sie am Morgen einen „Yogasm“ gehabt, als sie bei Musik praktizierte. Musik zum Yoga sei definitiv ihr Ding.

Der 84. Tag liest sich übrigens wider Erwarten sehr idyllisch. Ein Samstag, Yasmin liebt Samstage. Sie geht mit ihrem Freund auf den Markt. 54 Sonnengrüße werden vor dem Frühstück, der Rest vor dem Abendessen absolviert. Tag 88 dagegen bringt eine interessante Wendung. Yasmin entschließt sich, die letzten drei der 108 Tage für einen neuen Weltrekord zu verwenden. Sie will 32 Stunden am Stück Yoga üben. Der bisherige Rekord im sogenannten „Yogathon“ lag bis dahin bei 29 Stunden und vier Minuten. Das Guinessbuch schafft eigens für Yasmin eine neue Kategorie: „Longest Yoga Marathon (female)“.

Aber dieser Rekord sei nicht für sie selbst, beteuert Yasmin und entschuldigt sich geradezu in ihrem Blog. Es sei sicher eher nicht yogisch, Rekorde anzustreben. Aber es sei für die „Sache“ Yoga. Außerdem wolle sie die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Rekordversuch mit sich bringe, für einen sozialen Zweck nutzen. Sie wird zur Aktivistin und beginnt ab sofort, für die Stephen Lewis Foundation zu sammeln, die sich dem Kampf gegen Aids in Afrika verschreibt.

  

Yasmin Fudakowska-Gow am Tag 99Centre Holistique OM West

  Am Tag 106 wird es ernst. Eine Freundin von Yasmin übernimmt die Blogeinträge. Sie fühlt sich geehrt. Die Kraft von Yasmin seien beeindruckend und inspirierend. Viele Helfer, Zeugen und Angehörige besuchen das Yogastudio. Die dichte Atmosphäre wird als „unterstützend“ beschrieben. Am Tag 107 kommt ein Reporter von der lokalen Zeitung ins Studio und fragt Yasmin nach dem Warum. Sie sitzt im Lotus auf der Matte und sagt: Sie habe in ihrem Unterricht so viele Schüler schon ermutigt, über ihre Grenzen zu gehen. Sie habe das geradezu gepredigt. Nun müsse sie selbst diese Grenzen überschreiten. Am Tag 108 ist es geschafft. Alle 108 mal 108 Sonnengrüße und – als Krönung – 32 Stunden Daueryoga. Der Blog-Eintrag fällt kurz aus, es ist vor allem: "I´m so grateful. Thank you Thank you Thank you." Dann schweigt das Blog für ein paar Tage.

Diese Woche hat Yasmin eine Nachlese gepostet. Es gehe ihr gut, sie sei nicht verletzt. Das einzige, was nerve, sei der Papierkram für die Eintragung ins Guinessbuch der Rekorde. Jetzt erstmal Urlaub in Maine. Sie wolle künftig täglich, außer Samstag, üben. An einem Tag in der Woche sollen es weiterhin 108 Sonnengrüße sein. Und sie habe 2.500 Dollar für die Stephen Lewis Foundation sammeln können. Sie wolle weitersammeln – ihr Ziel sind zusätzliche 10.800 Doller (108 und ein paar Nullen eben...). 

Wir gratulieren Yasmin zu dieser Aktion und wünschen erholsame Ferien. Hin und wieder werden wir sicher noch einmal in ihren Blogeinträgen herumschmökern. Sie geben ein wunderbares Beispiel für die drei Kardinalprinzipien des Yoga ab: die Niyamas Tapas (Durchhalten, auch an einem Tag, an dem man einmal keine Lust auf 108 Sonnengrüße hat), Svadhyaya (Sich selbst beobachten und die Beobachtungen in einem Tagebuch festhalten) und Ishvara Pranidana (die Anstrengung etwas Größerem widmen, zum Beispiel dem Miteinander der weltweiten Yoga-Community oder dem Kampf gegen Aids).

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Artikelfoto: Rekordversuch im Yoga-Marathon. © Centre Holistique OM West


 

 

 

 

Zum Thema

Zum Blog von Yasmin Fudakowska-Gow

Bis 1. Dezember noch läuft Yasmins Spendenaktion für die Stephen Lewis Foundation, die eigens dafür eine Spendenseite eingerichtet hat.

Spenden nimmt auch Yasmins Yogastudio Om West entgegen und leitet sie weiter.

Am 18. und 19. September ist wieder Global Mala Day: Yogis und Yogins rund um den Globus üben zusammen und widmen ihre Praxis dem Weltfrieden.

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